Angespannte Lage

Türkei-Experte: „Anschläge sind denkbar“

München – Die Lage in der Türkei ist angespannt. Der Hamburger Sozialwissenschaftler Yasar Aydin erklärt, was gerade in einem der liebsten deutschen Urlaubsländer passiert und wo es für Touristen gefährlich werden kann.

Die Türkei bekämpft gleichzeitig den Islamischen Staat und die kurdische Untergrundorganisation PKK. Die Lage ist angespannt, das Auswärtige Amt rät bei Reisen über Land zu besonderer Vorsicht. Der Hamburger Sozialwissenschaftler Yasar Aydin erklärt, was gerade in einem der liebsten deutschen Urlaubsländer passiert und wo es für Touristen gefährlich werden kann.

Was ist das für ein Konflikt, den wir gerade in der Türkei erleben?

Ein Doppelkonflikt. Einerseits zwischen der Türkei und dem IS. Da hat man der Türkei lange vorgeworfen, sie drücke ein Auge zu. Aber jetzt hat eine Kursumkehr stattgefunden. Die Türkei hat den Stützpunkt in Incirlik für amerikanische Luftangriffe geöffnet. Als Reaktion des IS gab es den Anschlag von Suruc. Jetzt ist die Türkei auf der Seite der Anti-IS-Allianz. Jetzt ist der Konflikt offen.

Was ist der zweite Konflikt?

Gleichzeitig gibt es einen neuen Konflikt mit der PKK. Da wird befürchtet, dass die Lage eskaliert. Diese Gefahr besteht.

Wo spielen sich diese Konflikte ab?

Das ist schwierig. Der Hauptschauplatz des Kampfes mit dem IS ist im syrischen Grenzgebiet. Aber man geht davon aus, dass der IS landesweit Geheimzellen unterhält. Insofern haben wir es auch mit einem relativ landesweiten Problem zu tun. Die Auseinandersetzungen der türkische Streitkräfte mit der PKK dagegen finden in der Südosttürkei statt.

Mehr als tausend Kilometer entfernt von den Tourismusgebieten.

Genau. Es ist auch relativ unwahrscheinlich, dass die PKK Badeorte angreift. Sie würde ihre Reputation riskieren, zumal es in Deutschland eine relativ PKK-freundliche Einstellung gibt. Die Kraft, die IS bekämpft – das würden sie ungern aufs Spiel setzen.

Warum ist der PKK das so wichtig?

Sie haben lange mit dem Staat verhandelt, nun droht die Eskalation. Aber sie wissen auch, dass sie irgendwann wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren wollen.

Gibt es andere Gefahren für Touristen? Ein Terroranschlag?

Es ist denkbar, dass der IS Anschläge als Racheakte durchführt.

Was raten Sie Touristen?

Die Badeorte werden sicher Vorkehrungen treffen. Aber es ist ratsam, sich von politischen Demonstrationen fernzuhalten. Den Südosten oder Grenzgebiete würde ich meiden. Genauso bestimmte Viertel, die als Hochburgen von Traditionlisten oder Islamisten gelten. Meiden würde ich auch politische Orte wie Kulturzentren linksradikaler, aber auch islamistischer Organisationen.

Zurück zur politischen Lage in der Türkei. Wie geht es weiter?

Es gibt zwei Thesen. Die einen sagen, Erdogan provoziert ganz bewusst einen Konflikt mit der PKK, weil er nach dem Verlust der absoluten Mehrheit Neuwahlen plant. Das ist möglich. Aber: Damit würde er vielleicht ein paar Prozentpunkte vom rechten Lager gewinnen, doch er würde weitere kurdische Wähler verlieren. Diese Strategie halte ich für unwahrscheinlich.

Die zweite These?

Es kann auch sein, dass die Regierung verhindern möchte, dass die PKK aus dem türkischen Vorgehen gegen den IS gestärkt rauskommt. Das könnte ich mir vorstellen. Entscheidend aber ist: Solange Erdogans AKP ihren autoritären Kurs fortsetzt, wird es zu einer Annäherung mit den Kurden nicht kommen. Dazu bräuchte es eine demokratische Wende. Die Frage ist, ob Erdogan und die AKP-Führung sich darauf einlassen.

Woran zeigt sich das?

Wenn es in den nächsten beiden Wochen in den Koalitionsverhandlungen mit der sozialdemokratischen CHP zu einer Einigung kommt. Dann können wir davon ausgehen, dass es eine demokratische Wende geben wird – in welchem Ausmaß ist eine andere Frage.

Wenn nicht?

Dann kann man das so interpretieren, dass die AKP weiter auf einen autoritären Kurs setzt. Das könnte auch zu einer Verschärfung des Konflikts mit der PKK führen.

Interview: Sebastian Horsch

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