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Lira stürzt immer weiter: Türken gehen nun auf die Straße - und Erdogan hofft auf einen Öl-Staat

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Erdogans Forderung nach niedrigen Zinsen setzt der türkischen Wirtschaft erheblich zu. Die Lira hat nun erneut einen historischen Tiefstand erreicht. Es gibt Proteste.

Ankara/München - In seiner fast 20-jährigen Zeit als Regierungs- und Staatschef hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder eine wirtschaftlich starke Türkei zum Kernziel gemacht. „Die alte Türkei“ sei nun Vergangenheit, hieß es regelmäßig. In der ersten Hälfte der Amtszeit schien noch alles gut zu laufen. Der Staatsagentur Anadolu zufolge verzeichnete die türkische Wirtschaft mit Erdogan ein jährliches Wachstum von durchschnittlich fünf Prozent. IWF-Schulden wurden bezahlt, Inflation und Arbeitslosigkeit gingen zurück während die türkische Lira an Kraft gewann. Doch seit einiger Zeit wendet sich das Blatt, und zwar immer schneller.

Aufgrund Erdogans Forderung nach niedrigen Zinsen und generell einer Wirtschaftspolitik, die meistens gängiger ökonomischer Theorie widerspricht, befindet sich die Lira im freien Fall. Allein dieses Jahr verlor die Lira rund 40 Prozent an Wert. Der Fall beschleunigte sich zuletzt am Dienstagabend (23. November).

Türkei: Erdogan beschwört „wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg“ - Lira reagiert mit starkem Einbruch

Auslöser des aktuellen Wertverlusts der türkischen Lira waren - wie schon so oft davor - Reden des Staatspräsidenten Erdogan. In seinen jüngsten Reden sah er hohe Zinsen erneut als Auslöser der schwierigen Wirtschaftslage und nicht als Mittel gegen die Situation. Die Entscheidung der Zentralbank, die Zinsen um 100 Basispunkte zu senken, begrüßte er. Dabei sprach er auch von einem „wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg“. Das türkische Volk werde aus diesem Krieg als Sieger hervorgehen, so Erdogan.

Vorwürfe, er könne mit der Wirtschaft nicht umgehen, wies der türkische Präsident indirekt zurück. „Wir wissen sehr wohl, was wir mit dieser Vorgehensweise machen, warum wir es machen, welchen Risiken wir gegenüberstehen und was wir am Ende schaffen werden“, behauptete Erdogan. Zuvor sagte er auch unter Verwendung einer Metapher, er habe „das Buch der Wirtschaft geschrieben“. Sein Ziel sei es, die Türkei aus dem „Teufelskreis“ von hohen Zinsen und niedrigen Kursen zu retten, weshalb man sich nun für einen „Kampf“ entschieden habe. „Zinsen sind die Ursache, Inflation das Ergebnis“, führte Erdogan an.

Die Lira reagierte jedoch mit einem mächtigen Einbruch. Binnen nur wenigen Stunden verlor die Währung 18 Prozent an Wert und erreichte einen historischen Tiefstand gegenüber Euro und Dollar. Ein Euro kostete erstmals in der Geschichte mehr als 15 Lira, während man jetzt mehr als 13 Lira für einen Dollar zahlen musste. Der Dienstag war der elfte Tag in Folge mit Verlusten. So handelt es sich nun um die längste Minus-Serie seit 20 Jahren.

Türkische Lira auf historischem Tief: Bevölkerung verliert Vertrauen - Demonstrationen gegen Regierung

Die Einbrüche des Lira wirken sich selbstverständlich auf die finanzielle Lage der Bürger aus. Die Bevölkerung beklagt hohe Preise bei Lebensmitteln. Auch an Tankstellen beispielsweise gehen die Preise ständig in die Höhe. Inzwischen sind tägliche Preiserhöhungen das neue Normal in der Türkei geworden. Die Bevölkerung verliert immer mehr das Vertrauen in die heimische Währung, weshalb Menschen ihr Geld in Dollar tauschen oder Kryptowährungen kaufen. Der starke Fall am Dienstagabend trieb viele Bürger hauptsächlich in Istanbul und der Hauptstadt Ankara auf die Straßen.

Mehrheitlich oppositionelle Gruppen liefen mit Plakaten sowie Pfannen und Schöpflöffeln rum - ein Trend, der insbesondere seit den Gezi-Protesten im Jahre 2013 regelmäßig bei Demonstrationen gegen die Regierung zu sehen ist. „Wir wollen nicht ärmer werden, damit manche reicher werden“ wurde in den Straßen geschrien. „Es reicht, unsere Arbeit wird gestohlen“ war eine weitere Parole der Demonstranten. Die Polizei riegelte bestimmte Straßen und große Plätze mit Barrieren ab, um größere Protestaktionen zu verhindern. Es kam offenbar auch zu kleineren Auseinandersetzungen und Verhaftungen.

Regierungsnahe Medien und Politiker warnten vor Provokationen durch „Mitglieder von Terrororganisationen“. Das Recht auf Demonstrationen habe man, doch man dürfe nicht zulassen, dass sich auch „terroristische Elemente“ in die Massen mischen. In den sozialen Medien wurde ebenfalls Kritik gegen Erdogan laut, während Unterstützer des Präsidenten mit dem Hashtag „Ich stehe zu meinem Staat“ in die Offensive gingen. In den nächsten Tagen werden weitere Demonstrationen erwartet.

Türkei: Ausländische Investitionen als Mittel gegen Lira-Einbruch? - Emiratischer Kronprinz zu Besuch in Ankara

Inmitten der heiklen wirtschaftlichen Lage könnten ausländische Investitionen eine Lebenslinie für die Türkei sein. Investoren in das Land zu locken ist mit einer schwachen Wirtschaft allerdings sehr schwer. Zwar sagt der IWF für dieses Jahr ein wirtschaftliches Wachstum von fast 10 Prozent voraus, doch aus Sicht europäischer oder amerikanischer Investoren wird das Wachstum durch die starken Lira-Verluste komplett zunichtegemacht.

Unterstützung könnte nun aus Abu Dhabi kommen. Der emiratische Kronprinz Muhammad bin Zayed wird am Mittwoch (24. November) die Türkei besuchen, erklärten Beamte den Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg. Zuvor bestand aufgrund von regionalen Streitthemen wie der Muslimbruderschaft und dem Krieg in Libyen ein angespanntes Verhältnis zwischen den beiden Ländern. Besonders nach dem Rückzug der USA aus Afghanistan und der amerikanischen Vernachlässigung des Nahen Osten angesichts chinesischer Herausforderungen suchen auch die Vereinigten Arabischen Emirate nach neuen Verbündeten gegen den Iran.

Die Türkei hofft, dass der Kronprinz des Ölreichtums nicht mit leeren Händen eintreffen wird. Höchstwahrscheinlich wird Bin Zayed eine hohe Summe an Investitionen in der Türkei tätigen. Dies zeigen auch die zunehmenden Kontakte zwischen den Wirtschaftsministern. Bin Zayed habe Erdogan in einem Telefongespräch bis zu 100 Milliarden Dollar Investitionen zugesichert, behauptete eine Quelle des london-basierten Online-Portals Middle East Eye. Dies könnte sich als frisches Blut für die türkische Wirtschaft erweisen. Sie hat es dringend nötig. (bb)

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