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Merkur-Redakteur Til Huber.

Umgang mit der Türkei

Erdogans Verachtung

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München - Der türkische Präsident Recep Erdogan hat das Spielfeld herkömmlicher Diplomatie verlassen, meint Merkur-Redakteur Til Huber.

Wertschätzung oder zumindest Respekt erkennt man auch am Ton, in dem man miteinander kommuniziert. Das gilt zwischen Menschen. Aber es gilt auch zwischen Staaten. Was sagt es also aus, wenn der türkische Präsident Erdogan einen der höchsten Repräsentanten der Europäischen Union – EU-Parlamentspräsident Martin Schulz – öffentlich als „Flegel“ bezeichnet? Wenn er ihm „Wer bist du?“ entgegenkreischt. Oder wenn der türkische Außenminister den deutschen, wie gestern geschehen, mit teils absurden Vorwürfen überhäuft. Aus diesen bewusst öffentlich zur Schau gestellten Aktionen spricht kein Respekt mehr. Daraus spricht Verachtung.

Erdogan lässt Oppositionelle verhaften. Er zertrümmert die Pressefreiheit. All das ist zu verurteilen. Aber der türkische Präsident hat sich ganz offensichtlich auch entschieden, das Spielfeld herkömmlicher Diplomatie zu verlassen. Mag sein, dass seine Leute hinter den Kulissen manches wieder einfangen. Aber wer sich weiter an eingeübte Gepflogenheiten hält, spielt inzwischen möglicherweise nach anderen Regeln. Es gibt jedenfalls einen Grad an Demütigung, der nicht mehr in offiziösen diplomatischem Erwiderungen aufzulösen ist.

Vor einer Woche hat die Kanzlerin den künftigen US-Präsidenten Donald Trump auf die gemeinsame Wertebasis hingewiesen. Solche Worte wirken hohl angesichts ihres bisherigen Umgangs mit der Türkei. Was sind Werte wert, wenn man es einem vermeintlichen Partner erlaubt, ihre Repräsentanten derartig zu brüskieren? Die europäische Politik muss gegenüber der Türkei endlich wirksamere Antworten finden. Das gebietet auch die Selbstachtung.

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