Nach dem Putschversuch in der Türkei

Kommentar: "Sultan" Erdogan ist am Ziel

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München - Erdogan ist am Ziel. Was noch fehlte, war ein „Geschenk Allahs“. Er bekam es in Form eines dilettantisch inszenierten und wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilten Militärputsches. Ein Kommentar von Werner Menner.

Jetzt gehört die Türkei ihm, jetzt ist er auch de facto der Sultan, der er immer sein wollte, denn künftig windet sich auch das Militär unter seinen Sohlen. Es gibt in der Türkei niemanden mehr, der ihn daran hindern könnte, „seinem“ Staat den letzten Schliff zu verpassen, Gegner, Kritiker und all jene, die er als solche brandmarkt, zu eliminieren. Die Jagd ist eröffnet, sie dürfte gnadenlos, gründlich und blutig werden.

Ja, es war ein Putsch gegen eine demokratisch gewählte Regierung. Blickt man aber auf die vielen Aktionen und dubiosen Begründungen, mit denen Erdogan in jüngster Vergangenheit Presse, Polizei und Justiz „gesäubert“ hat, so muss doch hinterfragt werden, ob in der Türkei von Demokratie noch die Rede sein kann – oder nicht vielmehr von Demokratur gesprochen werden muss? Ein Putsch ist keine Lösung. Dennoch sollten die Motive der Akteure hinterfragt werden: Handelten sie nach ägyptischem Muster, um eine Militärdiktatur zu errichten und ihre Macht zu zementieren, oder agierten sie aus Angst vor Erdogan und dessen islamistischer AKP? Der Verrat, den Erdogan seit langem am laizistischen Erbe von Staatsgründer Atatürk begeht, ist nicht nur jenen Türken, die von mehr Demokratie träumen, ein Dorn im Auge.

Und all jene Europäer, die diesen gescheiterten Putsch so vehement verurteilen wie sie sich über den gelungenen Putsch gegen eine ebenfalls demokratisch gewählte islamistische Regierung in Ägypten gefreut haben, sollten ihre Scheinheiligkeit endlich durch eine klare Linie ersetzen.

Rubriklistenbild: © Haag Klaus

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