Deutsch-österreichische Freundschaft: Claudia Roth (re.) und die österreichische Spitzenkandidatin bei der Nationalratswahl, Eva Glawischnig. Foto: Klaus Haag

Interview mit zwei Partei-Chefinnen

TV-Duell: Grüne beklagen Unfairness

München - Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth und ihre österreichische Kollegin Eva Glawischnig sind Fußballverrückte. Sie freuten sich gestern narrisch (wie man in Österreich so sagt) auf den Besuch des Fußballduells Deutschland-Österreich in der Allianz Arena.

Vorher trafen sie sich in unserer Redaktion zum Doppelinterview.

-Frau Roth, wie steht die Partie Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb?

Roth: Ein Spiel dauert 90 Minuten und entscheidet sich oft erst kurz vor Schluss.

-Aber wir sind in der 85. Minute, also gerade einmal zwei Wochen vor der Bundestagswahl, und es steht laut Umfragen 3:0 für Schwarz-Gelb.

Roth: Aber nein! Nie! Wir sind vielleicht in der 70. Minute, und es steht höchstens 2:1. Es ist noch nichts entschieden, die Zahl unentschlossener Wähler ist extrem hoch, um die 40 Prozent.

-Aber wie erklären Sie, dass Sie in den Umfragen an Zustimmung verlieren?

Roth: Wir wollen nicht Umfragen gewinnen, sondern Wahlen. Die derzeitigen Werte sind eine Auswirkung des Zweier-Duells zwischen Merkel und Steinbrück. Man tat so, als würde ein Präsident gewählt. Die ganze Dramaturgie war unwürdig. Das war Präsidentschaftswahlkampf wie in den USA und spielt Frau Merkel in die Hände. Sie verhält sich ja so, als wenn sie Präsidentin wäre. Ist sie aber nicht. So wie das abläuft, bekommt die Demokratie eine Delle. Die kleineren Parteien nur am Katzentisch – so geht das nicht.

-Soll man dann in Zukunft auf Fernseh-Duelle ganz verzichten?

Roth: Das nicht. Aber man muss die Parteien fair behandeln. Ich kann mich noch an Sternstunden der Fernsehgeschichte erinnern, Franz Josef Strauß gegen Jutta Ditfurth – da ging es noch zur Sache. Die klassischen Elefantenrunden mit den Spitzenkräften der Parteien, das war nicht so schlecht.

Glawischnig: Dass die Kandidaten von öffentlich-rechtlichen Sendern gleich behandelt werden, ist bei uns in Österreich eine Selbstverständlichkeit. Ich bin erstaunt, dass das in Deutschland nicht so gehandhabt wird. In Österreich tritt im ORF jeder gegen jeden an. Das sind 15 Duelle, ich habe erst eins – gegen FPÖ-Chef Strache – bestritten, vier stehen mir noch bevor. Und die Einschaltquoten sind erstaunlich hoch.

-Dass die Grünen in Umfragen abrutschen, war aber schon vor dem TV-Duell erkennbar. Welche Rolle spielen die Steuer-Rauf-Vorschläge der Grünen?

Roth: Moment. Wir machen keine Steuer-Rauf-Politik. Wir wollen Ausgaben kürzen, Subventionen abschaffen, aber wir müssen dem Staat auch mehr Einnahmen ermöglichen – für starke Kommunen, für den Ausbau von Kita-Plätzen und Ganztagsschulen und für die Sanierung der Infrastruktur. Aber 90 Prozent der Bürger werden durch das grüne Steuerkonzept klar entlastet. Der entscheidende Punkt ist, dass wir unsere Konzepte eins zu eins gegenfinanzieren.

Glawischnig: Die Literatin Ingeborg Bachmann hat einmal gesagt: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Diese Steuerzuckerl-Wettbewerbe, bei denen jeder jedem alles verspricht, sind unglaubwürdig. Die Leute sagen doch, das kommt eh nicht. Ehrlichkeit und Transparenz sind Qualitätskriterien grüner Politik.

Roth: Ich habe bei der Steuerdebatte die Frage von wohlmeinenden Menschen gehört: Frau Roth, warum sagen Sie denn vor der Wahl ehrlich und klar, was notwendig ist? Das ist doch eine beklagenswerte Einstellung gegenüber der Politik, dass man gar nicht erwartet, dass Politik auch vor einer Wahl ehrlich sagt, was hinterher passiert! Wahrhaftig sein, das ist meine Einstellung.

-Frau Roth, Sie waren früher Dramaturgin. War es nicht ein Regiefehler, ureigenste grüne Themen wie Umweltprobleme in den Hintergrund zu drängen?

Roth: Das tun wir nicht, im Gegenteil. Nehmen Sie die Debatte zum Veggie-Tag. Ich will bestimmt niemandem vorschreiben, was er essen soll. Wir wollen aber über gute Ernährung reden, über die industrielle Massentierhaltung, über die Gesundheitsgefahren durch massenhaften Einsatz von Antibiotika. In Altötting gibt es gerade einen Skandal. Im Celler Land soll eine Hühnerfabrik mit 450 000 Schlachttieren täglich gebaut werden – das ist dann Frischgeflügel aus dem Celler Land, da wird mir schlecht. In Nordschwaben will ein Niederländer einen Betrieb mit 3000 bis 5000 Muttersauen. Dagegen muss man durch Änderungen beim Baurecht, beim Emissionsschutz, mit der Förderung bäuerlicher Landwirtschaft vorgehen. Das wird in der Endphase des Wahlkampfs eine große Rolle spielen.

Glawischnig: Ist der Pferdefleischskandal schon vergessen? Man muss ja schon fragen, welches Galopprennen meine Lasagne 2008 gewonnen hat.

-Zur Energiewende. Ist der Strom bald grün, aber unbezahlbar?

Roth: Im Gegenteil: Sonne und Wind schicken keine Rechnung, Atom und Kohle kommen uns dagegen teuer zu stehen. Ein Grund für Preissteigerungen sind exzessive Ausnahmen bei der EEG-Umlage, selbst für Golfplätze und Schlachthöfe. Da könnten vier Milliarden eingespart werden. Schwarz-Gelb versucht die Energiewende zu untergraben. Die wollen eine Leistungssteigerung für den Atommeiler Gundremmingen und vergeben Bürgschaften für Atomkraftwerke in Brasilien.

-Das klingt jetzt so, als wäre Schwarz-Grün keine Option für Sie?

Roth: Ja. Das ist nicht vorstellbar. Ich kämpfe für Rot-Grün.

-Und in Österreich?

Glawischnig: Wir haben vier schwarz-grüne Landesregierungen, unter anderem in Tirol. Wir haben die Schwarzen gut erzogen.

Das Interview führten Dirk Walter und Georg Anastasiadis

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