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Kanzlerin Merkel und Herausforderer Steinbrück während des TV-Duells

"Merkels Abschlussworte waren nichtssagend"

Politik-Expertin Münch analysiert TV-Duell

München - Über das TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und SPD-Herausforderer Peer Steinbrück sprach der Münchner Merkur mit der Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing, Prof. Ursula Münch.

Wie fanden Sie das Duell? Gab es für Sie einen klaren Gewinner?

Ich fand, beide haben Punkte gemacht, beide haben auch geschwächelt, also insgesamt unentschieden. Ich bin aber der Auffassung, dass Steinbrück sich insgesamt besser geschlagen hat, als es die öffentliche Meinung ihm unterstellt hat.

Steinbrück verfolgte die Taktik kontrollierte Attacke. Hätte er noch offensiver sein sollen?

Die Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing, Prof. Ursula Münch

Im Nachhinein kann man natürlich fragen: Warum war er nicht aggressiver? Aber genau das hätte man ihm umgekehrt dann wieder vorgeworfen. Vielleicht hat er sich manchmal zu sehr zurückgenommen, weil ihm seine Berater im Vorfeld zur Vorsicht geraten haben. Im Großen und Ganzen hat sich sein Konzept aber bewährt. Denn Hauptziel war ja, von den vielen noch unentschiedenen Wählern möglichst viele für sich einzunehmen.

Ist das nur eine Momentaufnahme oder hält sich diese Zustimmung bis zum Wahltag? Nicht immer war der Sieger des TV-Duells auch der Gewinner der Wahl.

Das ist der Punkt. Eins darf man aber nicht übersehen: Da setzt sich ein Mechanismus in Gang: Nach dem TV-Duell wurde auf vier Fernsehsendern alles noch einmal nachtarockt. Jetzt sind alle Zeitungen von der Nachberichterstattung voll. Eine solch intensive mediale Betrachtung verzerrt aber im Grunde die Wirkung des eigentlichen TV-Duells. Es bleibt womöglich nur wenig von dem im Kopf, was wirklich zwischen den beiden stattgefunden hat, und ganz viel von dem, was hinterher darüber berichtet wurde. Damit können beide zufrieden sein, weil beide von führenden Medien durchaus wohlwollend bewertet wurden.

Hilft das Steinbrück mehr als der Kanzlerin?

Das ist das, was realistischerweise vonseiten der SPD erwartet werden konnte. Dass da kein furioser Sieg über eine insgesamt sehr souveräne und viel erfahrenere Kanzlerin herauskommen würde, war jedem klar. Vor diesem Hintergrund hat sich Steinbrück meines Erachtens gut geschlagen.

Sie sagen, die Kanzlerin war souverän. Was war ihr schwächster Moment?

Ich fand ihre Abschlussworte nichtssagend. Ich habe nicht verstanden, warum sie diese Möglichkeit, sich darzustellen, nicht besser genutzt hat. Da war sie nebulös und zu wenig konkret. Im Gegensatz zu Steinbrück, der manchmal vielleicht zu konkret war...

... etwa bei seiner Mahnung, die Pensionen der Beamten nicht zu sehr steigen zu lassen?

Da hat er Merkel eine Steilvorlage geliefert. Da nur an die Hochbesoldeten zu denken und nicht an die vielen kleinen Beamten mit höchst bescheidenem Einkommen – das hätte ihm nicht passieren dürfen. Da haben sich seine Berater sicherlich die Haare gerauft.

War das ein schwerer Fehler?

Ein strategischer. Inhaltlich hat er ja Recht. Jede Regierung muss darauf achten, wie sich das Verhältnis von Renten und Pensionszahlungen entwickelt. Aber Merkel hat wunderbar pariert. Da habe ich gedacht: Alle Achtung, das war ein Volltreffer. Ihn darauf hinzuweisen, dass er offensichtlich ein verzerrtes Bild von Pensionen hat und ihm damit zu unterstellen, er würde an die Pensionen der einfachen Beamten gehen, die wirklich hundsmiserabel sind – hier war Merkel rasch und klug in der Reaktion.

Was war Steinbrücks stärkster Treffer?

Das Thema Pkw-Maut. Frau Merkel das klare Nein herauszulocken und dazu noch den ironischen Gruß nach München zu schicken – das war ein Highlight.

Wie fanden Sie die Moderatoren?

Stefan Raab ist, wie er ist. Dass er aber dann doch ein bisschen aus dem Format herausgehen konnte, ohne von den anderen gebremst zu werden, hat mich überrascht. Aber insgesamt hat Raabs Neigung zur Selbstdarstellung der Sendung nicht geschadet, weil sie vielleicht geholfen hat, eine breitere Zuschauerschaft länger bei der Sendung zu halten.

Vielen Beobachtern, auch der ausländischen Presse, fiel die schwarz-rot-goldene Halskette der Kanzlerin auf. Wirken solche Äußerlichkeiten auf den „normalen“ Zuschauer?

Das wird übertrieben. Kein Mensch wird sich in seiner Wahlentscheidung von einer Halskette beeinflussen lassen, die ich übrigens sehr nett fand, weil ich dachte: Endlich hat sie mal was anderes an. Das war beim früheren US-Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon, der unrasiert zum TV-Duell kam, anders, weil er einen ungepflegten Eindruck machte.

17,64 Millionen Menschen haben das TV-Duell gesehen. Welchen Stellenwert hat ein solches Fernsehereignis im Vergleich zum Straßenwahlkampf?

Ich denke, das TV-Duell hat eine relativ große Wirkung, weil es heute sicherlich für viele Menschen am Arbeitsplatz oder anderswo Gesprächsthema war. Man redet miteinander und tauscht Positionen aus – das hat auch etwas Verbindendes. Und so viel Verbindendes gibt es in unserer Mediengesellschaft ja nicht mehr. Nichtsdestotrotz darf man nicht vergessen: Die Menschen wählen nicht einen von beiden, sondern Kandidaten der Parteien. Es ist also wichtig, dass der Wähler in der Wahlkabine etwas mit den Namen der Kandidaten auf den Wahlzetteln anfangen kann, sie vielleicht am Stand in seinem Wahlkreis persönlich getroffen hat. Ohne den Wahlkampf auf der Straße würde die Basis fehlen. Nur ein TV-Duell reicht nicht.

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