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Horst Seehofer und Christian Ude - ein TV-Duell auf Augenhöhe

Seehofer gegen Ude

So lief das hitzige TV-Duell in Studio 1

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München - Horst Seehofer gegen Christian Ude. In den Umfragen liegt der Ministerpräsident meilenweit vorn. Doch im TV-Studio agieren beide auf Augenhöhe: Es wird hart diskutiert, trotzdem bleibt der Ton freundlich.

Wer dann hüpft, der ist ein Sozi. Christian Ude fährt vor und springt fast aus seinem Audi. Der Mann steht unter Strom. Er sprintet zu den Unterstützern, läuft dann zum Studio, zwischendrin sprudeln die Worte nur so aus ihm raus. „Ich freue mich, dass es endlich zum Duell kommt“, ruft Ude: „Bisher war mein Gegenkandidat immer auf der Flucht.“ Nein, sagt Ude kurz vor der Türe, aufgeregt sei er „herzlich wenig“. Doch seine Hände zittern. Er spricht schneller als sonst, weniger getragen.

Man kann es verstehen. Es geht um verdammt viel in diesem einzigen TV-Duell, in dem er und Horst Seehofer aufeinandertreffen. Ude liegt ewig weit hinten, die Lage erscheint nach Zahlen hoffnungslos. Wenn er noch eine Chance haben will in der letzten Woche, dann muss er jetzt attackieren, kämpfen, siegen. 40 Prozent sind noch unentschlossen – die gilt es heute zu überzeugen. In dem Studio hinter der Tür, wo drei Holzpulte, vier Kameras und hundert Scheinwerfer auf ihn warten.

Die Ruhe vorzuspielen, gehört zum Ritual der noch jungen Duellgeschichte – in Bayern ist es erst das zweite. Bloß nicht nervös wirken. Seehofer gelingt das bei der Ankunft etwas besser. Die Hände in den Hosentaschen, schlendert er über das Areal. „Das vergeht wie im Flug“, sagt er für die 60 Duellminuten voraus. „Zack“.

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Es geht „zack“, das stimmt, denn das TV-Duell ist zwar reguliert, aber nicht ganz so bizarr wie jenes im Bund mit vier Moderatoren. Hier steht nur Sigmund Gottlieb, der BR-Chefredakteur – und selbst der muss irgendwann immer weniger fragen, weil Seehofer und Ude sogar auch miteinander sprechen. Das ist der Unterschied zum Berliner Duell, wo Angela Merkel und Peer Steinbrück etwas steif nebeneinander standen.

Die erste Frage geht an Christian Ude, so hat das Los entschieden. Und es ist eine schöne Vorlage – für beide Kandidaten. Es geht um die Pkw-Maut. Beide halten das für ihr Gewinnerthema, auch wenn auf Landesebene in dieser Sache wenig bis gar nichts entschieden werden kann. Ob er sich bei Angela Merkel für ihr Nein zu Seehofers Vorschlag bedanke, will Gottlieb wissen. „Ich bedanke mich nicht bei der Kanzlerin, sondern bei Horst Seehofer, der uns dieses Thema liefern kann“, freut sich Ude. Doch Seehofer hat ein Ass im Ärmel. Er zitiert eine Umfrage: 88 Prozent der Bayern seien für eine Maut für Ausländer – sogar 80 Prozent der SPD-Wähler. Ude verweist auf rechtliche Probleme, hat den Zahlen gestern Abend aber erstmal wenig entgegenzusetzen. Heute wird die SPD vermutlich entgegen halten, dass eine ADAC-Umfrage unlängst bundesweit nur 28 Prozent Zustimmung für eine Pkw-Maut ergab. Eine ganz schöne Differenz, die in den nächsten Tagen noch für Debatten sorgen könnte.

Es ist also gleich Pfeffer drin in diesem Duell der beiden Platzhirsche ihrer Parteien, die sich ja eigentlich durchaus schätzen. Beide tragen dunkle Anzüge und weiß-blaue Krawatten. Beide haben sie nicht trainiert, sagen sie zumindest, hatten nur einen freien Tag. „Authentisch. Da wird nix geschauspielert“, brummt Seehofer. Er könne nicht variieren zwischen „brüllendem Löwen und schnurrendem Kater“, sagt Ude in schwärzestem CSU-Sprech. Sich nicht zu verstellen, hatte ihm ja auch seine junge Generalsekretärin Natascha Kohnen vorher eingeflüstert: „Sei Du!“

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Glauben muss man beiden Seiten nicht. Sie haben in Wahrheit ganze Passagen einstudiert. Das Duell läuft noch keine fünf Minuten, da veralbert Seehofer Ude für seine „Wort halten“-Plakate, mitsamt geprobter Geste. Den Passus hat er sich lange überlegt, dafür sogar den monatelangen Grundsatz aufgegeben, den Namen seines Kontrahenten nie zu nennen. Ude bemüht sich demonstrativ, zu lächeln. Er hat Sätze über Betreuungsplätze und Maut auswendig gelernt, in denen er die Stimme stärker moduliert.

Wer beiden oft begegnet, bemerkt allerdings Unterschiede. Ude hat im Vergleich zu seinen Wahlkampfauftritten einige Gänge heruntergeschaltet. Zuletzt hatte er fast nur noch über Seehofer, aber nicht mehr über seine eigenen Pläne gesprochen. Das ist diesmal anders. Ude will nicht zu aggressiv wirken. Die Bayern, denen es mehrheitlich gut geht, wollen keinen Wadlbeißer als Landesvater. Aber ist er aggressiv genug, um für einen fundamentalen Wechsel zu werben?

Für Seehofer sind die Attacken dennoch ungewohnt: In seiner Partei herrscht der Ministerpräsident inzwischen mindestens so unumstritten wie einst seine Vorgänger Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber zu ihren guten Zeiten. Dass da dauernd einer an ihm rummäkelt, scheint er nicht gewohnt. Zwischen den Augen bilden sich zuweilen tiefe Falten. Mitunter wirkt er fast ein wenig grantig. Untypisch für ihn, der sonst fast immer in sich zu ruhen scheint. Er schwitzt heftig im Nacken, wo die Scheinwerfer draufbrennen.

Richtig hitzig wird es nach einer halben Stunde. Betreuungsgeld. Kinderbetreuung. Die alten Reizthemen zwischen Sozis und Konservativen. Seehofer preist, man habe inzwischen „die größte Dynamik“ beim Kitaausbau in den alten Bundesländern. Ude vergleicht ihn mit einem Marathonläufer. „Wenn der die erste Stunde verschläft, hat er dann auch die größte Dynamik, aber er läuft trotzdem hinterher.“ Seehofer kontert: „Wir sind die Nummer 1.“ Ude ruft gleich nach einem Fakten-Check. Und auch eine andere Frage wird zu klären sein: Seehofer behauptet, in München gebe es schon vier Klagen wegen fehlender Krippenplätze, Ude streitet das ab. Auf die Pressestelle des Münchner Sozialreferats wartet ein arbeitsreicher Tag.

Dagegen wirkt das Thema Energiewende anfangs fast schon harmonisch. Klar, die Strompreise sind zu hoch, finden beide. Und klar, die Unternehmen sollen ruhig ein bisschen mehr zahlen. Aber logisch, zu sehr belasten dürfe man sie auch nicht. Irgendwie so. Konkreter wird es, als Ude Seehofer vorwirft, er torpediere mit seiner neuen Linie zu den Abständen von Windrädern die Energiewende. Die Kommunen vor Ort seien völlig verzweifelt, weil sie ein Jahr geplant hätten und nun wieder von vorne anfangen müssten. Er regiere nicht für die Planer, sondern für die Bürger, faucht der Ministerpräsident zurück. Und überhaupt: „Ich bin einer der Architekten der Energiewende.“ Der Satz hat Potenzial für einen Klassiker.

Ude, anfangs etwas haspelig, wird sicherer im Lauf des Duells. Sein Problem dabei: Er wird dann auch langsamer, die Sätze dehnen sich. Wenn Seehofer redet, brummelt Ude „Richtig, richtig“, oder „Unfug!“ dazwischen, das wirkt oberlehrerhaft. Am Ende ist nicht er es, der attackiert – Seehofer dreht sich nach links, spricht ihn direkt an und greift an. „Ich hab’ Sie geschont mit einer halben Milliarde“, schnauft er Richtung Ude beim Thema Landesbank. Die Sparkassen habe er geschont, gerade die in München. Er erwarte mal ein Danke dafür. Es kommt keines.

Ude kann dafür beim Thema Mollath punkten. Da stellt Seehofer defensiv die Sachlage dar. Ude hört genüsslich zu und zerpflückt ihn dann. Die Justizministerin Beate Merk solle „still und beschämt das Ende ihrer Amtszeit abwarten“, raunzt er, statt so tun, als habe sie so lange an Gustl Mollaths Gitterstäben gerüttelt, bis er raus durfte.

Es ist ein großes Schauspiel an diesem späten Mittwochabend in Unterföhring. Noch während die Kombattanten in Studio 1 stehen, wieseln draußen ihre Vertrauten durch Studio 2. Sie flüstern den Journalisten an den Laptops dort Deutungen zu. „Der Brüller“, sei doch der Ärger um die Maut, murmeln Rote. Schwarze kichern bei Udes Versprechern, wenn er „Laut“ sagt statt „Maut“. Hihi. Im Internet twittern und facebooken die Parteigänger um die Wette.

Die Schluss-Statements sind gerade verklungen, diesmal das von Ude doch etwas strukturierter, da stehen die Duellanten fast nebeneinander hinter den Kameras in Studio 1. Im Nahmodus merkt man, dass auch Seehofer Adrenalin gepumpt hat. Die Mitarbeiter laufen auf ihn zu, überschütten ihn mit Lob. Er nickt. Ein bisserl boshaft zitiert er als Duell-Bilanz Strauß: „Wir machen das Stück Opposition selbst mit.“

Seehofer gegen Ude: Bilder vom weiß-blauen TV-Duell

Seehofer gegen Ude: Bilder vom weiß-blauen TV-Duell

Hat er aber nicht. Von Ude wabert nur der Satz durchs Studio, dass Seehofer fast drei Minuten länger reden durfte. „Eine gewisse Weitschweifigkeit Seehofers“ diagnostiziert er, „das kostet immer etwas Zeit“. Udes Leute wissen aber auch: Er hätte kämpferischer auftreten müssen. „Mehr Angriff wäre besser gewesen“, sagt Oberbayerns SPD-Chef Ewald Schurer, wenngleich Ude der „klare Gewinner“ des Duells sei. Natürlich.

Der BR hat keine Umfrage über einen Sieger in Auftrag gegeben. Dafür die CSU. Sieger ist laut Alexander Dobrindt – völlig überraschend – Horst Seehofer mit 62 zu 26. Auch das Prognos-Institut behauptet am Abend, Seehofer habe mit 56 zu 28 gewonnen. Basis 1000 Befragte. Auftraggeber zunächst unbekannt.

Ude selbst denkt ein bisschen nach. Die roten Jubler draußen und die schwarzen Konterkängurus sind längst verschwunden, es wird stiller. Dann bilanziert er nüchtern und wohl treffend: „Ich habe heute gepunktet. Ohne dass alles auf den Kopf gestellt wurde.“

Viele weitere Informationen rund um die Landtagswahl finden Sie unter www.merkur.de/wahl13 sowie auf facebook.com/landtagswahl.bayern

von Christian Deutschländer und Mike Schier

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