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Das Grünen-Spitzenduo Ludwig Hartmann und Katharina Schulze stoßen mit den Stammtischbrüdern Christopher Witzke und Sebastian Kriesel (v.l.) an.

Hartmann und Schulze stellen sich den Lesern

Wahlkampf-Stammtisch mit Grünen-Duo: „Es gibt drei Arten von Politikern“

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Der Wahlkampf-Endspurt ist längst eingeläutet. Das Spitzenduo der Grünen stellt sich dem Stammtisch in der Wirtschaft „Zum Stiftl“. Dabei geht es auch um den urbayerischen Übervater.

München - Es ist das richtige Ambiente für das Grünen-Spitzenduo: Die erst seit dem Sommer eröffnete Wirtschaft „Zum Stiftl“ im Tal ist bayerisch-traditionell, aber trotzdem modern - genau so, wie sich Katharina Schulze und Ludwig Hartmann im Wahlkampf präsentieren möchten. Hier trifft sich seit Eröffnung der Wirtschaft regelmäßig ein Stammtisch von jungen Aubingern - und ein Freund aus der Au darf wegen der passenden Vorsilbe auch dabei sein. Schulze, die grundsätzlich keinen Alkohol trinkt, bestellt sich eine Spezi und stellt gleich mal die für die Süßigkeiten-Liebhaberin entscheidende Frage: „Mögt ihr Kuchen oder Eis lieber?“ Als das geklärt ist, wendet sich der tz*-Wahlkampf-Stammtisch dann doch noch der Politik zu.

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Christian Schöttl (40), Selbstständiger: Wir kommen aus Aubing, da hört die Stadt auf. Direkt danach fangen die Bauernhöfe an. Und jetzt kommt das Mega-Bauprojekt Freiham…

Katharina Schulze: Die Stadt muss sich natürlich entwickeln, dabei muss allerdings die Infrastruktur Schritt halten. Die S-Bahnen im Westen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, sind immer voll. Wir stellen zur Ertüchtigung der Außen­äste und dem weiteren Ausbau der S-Bahn seit Jahren Anträge und fordern Schnellradlwege vom Umland in die Stadt. Da muss jetzt endlich mal was passieren.

Ludwig Hartmann: Der Freistaat ist in der Pflicht, eine ausreichende und zuverlässige Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr zu schaffen. Wenn ich mir anschaue, dass die Strecke Richtung Lindau jetzt endlich elektrifiziert wird – das hat viel zu lange gedauert. So lange, dass sogar die Schweiz Deutschland Geld angeboten hat, damit das Vorhaben schneller vorangeht. Das ist kein Ruhmesblatt und darf sich nicht wiederholen.

Schöttl: Wir sitzen hier beim Bier, uns geht’s doch richtig gut. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Leute heute mehr jammern als früher, wo sie weniger hatten.

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Hartmann: Jammern würde ich das nicht nennen. Die Leute haben aber das Gefühl: Dem Land geht’s gut, aber die eigentlichen Probleme werden nicht angepackt! Wenn man zum Beispiel das Thema Kinderbetreuung in München anschaut: Da hat man das Kind mühselig im Kindergarten untergebracht, aber dann funktioniert das drei Jahre später mit dem Hortplatz schon wieder nicht! Das weckt bei den Bürgern Unzufriedenheit.

Sebastian Kriesel (35), Angestellter im öffentlichen Dienst und CSU-Mitglied: Daraus wird dann eine Wut auf das ganze System.

Schöttl: Viele Leute schieben dann alles auf die Flüchtlinge.

Schulze: Aber das ist doch absurd! Bei unseren Town-Hall-Veranstaltungen…

Hartmann: … das ist so eine Art Stammtisch mit 100 Leuten…

Schulze: …da fragen uns die Leute natürlich schon auch nach der Flüchtlingsproblematik, aber es ist nicht das einzige große Thema, wie es uns in den Medien manchmal erscheint. Es gibt Kräfte in unserer Gesellschaft, die wollen, dass dieses Thema ständig gespielt wird.

Stolz zeigt Game-of-Thrones-Fan Katharina Schulze ein Foto ihrer Faschings-Verkleidung als Daenerys Targaryen.

Kriesel: Das meine ich auch. Und dann passiert wieder was, dass ein Einzelner einen niedersticht oder Ähnliches, das wird dann zum ganz großen Thema. Wohnungsnot, fehlende Kinderbetreuung, schlecht ausgestattete Schulen, das geht dann alles unter.

Schulze: Wir als Politiker haben die Verantwortung, das Thema Flüchtlinge richtig einzuordnen - wir dürfen es weder schönreden noch zum Hetzen missbrauchen. Wir müssen Maßnahmen ergreifen, damit Integration gelingt, ohne es zum Hype zu machen. Da würde ich mir eine sachlichere, emotionslosere Debatte wünschen. Aber wenn ein CSU-Chef sich freut, dass zu seinem 69. Geburtstag 69 Menschen abgeschoben werden, hilft das sicher nicht. Die einen sind dann wieder empört, die anderen sagen, da hätten wir noch viel mehr abschieben müssen - und schon ist man wieder in dieser Dauerschleife drin.

Kriesel: Das bringt uns ja nicht weiter. Bei uns in Aubing draußen sind über 1000 Flüchtlinge untergebracht - da sind viele anerkannte Flüchtlinge dabei, die aber aus der Einrichtung nicht rauskommen, weil sie keinen Wohnraum finden.

Hartmann: Und andere dürfen nicht arbeiten! Wir Bayern sind ja gemütliche Menschen, aber wir haben auch so ein Anpacker-Gen: Wir müssen neidlos anerkennen, dass wir in Bayern das besser gemanagt haben als jedes andere Bundesland. Aber dann kam dieses Angst- machen. Dabei würde es doch jetzt darum gehen: Wie schaffen wir den Wohnraum, wie bringen wir die Leute in Arbeit, damit sie zu Kollegen und Freunden werden. So funktioniert doch Integration!

Matthias Stolz (38), Kino-Betreiber (Museumslichtspiele): Aber Lösungen zu bieten ist für die Politiker halt schwieriger als nur Angst machen!

Schulze: Genau! Es gibt drei Arten von Politikern und Politikerinnen: Den Amtsinhaber, der super im Verwalten ist. Den Demagogen, der alle aufhetzt. Und das dritte ist der Staatsmann oder die Staatsfrau, die eine Vision von der Zukunft haben. An denen kann man sich auch reiben! Wenn man Orientierung geben will, muss man sich auch mal hinstellen und einen klaren Standpunkt vertreten.

Stolz: Beim Wort Visionen muss ich an Helmut Schmidt denken: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen… Hat man denn heute, in dieser immer schneller werdenden Zeit, mit dem Zwang zum Abstimmen mit EU-Partnern, überhaupt noch die Chance, so eine Vision zu verwirklichen? Wir können doch nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren!

Hartmann: Wir dürfen nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern brauchen eine Politik der langen Linien.

Stolz: Aber in der EU müssen wir auch mit einem Viktor Orbán umgehen, was helfen da die eigenen Leitlinien?

Hartmann: Gerade da muss man sich klar sein, wo man selber hinwill. Bevor man sich mit Orbán trifft, sollte man schon wissen: Will ich mehr oder weniger Europa? Dann kann man auch Gespräche mit schwierigen Persönlichkeiten führen.

Neben ernster Politik gab’s für das Grünen-Spitzenduo am Stiftl-Stammtisch der Aubinger auch viel zu lachen.

Stolz: Da muss man gar nicht nach Brüssel schauen. Schon in den Koalitionen in Deutschland können die nicht mehr richtig zusammenarbeiten. Das überträgt sich auf die Gesellschaft, die auch immer egoistischer wird. Für unsere Aubinger Vereine wird es immer schwerer, junge Leute zu finden, die mitmachen!

Kriesel: Früher ging die halbe Schulklasse zur Freiwilligen Feuerwehr - heute gibt es Gemeinden, die keine vernünftige Feuerwehr mehr zusammenbekommen. Kaum einer ist mehr bereit, ein wenig von seiner Zeit für andere abzugeben.

Hartmann: Da müssen aber auch die Arbeitgeber mitspielen und den Leuten freigeben, wenn die zu einer Übung müssen!

Stolz: Ich glaube, die meisten Arbeitgeber sind dazu bereit - denn das Gros bei uns ist immer noch der Mittelstand. Die sind froh, wenn die einen Mitarbeiter haben, der bei der Feuerwehr ist und der weiß, wenn in der Firma was brennt, was zu tun ist. Wir brauchen wieder mehr gemeinschaftliches Denken!

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Schulze: Habt ihr nicht das Gefühl, dass das gerade wieder besser wird? Es stimmt, viele Jahre haben sich die Leute ins Private zurückgezogen. Aber ich glaube, dass die Leute sich jetzt wieder mehr engagieren.

Schöttl: Es muss wieder mehr menscheln, auch bei den Politikern!

Schulze: Das ist aber so ein zweischneidiges Schwert. Denn einerseits wollen die Leute, dass Politiker menscheln. Wenn ich dann aber mal nicht so rede wie der typische Politiker, dann heißt es: Wie redet die denn daher?

Stolz: Viele sagen: Wir bräuchten wieder so einen wie den Franz Josef Strauß. Aber ich bin sicher: Den würde heute keiner mehr wählen! Der hat nämlich auch mal Mist geredet und Mist gebaut - und damals haben’s ihm die Leut verziehen.

Schöttl: Der FJS-Anstecker ist unser meisverkaufter Anstecker in meinem Souvenirstandl. An zweiter Stelle kommt der Monaco Franze, an dritter der König Ludwig.

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Hartmann: Den Söder habt ihr noch nicht als Anstecker?

Stolz: Was mich an den Politikern auch nervt, ist, wenn sich zum Beispiel SPD-Chefin Andrea Nahles am Wahlabend wieder hinstellen wird und als Erstes sagen wird: Die Union hat verloren! Statt sich hinzustellen und die eigene Niederlage einzugestehen.

Schulze: Wir versprechen, dass wir am Sonntagabend nicht als Erstes von der CSU reden werden! Wir haben das im Wahlkampf schon so gehalten: Wir arbeiten uns nicht an den anderen ab, sondern erzählen, was wir wollen! Ich überzeuge dich doch nicht, indem ich sage, was an den anderen schlecht ist.

Kriesel: Ja, dieses ewige Schlechtreden der anderen Parteien macht auf die Dauer die Demokratie kaputt. Dann wundern wir uns, wenn am Ende nur noch 30 Prozent zur Wahl gehen.

*tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Aufgezeichnet von Marc Kniepkamp und Klaus Rimpel

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