Udes langer Lauf

So geht Münchens OB in den Wahlkampf-Endspurt

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München - Es geht in den Endspurt: Seit zwei Jahren kämpft Christian Ude (SPD) mit erstaunlicher Energie dafür, Ministerpräsident von Bayern zu werden. Zwei Wochen bleiben ihm noch. Er selbst glaubt an seine Chance – viele andere sind skeptisch. Warum ist das so? Eine Langzeitbeobachtung.

Mit dem Protokoll nehmen sie es im Festzelt von Miltenberg nicht so genau. Eben ist Christian Ude tapfer eine Weile über das Volksfest gestapft. Tapfer, weil es a) furchtbar schüttet und b) deshalb kein Wähler in Sicht ist. Allein die Dorfjugend sitzt am Autoscooter – doch die ist weder wahlberechtigt noch sonderlich politisiert. Der Rest des Städtchens hockt im Festzelt, das Ude nun mit nassen Füßen betritt. Und was macht die Kapelle? Sie spielt den Defiliermarsch, der eigentlich dem Ministerpräsidenten vorbehalten ist. Passt. Genau das will Christian Ude werden.

Vom Münchner Rathaus in die Staatskanzlei wären es ja nur ein paar hundert Meter. Doch Ude muss einen Umweg nehmen, 50 000 Kilometer kreuz und quer durch Bayern. Noch zwei Wochen bleiben dem SPD-Kandidaten, um die mauen Umfragewerte Lügen zu strafen. Der 65-Jährige hat sich eine ziemliche Ochsentour aufgeladen. Durch Niederbayern, die Oberpfalz, Mittelfranken und das Unterallgäu. Ude absolviert sie mit bemerkenswert sonnigem Gemüt, die Stimmung im Wahlkampfbus hat etwas von Klassenfahrt. Hinten sitzen hier nicht die Rüpel, sondern der Chef und seine engsten Mitarbeiter, die sich die schlechten Werte nicht erklären können.

18 Prozent? Dafür ist die Resonanz bei den Wahlkampfauftritten zu positiv. Ude im ländlichen Raum nicht vermittelbar? Dazu ist die Basis dort zu motiviert – noch nie wurde so viel Werbematerial bestellt. Das Rennen gelaufen? Dazu ist das bayerische Wahlrecht zu komplex. Und vor allem sind sie selbst viel zu begeistert von ihrem Chef.

In Miltenberg ist Ude ein Überraschungsgast, kein Plakat verriet seinen Auftritt. Der örtliche Bürgermeister hat ihn eingeladen. Der ist übrigens von der CSU. Fast ehrfürchtig begrüßt er den bekannten Kollegen aus der Landeshauptstadt. Die SPD im Ort, die natürlich Bescheid wusste, hat die Bänke vor der Bühne gekapert und klatscht eifrig. An den Rändern des Zeltes herrscht, nun ja, nennen wir es freundliche Gleichgültigkeit. Immerhin: Keiner pfeift. „Schon ganz gut, dass der sich hier blicken lässt“, findet eine ältere Frau. Der junge Mann am Nachbartisch hat andere Probleme. Das Bier treibt, aber die Beine gehorchen nicht mehr.

Als der Oberbürgermeister in Miltenberg ans Mikrofon tritt, hat er bereits einen weiten Weg hinter sich. Nicht nur heute, fünf Stunden im Stau auf der A 9. Nein, zwei Jahre schon ist Christian Ude auf Tour. Früh ist er losgelaufen. Selbst in der eigenen Partei sagen manche: zu früh. Sollte es am 15. September nicht klappen, wird es heißen: Ude hätte länger warten müssen. Es ist Anfang August 2011, als Florian Pronold in unserer Zeitung eine Andeutung macht, dass Ude einer der möglichen Herausforderer von Horst Seehofer sein könnte. Was damals kaum einer weiß: In kleinem Kreis haben zuvor erste Gespräche stattgefunden, in denen der Münchner OB seine Kandidatur nicht kategorisch ausgeschlossen hat. Was aber selbst Eingeweihte nicht ahnen: Dass Ude nach der Zeitungslektüre mit Pronolds Worten öffentlich seine Bereitschaft erklärt. Er, der über Jahrzehnte die Genossen offen verspottet hatte. Er, der sorgsam Distanz zu diesen Verlierern gehalten hatte. Er will plötzlich in die erste Reihe?

Es ist eine Selbstausrufung. Die Partei fällt vor Ude auf die Knie. Wenn nicht er – wer dann? Die ersten Monate befindet sich die Bayern-SPD im kollektiven Rausch. Endlich ein Alphatier. Einer, der Regierungsverantwortung vorzuweisen hat. Einer, der Wahlen gewinnen kann. Als der Landesvorstand Ude im Oktober 2011 offiziell auf den Schild hebt, geschieht das nicht im Hinterzimmer, sondern im Münchner Literaturhaus. Ein Dutzend Kamerateams reißt sich um die besten Bilder. Hinterher berichtet der oberbayerische Vorsitzende Ewald Schurer von einem „Blitzen in den Augen“ der Teilnehmer. Von einem Gefühl, „bei etwas Historischem dabei zu sein“. In den Umfragen klettert die SPD auf 24 Prozent.

Die Euphorie erreicht sogar Berlin. 5. Dezember 2011: Genossen, die sich lange nicht sicher waren, ob es überhaupt einen bayerischen Landesverband gibt, glauben sich im falschen Film. Sonntagmorgen um kurz nach 10, inmitten der üblichen Parteitagsträgheit, genauer: bei der Aussprache über den Leitantrag Wirtschaft und Finanzen, reißt sie dieser schnauzbärtige Mann mit seinen langen Sätzen aus ihrem Kater vom Delegiertenabend. Es ist eine der besten Reden, die Ude in diesen zwei Jahren hält: „Mir wird gelegentlich – ich weiß auch nicht warum – unterstellt, ich würde alles scherzhaft meinen. Deshalb die Klarstellung: Meine These, dass es nach 55 Jahren keineswegs übereilt oder überstürzt ist, die CSU in die Opposition zu schicken, ist mein voller Ernst.“ Was ist das denn? Diese Ironie! Dieser Wortwitz! Kann das einer von uns sein? Die Delegierten schlagen sich gegenseitig auf die Schultern. Es ist der Moment, in dem die Parteispitze kollektiv beschließt, diesem Ude im Wahlkampf zur Seite zu springen. Alle glauben: Der schafft das. Wachablösung in Bayern. Da wollen sie dabei sein.

Im Rückblick scheint es logisch: Auf einen Rausch folgt der Kater. Und wenn man ehrlich ist, dann haben sich die Genossen bis zwei Wochen vor der Wahl nicht von diesem Kater erholt. Die Gründe sind vielfältig. Aber die entscheidende Frage lautet: Was kann das Ruder noch herumreißen?

Mykonos im August 2012. Noch ein Jahr bis zur Wahl, Halbzeit in seinem Kampf um die Staatskanzlei. Christian Ude sitzt auf der Terrasse seines Ferienhauses in der Abendsonne und schneidet Tomaten. Ude hat einem Besuch zugestimmt, weil er zeigen will, dass er in seinem Feriendomizil ziemlich bodenständig haust. Der Besucher aber bekommt vor allem eine der seltenen Gelegenheiten, bei Ude selbst hinter die Fassade zu blicken. Hier sitzt nicht der Politprofi, der sich hinter Wortgirlanden verschanzt. München ist weit weg. Miltenberg noch weiter. Als die Sonne untergegangen und der letzte Ouzo getrunken ist, bleiben überraschende Erkenntnisse. Erstens: Udes Frau hat sich mit Händen und Füßen gegen diese Kandidatur gewehrt (später wird sie sagen: „Ich habe geheult vor Wut“). Doch Ude wollte unbedingt. Warum? Natürlich weil er eitel und selbstverliebt ist. Natürlich will er den verschnarchten Genossen zeigen, wie man eine Wahl gewinnt. Doch vor allem will er der Partei, an der er sich 40 Jahre lang leidenschaftlich gerieben hat, am Ende seiner Karriere einen Dienst erweisen. Und weil auch Edith Welser-Ude eine echte Sozialdemokratin ist, begleitet sie ihren Mann nun bis in die Oberpfalz.

Die Udes wissen, was auf dem Spiel steht: Für die Bayern-SPD ist diese Kandidatur so etwas wie die letzte Chance. In den nächsten Wochen geht es für sie um den Status einer Volkspartei. Sie braucht ein besseres Ergebnis, sogar zwei. Ude will eines davon liefern. Mehr Prozente bedeuten mehr Geld, mehr Personal, bessere Strukturen. Ude hat längst am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn es in Landkreisen kaum noch Ortsvereine, geschweige denn einen Abgeordneten gibt. Doch schon im August 2012, während er auf Mykonos in die untergehende Sonne blickt, bewegen sich die Umfragewerte wieder unter 20 Prozent. In diesem Moment ist er noch sicher, dass es bald wieder aufwärtsgeht.

Es kommt anders. Natürlich hat das mit dem Bundestrend zu tun. Steinbrücks Bayern-Auftritte liefern keinen Rücken-, sondern Gegenwind. Der wichtigste Grund für das dauerhafte Umfragetief aber heißt Horst Seehofer. Eine Zeit lang sieht es so aus, als liefere der Ministerpräsident Vorlage um Vorlage. Studiengebühren, Wehrpflicht, Energiewende, Mietpreise, Donauausbau – der CSU-Chef wirft einen Grundsatz nach dem anderen über Bord. Wohlfühlpolitik. Alles, was die Bürger aufregt, wird aufgegeben, Wechselstimmung im Keim erstickt. Als „Drehhofer“ verspotten ihn SPD und Grüne und finden das furchtbar lustig. Bis ihnen auffällt, dass keines ihrer Gewinnerthemen übrig bleibt. Warum die Bayern Seehofer all das mit einem Schulterzucken verzeihen, ist eine andere Geschichte. Hier geht es um Ude. Und der hat weitere Probleme.

„Jetzt liefern wir ein zweijähriges Crescendo“, hatte der frischgebackene Spitzenkandidat bei seiner Nominierung im Oktober 2011 versprochen. In dem Satz schlummern gleich mehrere Tücken. Die Wortwahl steht für genau jenen kulturbeflissenen, belesenen Schwabinger Intellektuellen, der nicht die Sprache vieler Bayern spricht. Hinzu kommt: Auch inhaltlich hat Ude den Satz nie mit Leben erfüllen können. Auf einen langsam lauter werdenden Wahlkampf warten die Bayern bis heute. Während des Hochwassers bleibt Ude, der kein Katastrophen-Tourist sein will, in München, während Seehofer vor Ort Hilfe verspricht. Nicht einmal von der Landtagsaffäre profitieren die Sozialdemokraten. Noch immer sucht Ude nach einem Gewinnerthema – er setzt nun auf Seehofers Pkw-Maut, die mit dem Europarecht nur schwer zu vereinbaren ist. Auch der Ausfall des CSU-Chefs gegenüber WDR-Journalisten liefert neue Munition.

Bislang waren es eher Udes Pannen, die der CSU Vorlagen bescherten. Die Genossen haben ein kleines Team mit großen Aufgaben. Da passieren Fehler: der Strafzettel bei der Vorstellung des Wahlkampfbusses, die nicht neue Idee mit dem „Wort“-Halten und natürlich die geographischen Pannen, die die CSU gnadenlos ausschlachtete. Der CSU ist es gelungen, den Münchner Oberbürgermeister wie einen Tölpel aussehen zu lassen. Natürlich ist das Quatsch. Trotzdem sagen inzwischen viele: Ude passt nicht zu Bayern. Dabei hatte ein Horst Seehofer sein ganzes Politikerleben nicht in Bayern gearbeitet, ehe er 2008 über Nacht Ministerpräsident wurde. In zwei Wochen wird er erstmals in den Landtag gewählt.

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August 2013. Unterwegs im Wahlkampfbus durch Unterfranken. Auf Miltenberg folgt Kitzingen. Doris Aschenbrenner ist zugestiegen, Udes junge Beraterin in Sachen Netzpolitik. Angeregt diskutieren sie. Hier oben ist das Internet im ländlichen Raum ein großes Thema. Jeder Betrieb, jeder Selbstständige ist darauf angewiesen, sich online zu bewegen. Die Staatsregierung hat jahrelang gepennt. Ein Gewinnerthema? Seehofer hat es zur Chefsache erklärt. Zehn Minuten später steht Ude im Kitzinger Rathaus. Es fängt launig an. Der Hofrat hat ihn begrüßt, die Weinkönigin, die Gartenbau-Prinzessin und anderer weiblicher Landadel haben ihren Knicks vollführt. Jetzt, es ist 10 Uhr morgens, wird mit Wein angestoßen. Aber die Weinbauern haben die Rechnung ohne die Landrätin gemacht. Sie ist von den Freien Wählern und will nicht nur Höflichkeiten austauschen: Was ist mit der Breitbandversorgung? Was will Ude für den ÖPNV tun? Wie sieht es mit den Schulen aus? Und obendrauf: „Ihnen eilt ja der Ruf voraus, ein Großstädter zu sein...“ Willkommen in Unterfranken! Ude stellt das Glas zur Seite. Jetzt kann er zeigen, was er gelernt hat. Er parliert über die Probleme des ländlichen Raums: „Schließt die Schule, dann stirbt der Ort.“ Oder: „Das Internet ist heute ein Grundbedürfnis wie im 20. Jahrhundert das Telefon.“ Er fordert sogar Behördenverlagerungen aus München. Die Landeshauptstadt reiße nicht alles an sich, versichert der Oberbürgermeister den Franken. „Gehen Sie nach München und fragen Sie die Menschen in der U-Bahn oder der Fußgängerzone, ob sie noch mehr Wachstum wollen.“ Nicht nur die Landrätin nickt anerkennend.

Da will einer Ministerpräsident werden. Und er hat längst nicht aufgegeben. Am Mittwoch beim TV-Duell bietet sich die Chance, die Bayern zu überraschen. Vielleicht kann schon am Sonntag Peer Steinbrück einen Stimmungswandel einläuten. In Bayern, sagen die Demoskopen, seien noch 50 Prozent der Wähler unentschlossen. „Ich glaube, dass wir diesmal eine große Chance haben“, sagt Ude auf seiner Ochsentour immer wieder. Und jedes Mal fügt er an: „Danach fällt die Tür für längere Zeit zu.“

Mike Schier

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