1. Startseite
  2. Politik

Synonym des Grauens im Ukraine-Russland-Krieg: Butscha darf nicht vergessen werden

Erstellt:

Von: Foreign Policy

Kommentare

Während die Ukraine versucht, die Verantwortlichen für die Tötung von Zivilisten zur Rechenschaft zu ziehen, muss sie auch ihr kollektives Trauma verarbeiten.

Butscha – Seit sich die russischen Streitkräfte aus den Vororten von Kiew zurückgezogen haben, ist die Stadt Butscha zum Synonym des Grauens geworden. Bilder von Massengräbern und von den Körpern von Zivilisten übersäten Straßen haben die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, wie barbarisch der Krieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine ist. Nach der vorsätzlichen Tötung von mindestens 300 Zivilisten in Butscha – und möglicherweise weiteren in den noch nicht befreiten Gebieten – ist es für die Ukraine von entscheidender Bedeutung, nicht nur die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sondern auch die Tragödie durch das kollektive Gedächtnis zu verarbeiten.

Die Bilder aus Butscha sind ein deutlicher Hinweis auf Kriegsverbrechen in der Ukraine. In den ersten Tagen des Konflikts zeigten der wahllose Beschuss von bewohnten Gebieten und die Zerstörung ziviler Infrastrukturen, dass Russland das Völkerrecht missachtet. Die Enthüllung des Massakers von Butscha fühlt sich jedoch anders an. Leichen wurden auf der Straße liegen gelassen, als ob diese Leben nichts wert wären. Die Art und Weise, wie einige der Opfer getötet wurden, ist besonders schockierend: Menschen die Hände zu fesseln und sie mit einer Kugel in den Kopf hinzurichten, ist ein intimer Akt. Vor allem aber macht es dies unmöglich, diese Todesfälle als Kollateralschäden zu bezeichnen.

Kriegsverbrechen in der Ukraine: Butscha als Synonym des Grauens im russischen Angriffskrieg

Russland führt seit acht Jahren einen Stellvertreterkrieg in der ostukrainischen Region Donbass und hat die Krim besetzt. Doch die Reaktion auf Butscha in der Ukraine war weitaus heftiger als auf jedes andere Ereignis seit 2014; frühere Gewalt gegen Zivilisten war nie so brutal und vorsätzlich. Die Tötung ukrainischer Zivilisten wurde mit der Massentötung von mehr als 8.000 bosnisch-muslimischen Männern und Jungen durch serbische Truppen in Srebrenica im Jahr 1995 verglichen. Andere haben Butscha gegen Tragödien in der Geschichte der Ukraine abgewogen: den Holodomor, die ukrainische Bezeichnung für die von Menschen verursachte sowjetische Hungersnot von 1932-33, und das Massaker von Babyn Yar, bei dem die Nazis 1941 innerhalb von zwei Tagen Zehntausende von Juden in Kiew ermordeten.

Solche Vergleiche machen deutlich, dass ein gemeinsames Trauma die Identität und das kollektive Gedächtnis über Generationen hinweg prägen kann. Der Holodomor ist von zentraler Bedeutung für das Selbstverständnis der Ukraine als ein Land, das sich der russischen Vorherrschaft widersetzt, und ein schlagkräftiges Gegenargument zu Wladimir Putins Behauptung, Russen und Ukrainer seien „ein Volk“. Obwohl die sowjetischen Behörden versuchten, Informationen über die Hungersnot zu unterdrücken, wurde die Erinnerung an das Leid, das den Ukrainern absichtlich zugefügt wurde, schließlich zu einem zentralen Merkmal der nationalen Identität, sowohl unter der Sowjetherrschaft als auch nach der Unabhängigkeit der Ukraine.

Die Morde in Butscha scheinen dazu bestimmt zu sein, einen ähnlich wichtigen Platz für künftige Generationen einzunehmen. Daher ist es für die Ukraine wichtig, jetzt zu handeln, um Informationen, Artefakte und Zeugenaussagen im Zusammenhang mit dem Ereignis zu bewahren und zu überlegen, wie den Opfern der Tragödie ein Denkmal gesetzt werden kann. Der Krieg befindet sich noch in den ersten Monaten, und es könnte noch weitere schreckliche Entdeckungen in anderen Gebieten geben, da die Ukraine die Kontrolle über Orte wiedererlangt, die zuvor von russischen Truppen besetzt waren oder in denen die Kämpfe noch andauern. Die Möglichkeit weiterer Gräueltaten vertieft die psychologische Wunde der russischen Invasion. Dennoch bleibt Butscha der eindringlichste Akt der Unmenschlichkeit.

Ukraine-Russland-News: Ruf nach Internationalen Strafgerichtshof angesichts von Verbrechen

Die angeblichen Verbrechen Russlands in der Ukraine haben den Ruf nach einer Rechenschaftspflicht vor internationalen Gerichten laut werden lassen. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) untersucht derzeit das russische Vorgehen in der Ukraine und wird sich dabei unweigerlich auf die Gräueltaten in Butscha konzentrieren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat außerdem die Schaffung eines speziellen Mechanismus angekündigt, der alle vor ein internationales Tribunal gebrachten Fälle ergänzen und alle Täter zur Rechenschaft ziehen soll. Demokratien auf der ganzen Welt sollten das Streben der Ukraine nach Rechenschaftspflicht durch nationale und internationale Prozesse unterstützen. Wie die bei den Nürnberger Prozessen vorgelegten Beweise können die bei den Ermittlungen zu Kriegsverbrechen in der Ukraine gesammelten Informationen zum Aufbau des nationalen Gedächtnisses sowie zur unmittelbaren Rechenschaftspflicht der Täter und ihrer Hintermänner beitragen.

Ein Ermittler untersucht in der Ukraine ein mögliches Kriegsverbrechen. Ein solches hat ein russischer Soldat nun gestanden.
Ein Ermittler untersucht in der Ukraine ein mögliches Kriegsverbrechen. Ein solches hat ein russischer Soldat nun gestanden. © Carol Guzy / dpa

Es sind jedoch weitere Anstrengungen erforderlich, um aus diesem kollektiven Trauma einen Sinn zu konstruieren. Obwohl die Ukraine durch die russische Invasion immer noch existenziell bedroht ist, ist es von entscheidender Bedeutung, Bilder, Zeugnisse und Gegenstände aus Butscha und anderen Orten zu sammeln und zu katalogisieren, um die Erinnerung an die Ermordeten zu bewahren und das kollektive Verständnis für die Verbrechen zu fördern. Untersuchungen deuten darauf hin, dass kollektive Traumata zur Konstruktion von Narrativen, Identitäten und Werten führen können, die die Opfergruppe auf lange Sicht schützen. Mit anderen Worten: Eine Gesellschaft, die sich mit vergangenen Traumata auseinandersetzt, kann dadurch stärker werden.

Wenn die Ukraine dieses Vorhaben in Angriff nimmt, sollte sie die Lehren aus den laufenden, aber fehlerhaften Bemühungen um das Gedenken an andere Tragödien berücksichtigen. Die Entwicklung eines Gedenkkomplexes in Babyn Yar, der den Stätten in Israel und den Vereinigten Staaten ebenbürtig sein sollte, wurde durch die Beteiligung russischer Geldgeber und einen Entwurf, der dafür bemängelt wurde, die Würde der Opfer nicht zu respektieren, getrübt. Ein weiterer Plan sieht vor, die mehr als 100 Menschen zu würdigen, die im Zuge der staatlich geförderten Gewalt in der Ukraine während der Revolution 2013/14 starben. Das Versäumnis der Justiz, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, hat bei den Bauarbeiten für Unruhe gesorgt und der Bau droht die Sammlung weiterer Beweise zu behindern. Beide Projekte haben den Zynismus unter den Ukrainern noch verstärkt. Die Akteure des nationalen Gedenkens sollten ähnliche Hindernisse vermeiden, die die Bemühungen um das Vermächtnis des Massakers von Butscha untergraben könnten.

Butscha: Trauma des Ukraine-Russland-Kriegs aufarbeiten – und ukrainische Identität festigen

Auch wenn die Ukraine im eskalierten Ukraine-Konflikt ihr kollektives Trauma selbst verarbeiten muss, können externe Akteure dennoch eine Rolle spielen. Zusätzliche Unterstützung durch öffentliche Gedächtnisinstitutionen und Partnerregierungen auf der ganzen Welt könnte dazu beitragen, die kostspielige und zeitaufwändige Aufgabe der Dokumentation der Gräueltaten in der Ukraine für Archivare zu erleichtern. Erfahrene Forscher sollten den Ukrainern Schulungen über Informationsmanagement und Materialbewahrung anbieten. Westliche Regierungen sollten erwägen, Satellitenbilder, abgefangene Kommunikation und andere Informationen freizugeben und sie ukrainischen Forschern zur Verfügung zu stellen. Um den Prozess zu steuern, sollte die ukrainische Regierung vorrangig eine Methodik für die Datenerfassung und -aufbewahrung entwickeln.

Schließlich ist die Bewahrung der Erinnerung nicht nur für die Ukrainer wichtig, sondern auch für die russischen Bürger, die derzeit in einem streng kontrollierten Informationsumfeld leben. Staatlich geförderte Medien in Russland haben den Äther mit Fehlinformationen gesättigt, darunter die Behauptung, die Morde in Butscha seien Teil einer „Operation unter falscher Flagge“ oder die Opfer seien bezahlte Schauspieler. Eines Tages werden sie vielleicht in der Lage sein, die von ihren Landsleuten begangenen Verbrechen im Ukraine-Krieg anzuerkennen und sich mit der komplexen Frage nach ihrer eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen.

Mit der Zeit könnten die Opfer der von den russischen Streitkräften in Butscha Getöteten dazu beitragen, genau die ukrainische Identität zu festigen, die Russland auslöschen möchte. Sie verdienen es, dass man sich an sie erinnert.

von Andrew Lohsen

Andrew Lohsen ist Stipendiat des Programms Europa, Russland und Eurasien am Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington. Zwischen 2016 und 2021 arbeitete er als Beobachter und politischer Analyst für die OSZE-Sonderbeobachtungsmission in der Ukraine. Twitter: @andrewlohsen

Dieser Artikel war zuerst am 19. April 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Foreign Policy Logo
Foreign Policy Logo © ForeignPolicy.com

Auch interessant

Kommentare