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Ukrainische Gegenoffensive: Militärexperte würde abwarten - doch es gibt ein Dilemma

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Von: Kathrin Reikowski

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Zwei Himars-Raketenwerfersysteme stehen auf einer Straße im ukrainischen Oblast Saporischschja.
Die ukrainischen Streitkräfte setzten Himars-Raketenwerfer aktuell vor allem im Süden des Landes ein, um die besetzten Gebiete am Schwarzen Meer zurückzuerobern. © Armed Forces of Ukraine/imago-images

Die Gegenoffensive der Ukraine rund um Cherson ist offenbar gestartet. Ein Militärexperte macht den Erfolg von einem Faktor abhängig - und ist nicht optimistisch.

Kiew - „Die Frage ist nicht, wie viele Menschen die Ukraine unter Waffen hat, sondern mit welcher Ausrüstung“, sagt der Militärexperte Gustav Gressel in der Bild-Zeitung zur Gegenoffensive im Ukraine-Krieg, rund um die Region Cherson. Ein Mangel an Munition und Waffensystemen mache große militärische Aktionen derzeit schwierig, so der Experte vom „European Council on Foreign Relations“.

Doch die Gegenoffensive der Ukraine im Süden ist offenbar bereits gestartet. Die russische staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti meldete am Dienstagabend unter Berufung auf die in Nowa Kachowka eingesetzte prorussische Verwaltung mindestens sieben Tote, vier Vermisste und Dutzende Verletzte nach einem ukrainischen Angriff. Viele Menschen seien unter Trümmern verschüttet worden. Auch Hunderte Häuser seien beschädigt. Die Ukraine sprach am Mittwochmorgen von einem erfolgreichen Angriff auf ein russisches Militärdepot. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben beider Seiten nicht.

Das Zentrum der Gegenoffensive - darum ist Chersons schnelle Rückeroberung für die Ukraine wichtig

Schon früh im Kriegsverlauf hatte Russland die südukrainische Stadt Cherson eingenommen. Bereits Anfang März war die Stadt vom russischen Militär erobert worden - Teile der Bevölkerung hatten dabei aber heftigen Widerstand geleistet. Und bereits Ende April mehrten sich die Zeichen, dass Russland rund um Cherson eine eigene Verwaltung einsetzen will.

Nun scheint die Zeit zu drängen: Ende Juni hatte die prorussische Militärverwaltung der Stadt ein Referendum angekündigt. Und für Gressel ist klar, dass durch eine Rückeroberung Chersons nicht nur ein derartiges Referendum abgewehrt werden könnte - er sieht auch einen entscheidenden Vorteil für die Ukraine im Frontverlauf, wenn Cherson wieder unter Kontrolle gebracht wäre. Durch eine Rückeroberung würde die Front „erheblich verkürzt“, weil Cherson westlich des Dnjepr-Flusses liegt. Nach einer Eroberung hätte die Ukraine wieder „wichtige Kräfte“ für ein weiteres Vorgehen, etwa bei Charkiw im Nordosten – oder „südwärts von Saporischschja“, so Gressel.

Militärexperte sieht Gegenoffensive als zu verfrüht an

Dennoch hat der Militärexperte erhebliche Bedenken, was den Erfolg einer Offensive angeht. „Aus militärischer Sicht würde ich anstelle der Ukrainer noch abwarten“, sagte Gressel zur ukrainischen Gegenoffensive. Die Ukrainer sollten demnach auf weitere schwere Waffen aus dem Westen warten - und weiter Soldaten ausbilden, anstatt unerfahrene Männer kämpfen zu lassen.

Und die Rückeroberung Chersons wäre laut Gressel nur der Anfang einer langen Gegenoffensive. Zwar seien die Ukrainer aktuell nur etwa zehn Kilometer vom Stadtzentrum Chersons entfernt - doch auch ein Durchbrechen bis zum Ortsrand hätte einen wochenlangen Häuserkampf zufolge. Und um sowohl diesen, als auch weitere Offensiven bestehen zu können, sei die Größe der Armee nicht entscheidend.

Ukraine könnte entscheidenden Vorteil in der Gegenoffensive haben

Nach allem, was bekannt sei, habe die Ukraine im Kampf nicht nur bereits viele gut ausgebildete Soldaten verloren, sondern stehe auch vielfach mit zu wenig Waffen da. Und Gressel betont: „Das Problem ist der Mangel an Feuerkraft.“ Im Spiegel hatte Militärexperte Jack Watling wiederum Russland kürzlich bescheinigt, genügend Munition für einen jahrelangen Krieg zu haben.

Allerdings will sich Gressel nicht festlegen, dass die Ukraine weiterhin unterlegen bleibe. Besonders, was hochmoderne HIMARS-Systeme aus den USA angeht, könnte eine Lieferung der Ukraine entscheidende strategische Vorteile bringen - damit ließen sich demnach Waffendepots, die weit hinter dem Frontverlauf liegen, ausschalten. Möglicherweise würden die USA hier mehr liefern als aktuell öffentlich bekannt. Auch CIA- und militärische Kommandostrukturen der USA könnten in der Ukraine eine Rolle spielen.

Hätte die Ukraine damit tatsächlich Erfolg in Cherson, könnte für Russland ein Problem auftreten: „Die Frage ist, ob die Russen Reserven haben, die sie ins Feld führen können“, so Gressel in der Bild. Lediglich ein schneller Erfolg der Ukraine rund um Cherson könnte demnach verhindern, dass Russland mit aus dem Norden abgezogenen Kräften die Verhältnisse umdrehen würde - und die Front im weiteren Verlauf des blutig eskalierten Ukraine-Konflikts weiter landeinwärts verlagern würde. Das Dilemma für die Ukraine bleibt also: Abwarten - und einen dauerhaften Verlust von Cherson riskieren? Oder durch eine schnelle Gegenoffensive viele Soldaten in Gefahr bringen? (kat)

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