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Kiews „Heldenfluss“ in Not: Der Irpin stoppte Russlands Vormarsch – nun bergen gesunkene Panzer Gefahr

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Von: Magdalena von Zumbusch

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„Heldenfluss“ will ein ukrainischer Ökologe den Fluss Irpin nennen: Denn er half maßgeblich, im Ukraine-Krieg Kiew zu schützen. Doch gleichzeitig birgt er Gefahr.

Kiew - Durch den Kiewer Vorort Irpin der gleichnamige Fluss, ein Nebenfluss von Ukraines größtem Fluss, dem Dnepr. Durch einen Damm wurde der Fluss Irpin bis vor kurzem in Zaum gehalten. Als sich kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs der Vormarsch Russlands auf Kiew abzeichnete, öffneten ukrainische Truppen diesen Damm, um die Hauptstadt zu schützen.

Es entstand ein Sumpfgebiet, das vielleicht entscheidend zur Rettung Kiews beitrug - doch diese Rettung ist möglicherweise mit schweren ökologische Folgen zu bezahlen.

Rolle des Flusses Irpin im Ukraine-Krieg: Rettung Kiews durch Ukraines „Heldenfluss“?

Der Schock des russischen Einmarschs wirkte noch, als wenige Tage nach Kriegsbeginn der Irpin über die Ufer trat - und der Verteidigungsstrategie Wolodymyr Selenskyjs massiv in die Hände spielte. Kein Zufall: Der Damm war bewusst geöffnet worden. Zu dem Schritt entschloss sich die Militärführung der Ukraine laut der englischen Zeitung Guardian, um die Hauptstadt zumindest in ihrem Nordwesten vor dem russischen Einmarsch zu schützen. Der ukrainische Ökologe Wolodymyr Boreyka möchte den Fluss daher angemessen würdigen: Von Ukraines „Heldenfluss“ solle man in Zukunft sprechen, schlug er dem Guardian gegenüber vor.

Ein russischer Panzer muss vor dem Fluss Irpin halten.
Ein russischer Panzer muss vor dem Fluss Irpin halten. © IMAGO/Matthew Hatcher

Nach einem Bericht der ukrainischen Umweltorganisation Ukrainian Nature Conservation Group (UNCG) ist der Damm durch eine Rakete der Russen getroffen worden. Auch der Guardian spricht davon, dass der Damm nach seiner Öffnung noch von einem Geschoss getroffen worden sei.

Der Damm des Irpin jedenfalls ist nun offen und die Entstehung des Nass- und Sumpflandes vor Kiew Tatsache: In anderthalb Monaten überflutete das Wasser aus dem Stausee laut UNCG die Irpenaue bis nach Gorenka, das mehr als 20 Kilometer flussaufwärts liegt. Der Dammbruch bewirkte in Teilen sogar ein Zusammenfließen des Irpin mit dem Hauptfluss Dnepr: Inzwischen erreicht der Wasserspeicher des Riesenstroms Dnepr an seiner breitesten Stelle – in der Nähe des Dorfes Demidow – eine Länge von zwei Kilometern, was wirksamen Schutz vor Angriffen der Russen vom Norden der Hauptstadt her bot, ebenso wie das an anderen Stellen entstandene Sumpfland.

Fluss Irpin: Weiterhin wichtiger Schutz der Hauptstadt im Ukraine-Krieg

Alexey Wasilyuk, Biologe und Vorsitzender der UNCG, hält das entstandene Nass- und Moorland auch weiterhin für einen wichtigen Schutz vor russischen Truppen. Russland musste von der Einnahme Kiews zwar vorerst Abstand nehmen und konzentriert sich aktuell auf die Einnahme des Südens und Ostens der Ukraine, aber erneute Attacken auf Kiew sind denkbar.

Vasilyuk hofft nach eigenen Angaben, dass die überfluteten Irpin-Feuchtgebiete bis zu einem ersehnten Kriegsende erhalten bleiben. „In erster Linie dienen diese Gewässer jetzt der Verteidigung von Kiew. Solange wir also nicht sicher sind, dass Russland nicht erneut versuchen wird, Kiew zu erobern, sehe ich nicht, wie wir es rechtfertigen können, dieses Gebiet erneut vollständig zu entwässern“.

Fluss Irpin: Große Gefahr für das Ökosystem nordöstlich von Kiew durch den Dammbruch

Aber die Rückkehr des Wassers könnte ebenso viele Probleme wie Vorteile mit sich bringen, so Vasilyuk: "Das örtliche Ökosystem im Einzugsgebiet des Irpin war schon vor dem Dammbruch in einem schlechten Zustand", gibt er in einem Bericht der UNCG zu bedenken. "Und jetzt stehen hier viele russische Panzer und militärische Ausrüstung unter Wasser. Die Vermischung von Chemikalien und Ölen aus Treibstofftanks mit der Verschmutzung durch überschwemmte Mülldeponien stellt eine große Gefahr dar", lautet seine Warnung.

Seit der Räumung der Region Kiew verbreiten sich im Netz Videos und Fotos von verlassenem russischem Schrott - Panzern und anderem militärischen Gerät, das in dem Sumpfland des Irpin vor Kiew stecken geblieben war. Das Fassungsvermögen von Kraftstofftanks üblicher russischer Panzer reiche von 500 bis zu 1600 Litern, gibt Vasilyuk in dem Bericht der UNCG an. Außerdem hätten die Panzer Schmierstofftanks mit einem durchschnittlichen Füllvermögen von rund 100 Litern. Man wolle sich gar nicht ausmalen, wie viele Tonnen Diesel und Öl in die Gewässer des Irpin und Dnepr gelangten.

Schmierstoffe und Dieselkraftstoff enthalten Blei und andere Schwermetalle, polyzyklische Arene, die in allen schweren fossilen Brennstoffen enthalten sind, so Vasliyuk. Das Eindringen dieser Stoffe in Fischkörper führe zur Zerstörung des Kiemengewebes und der Därme, zur Schleimabsonderung, zu Störungen der Atmung sowie des Wasser- und Salzstoffwechsels. Die Verwendung von solchem Wasser in der Zucht führe bei Verzehr der verseuchten Fische zu sehr ernsten Reaktionen im menschlichen Körper.

Schnelle Reinigung des Sumpflands des Irpin wäre essenziell: Aber mitten im Ukraine-Krieg fehlt die Zeit

Aus Sicht von Ökologen sei also eine schnelle Reinigung des Wassers essenziell: Man müsse einen möglichen „Ökozid“ verhindern - es sei durchaus möglich, das Wasser zu reinigen, so Vasilyuk. Für die erforderlichen Maßnahmen wird das Land aber vor Kriegsende nicht die nötige Zeit übrig haben, schließt der Experte. Die militärische Stärke Russlands und die ukrainische Entschlossenheit zum Widerstand lassen ein Kriegsende noch nicht absehen. (mvz)

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