1. Startseite
  2. Politik

Regimewechsel, Weltkrieg, Putin-Sturz - Das sind die Szenarien im Ukraine-Krieg

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sven Hauberg

Kommentare

Russische Soldaten sitzen in der Stadt Armjansk im Norden der Krim auf einem Militärlastwagen.
Russische Soldaten in der Stadt Armjansk im Norden der Krim: Wie weit Putin in der Ukraine gehen wird, ist ungewiss. © Konstantin Mihalchevskiy/Sputnik/dpa

Weitet sich der Ukraine-Konflikt zum Weltkrieg aus - oder wird Putin vom eigenen Volk gestürzt? Die Experten-Meinungen zur Entwicklung im Ukraine-Krieg.

Kiew - Tag zwei des russischen Krieges gegen die Ukraine: Die Truppen des Kreml marschieren weiter von drei Seiten im Nachbarland ein - von Norden, Osten und Süden. Entgegen den Ankündigungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin sind dabei offenbar nicht nur militärische Einrichtungen Ziele der Armee. So wurden etwa aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew auch Angriffe auf Wohngebäude gemeldet. Welche Strategie Putin im Ukraine-Konflikt damit genau verfolgt, ist weiterhin unklar. Will er die Ukraine ins russische Reich eingliedern oder nur die Regierung in Kiew stürzen und durch ein Moskau-treues Regime ersetzen? Und könnte sich der Konflikt im schlimmsten Fall gar zu einem Weltkrieg ausweiten? Unter Experten kursieren verschiedene Szenarien, wie sich der Ukraine-Konflikt entwickeln könnte.

Ukraine-Konflikt: Putin will das Regime in Kiew stürzen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht sich selbst im Ukraine-Krieg als eines der Hauptziele von Putin. „Nach unseren Informationen hat mich der Feind zum Ziel Nr. 1 erklärt, meine Familie zum Ziel Nr. 2“, sagte er in der Nacht auf Freitag. Die US-Regierung teilt diese Einschätzung. In seiner Kriegserklärung, die Putin am Donnerstagmorgen um 5.30 Uhr russischer Zeit verlesen hatte, griff der russische Präsident die Regierung in Kiew tatsächlich immer wieder scharf an und bezeichnete sie als „Nazis“ und als „volksfeindliche Junta, die die Ukraine ausraubt und genau dieses Volk schikaniert“.

Russland werde die Ukraine „entnazifizieren“, so Putin - in der Logik des Präsidenten bedeutet dies, dass mit der Militäraktion die demokratisch gewählte Regierung in Kiew gestürzt werden soll. Man wolle, so Putin, „diejenigen vor Gericht stellen, die zahlreiche blutige Verbrechen an Zivilisten, einschließlich Bürgern der Russischen Föderation, begangen haben“.

Ukraine-Krieg: Fällt Putin?

Auch der US-Historiker Aaron Aster hält einen Regimewechsel für möglich - allerdings in Moskau. „Es wird nicht durch eine externe militärische Invasion in Russland geschehen. Es wird eine Meuterei und ein interner Zusammenbruch sein, der Putins Regime zu Fall bringen wird. Es wird nicht über Nacht geschehen, aber es wird geschehen“, so Aster auf Twitter. Ähnlich analysiert der US-Generalleutnant a. D. Mark Hertling, der an der Ausbildung ukrainischer Soldaten beteiligt war, via Twitter die Lage.

Hertling gibt zu bedenken, dass Russland zwar über mehr militärische Ressourcen verfüge als die Ukraine, die russischen Soldaten aber schlecht ausgebildet seien. Außerdem habe die Geschichte gezeigt, dass „Kräfte mit einem unerschütterlichen Glauben an das, wofür sie kämpfen, - mit der richtigen Unterstützung - eine Kraft überwinden können, die scheinbar über überlegene Ressourcen verfügt.“ Die Ukraine habe die Welt hinter sich, schreibt Hertling bei Twitter, der Kreml nicht einmal das eigene Volk. Darauf deuteten die Anti-Kriegs-Proteste in mehreren russischen Städten hin. Der Krieg zwischen Moskau und Kiew werde lange dauern, aber „ob man es nun einen ‚Aufstand‘ oder einen ‚Guerillakrieg‘ nennt, die Ukraine wird den Feind zermürben“, und Putin werde dasselbe Schicksal ereilen wie „Stalin, Hitler, Ceaușescu und Saddam“.

Ukraine-Krieg: „Militärisch dürfte die Sache in ein paar Tagen gelaufen sein“

Für Herfried Münkler hingegen „ist die Ukraine verloren. Die Russen werden sie besetzen“, sagte der emeritierte Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin im Interview mit der Zeit. „Es kann sein, dass der Brocken für sie ökonomisch zu groß ist und sie sich daran letztlich verschlucken. Aber militärisch dürfte die Sache in ein paar Tagen gelaufen sein.“

An eine Art Partisanenkrieg, wie ihn Generalleutnant a.D. Hertling für wahrscheinlich hält, glaubt Münkler nicht. Anders als in Afghanistan, wo die Bevölkerung nach der Invasion 1979 die sowjetischen Truppen schließlich erfolgreich vertreiben konnten, begünstige die Topografie der Ukraine einen Guerilla-Krieg nicht. Außerdem gebe es „nur die schmalen Korridore an der Grenze zu Polen, der zur Slowakei und zu Rumänien, wo es überhaupt möglich wäre, Waffen und Munition ins Land zu bringen“, so Münkler. Afghanistan hingegen sei „von allen Seiten her“ mit Waffenlieferungen sowie finanziell unterstützt worden.

Ukraine-Krieg: Droht ein Weltkrieg?

In seiner Kriegserklärung an die Ukraine hatte Putin viele Worte gewählt, die einen erschaudern ließen. Gegen Ende seiner in den frühen Morgenstunden gehaltenen Ansprache aber ging er zum rhetorischen Frontalangriff auf die gesamte Welt über: „Wer auch immer versucht, sich bei uns einzumischen, geschweige denn unser Land und unser Volk zu gefährden, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben“, drohte Putin. Für den Militärexperten Albert Stahel „ein klarer Hinweis auf sein Nuklearwaffenarsenal, über das er verfügt und das er einsetzen könnte“, wie der Schweizer Focus Online sagte.

Eine Frau füttert ein Kind, während Menschen, die aus der Ukraine fliehen, über den Grenzübergang Ubla in die Slowakei kommen, 25. Februar 2022.
Auf der Flucht: Menschen reisen am Grenzübergang Ubla in die Slowakei ein. © Martin Divisek/EPA

Die Gefahr eines Weltkriegs dürfte dann besonders groß sein, wenn es zu einer direkten Konfrontation von russischen Soldaten und Truppen aus einem Mitgliedsstaat der Nato kommen sollte. Das westliche Verteidigungsbündnis verlegt derzeit Truppen an die Ostgrenze seines Territoriums. Auslöser einer Eskalation könnte beispielsweise ein versehentlicher Zwischenfall sein - etwa eine russische Rakete, die ihr Ziel in der Ukraine verfehlt und auf Nato-Gebiet einschlägt.

Ukraine-Krieg: Experten halten Angriff auf die Nato für unwahrscheinlich

Als möglich gilt aber auch, dass Putin gezielt auf Nato-Territorium vorstößt, etwa, indem er versucht, das Baltikum zu erobern. So könnte Putin den Plan verfolgen, das Sowjetreich wiederherzustellen, zu dem bis 1990 Lettland, Estland und Litauen gehörten. Ein Angriff auf die baltischen Staaten aber würde laut Artikel 5 des Nordatlantikvertrags zum Bündnisfall führen und somit als Angriff auf die gesamte Nato gewertet werden.

Ein derartiges Szenario im Ukraine-Krieg hält der Politikwissenschaftler Johannes Varwick von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg jedoch für unwahrscheinlich: „Nato-Mitglieder wird Putin nicht wagen, anzugreifen“, sagte der Professor für internationale Beziehungen und europäische Politik dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Ich sehe keine akute Gefahr für andere Staaten, denn die Abschreckung der Nato an den Ostgrenzen ist erfolgreich. Aber die Situation ist brenzlig, und es ist kein Naturgesetz, dass Russland nicht doch noch einen Nuklearkrieg beginnt. Denn Putin handelt schon lange nicht rational.“

Auch Münkler glaubt nicht, dass Putin im Ukraine-Konflikt die Nato angreifen werde. Nicht ausgeschlossen hält er hingegen Angriffe auf Schweden und Finnland, die beide nicht Teil des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses sind. Münkler glaube, „dass die Russen Wert darauf legen, dass Finnland und Schweden weiterhin neutrale Räume bleiben und nicht der Nato angehören“.

Ukraine-Krieg: Cyberangriff auch auf Deutschland?

Als wahrscheinlicher aber gilt, dass ein Weltkrieg als Folge eines Cyberangriffes ausbrechen könnte. Schon in den vergangenen Wochen hatte es offenbar Cyberattacken auf die Ukraine gegeben, die - beabsichtigt oder aus Versehen - auch auf andere Staaten übergehen könnten. Vor der Gefahr, die von einem außer Kontrolle geratenen Cyberangriff ausgehen könnten, hatte US-Präsident Joe Biden bereits im vergangenen Sommer gewarnt und dabei Russland und China ins Visier genommen. „Ich denke, es ist mehr als wahrscheinlich, dass wir, wenn wir in einem Krieg enden werden – einem wirklichen Krieg mit einer Großmacht –, dies als Folge eines Cyberangriffs von großer Tragweite geschehen wird“, so Biden. „Und die Wahrscheinlichkeit nimmt exponentiell zu.“ Auch Deutschland ist alarmiert: Am Donnerstag erklärte der Verfassungsschutz, man habe „relevante Stellen im Hinblick auf die IT-Infrastruktur sensibilisiert“.

Wie stark hängt das politische System Russlands von Präsident Putin ab? Was passiert nach dem Abgang? Ein Kreml-Experte hat eine plakative These parat. (sh)

Auch interessant

Kommentare