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Kinder aus Charkiw fahren ins russische Sommercamp - und kehren nicht mehr zurück

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Von: Michelle Brey

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Die ukrainische Stadt Isjum ist nach der Besatzung durch russische Streitkräfte zerstört.
Die ukrainische Stadt Isjum ist nach der Besatzung durch russische Streitkräfte zerstört. © dpa

Kurz vor der Befreiung von Isjum im Ukraine-Krieg schickten Eltern ihre Kinder in ein Ferienlager in Russland. Eine Rückkehr scheint offen.

Charkiw/München - Dem Ukraine-Krieg entfliehen, von den schrecklichen Bildern und Erlebnissen Abstand nehmen: Das wollten Eltern in der Stadt Isjum in der Region Charkiw ihren Kindern ermöglichen. Sie schickten sie in ein Feriencamp am Schwarzen Meer in Russland. Nun bangen sie um ihre Rückkehr, wie die Washington Post berichtete.

Ukraine-Krieg: Kinder aus Charkiw fahren in Feriencamp in Russland - Rückkehr offen

Betroffen seien insgesamt 200 Kinder aus der Region Charkiw. 80 davon stammen aus Isjum, wie der stellvertretende Bürgermeister Volodymyr Matsokyn gegenüber der US-Zeitung erklärte. Die Eltern schickten ihre Kinder demnach am 27. August in den russischen Ort Gelendzhik – ein Ferienressort am Schwarzen Meer. Für das Sommercamp hätten russische Propaganda-Nachrichtenagenturen geworben. In der Woche vom 12. bis 18. September hätten die Kinder wieder zu Hause ankommen sollten, sagten Eltern der Washington Post. Doch das taten sie nicht.

Die Sorge um die Kinder ist groß. „Ich habe nur eines im Kopf: mein Kind zurückkriegen“, so eine Mutter. Sie habe mit ihrem zwölf Jahre alten Sohn seit zehn Tagen nicht mehr gesprochen, zitiert die Zeitung. Direkte Kontaktmöglichkeiten seien den Eltern nach selten. In der Stadt sind Telefon- und Internetverbindungen unterbrochen.

Gleichzeitig fürchten die Eltern, von Ukrainern als „Kollaborateure“ Russlands gesehen zu werden. Schließlich schickten sie ihre Kinder über die russische Grenze. Die Entscheidung sei jedoch keine politische gewesen, sondern spiegele nur den Wunsch wider, ein Gefühl von einer normalen Kindheit geben zu können.

Während Feriencamp in Russland: Ukraine erobert Isjum zurück

Brisant ist der Fall deshalb, weil die ukrainische Gegenoffensive Tage nach der Abreise der Kinder enorme Erfolge erzielte - unter anderem in Charkiw. Russische Truppen verließen fluchtartig ihre Stellungen, erklärte die ukrainische Armee - darunter auch in der Stadt Isjum. Am 11. September hatte die Ukraine nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj die strategisch wichtige Stadt von den russischen Truppen zurückerobert. Einwohner von Isjum berichteten anschließend über die russischen Besatzer, es wurden Massengräber gefunden.

Wie aus dem Bericht der Zeitung hervorgeht, sorgen sich die Eltern nun, dass ihre Kinder aufgrund ihrer Nationalität in Russland misshandelt werden könnten. Wie aus kurzen Gesprächen mit den Kindern hervorgehe, soll es ihnen allerdings gut gehen.

Hin und wieder gelinge ein kurzer Austausch - etwa per Videocall, wie eine andere Mutter erzählte. Ihr Sohn habe ihr versichert, dass niemand die Kinder belästige. Die Kinder hätte eine gute Zeit dort, trotzdem wollten sie nach Hause. In einem anderen Anruf sagte ihr Sohn jedoch: „Ich hätte nicht gehen sollen.“ Wann die Kinder zurückkehren, bleibt zunächst weiter offen.

„Koste es, was es wolle“: Bürgermeister kämpft um Rückkehr der Kinder in die Ukraine

Gegenüber der Washington Post erklärten Behörden, sie würden eine Liste mit den Namen der Kinder, die in dem Camp sind, besitzen. „Wir arbeiten derzeit gemeinsam mit staatlichen Stellen an diesem Thema“, erklärte Matsokyn. „Wir werden die Kinder auf jeden Fall zurückbringen, koste es, was es wolle“, fuhr er fort. Die Entfernung von Charkiw ins russische Gelendzhik ist jedoch mit mehreren hundert Kilometern beträchtlich. (mbr)

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