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„Deutsches Elite-Denken“, „kümmerlich“: Ungeduld im Ausland wächst – General warnt und erntet Empörung

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Von: Florian Naumann, Patrick Freiwah

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Bundeskanzler Scholz besucht das Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Hinter ihm: Generalinspekteur Eberhard Zorn
Bundeskanzler Scholz besucht das Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Hinter ihm: Generalinspekteur Eberhard Zorn. © IMAGO/Christian Spicker

Ein Bundeswehr-General warnt vor Putin – und erntet harsche Kritik aus dem Ausland. Auch die Verwunderung über Olaf Scholz‘ Regierung wächst mancherorts.

Berlin/Washington - Die Ukraine hat bei der Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg zuletzt Oberwasser gewonnen – und könnte nach Experteneinschätzungen den Krieg sogar „gewinnen“. Deutschlands ranghöchster Bundeswehr-General Eberhard Zorn ist trotzdem wenig optimistisch. Kritik, auch aus dem Ausland, folgt. Nicht zuletzt angesichts ausbleibender Panzer-Lieferungen wächst mittlerweile das Unverständnis über den deutschen Kurs. Auch, aber nicht nur anlässlich Zorns Mahnungen.

Deutschland im Ukraine-Konflikt: Bundeswehr-General warnt vor Putin – „Kaliningrad, Ostsee, Finnland ...“

Zorn hatte sich in einem Gespräch mit dem Focus skeptisch über die strategischen Gegenoffensiven in der Ostukraine geäußert. Er sieht darin lediglich „Gegenstöße, mit denen man Orte oder einzelne Frontabschnitte zurückgewinnen kann“. Was er nicht glaube: Dass die Truppen der Regierung in Kiew stark genug sind, Russland und Wladimir Putin dauerhaft Einhalt zu gebieten. Damit vertritt der ranghohe Soldat Zorn einen zurückhaltenderen Kurs als weite Teile der Politik sowie Nato-Verbündete, die weitere Waffen für die Ukraine fordern.

Der Bundeswehr-Verantwortliche sprach sich gegen weitere Waffenlieferungen aus, um den Konflikt in der Ukraine nicht noch weiter anzuheizen. Zorn warnte in dem am Samstag erscheinenden Interview davor, dass Russland in Europa einen weiteren Krieg vom Zaun bricht und nennt hierfür die hypothetischen Ziele „Kaliningrad, die Ostsee, die finnische Grenze, Georgien, Moldau … es gibt viele Möglichkeiten“. Im Juni hatte Zorn in einem Gespräch mit kreisbote.de auch einen Einsatz taktischer Atomwaffen durch Russland nicht für unmöglich erklärt.

Ukraine: Bundeswehr-Generalinspekteur warnt vor weiteren Kriegen Russlands – und erntet Kritik

Entgegen vieler westlicher Beobachter sieht der Bundeswehr-General auch keinen Personalengpass bei Wladimir Putins Armee: Ihm zufolge habe vor allem die russische Marine und Luftwaffe noch ungebundene Kapazitäten. Im Falle einer Generalmobilmachung von Russlands Streitkräften habe der Kreml „keine Probleme“.

Bei Militärexperten auf der anderen Seite des Atlantiks kommen solche Worte freilich nicht gut an: Ben Hodges, früherer US-Generalleutnant rügte via Twitter die Äußerungen. Der 64-Jährige attestierte eine „erstaunlich schlechte Analyse der russischen Fähigkeiten, die leider viel vom deutschen Elite-Denken widerspiegelt.“

Worauf der einflussreiche Ex-General des US-Militärs, das in der Ukraine offenbar eine Kommando-Struktur betreibt, hinauswill: Die Bundeswehr überschätze die Fähigkeiten der russischen Armee: „Finnland allein würde die russischen Streitkräfte vernichten. Litauen/Polen würden Kaliningrad in einer Woche ersticken“, erklärt Hodges. Die russische Marine verstecke sich hinter der Krim - „obwohl die Ukraine keine Marine hat“.

Ukraine: Verwunderung über Scholz‘ Regierung im Ausland – „Deutschland muss liefern“

Zorn und Hodges: Zwei Generäle haben also wesentlich unterschiedliche Auffassungen über die richtige Kriegsstrategie im Hinblick auf Russland. Doch die Debatte reicht weiter: Im Raum steht weiter auch die Frage, ob Deutschland der Ukraine neben diversem Rüstungsgut auch Kampfpanzer liefern solle. Die Chefin der Bundeswehr, Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD), hatte am Donnerstag (15. September) die Lieferung von Mars-Mehrfachraketenwerfern angekündigt - dazu 50 gepanzerte Truppentransporter vom Typ Dingo

Die von der Ukraine gewünschten Kampf- und Schützenpanzer sind nicht darunter. Bereits vor der neuen Ankündigung hatte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba versucht, den Druck zu erhöhen. „Wovor fürchtet sich Berlin, während Kiew sich nicht fürchtet?“, twitterte er am Dienstag. Verteidigungsminister Oleksij Resnikow erklärte dem Sender CNBC, er verstehe - jedenfalls mit Blick auf die Lage auf dem Schlachtfeld „die Logik“ hinter Deutschlands Verhalten nicht. „Es könnte sich auch um innenpolitische Spielchen handeln“, mutmaßte er provokant. Eine ähnliche These war auch im ARD-Talk Maischberger zu hören gewesen.

Die beiden ukrainischen Regierungsvertreter stießen mit ihrem Werben in eigener Sache bei einigen ausländischen Medien jedenfalls auf offene Ohren. Der Verweis auf einen drohenden „Alleingang“ sei „kümmerlich“, kommentierte etwa das US-Portal bloomberg.com. Kolumnist Andreas Kluth räumte allerdings auch ein, die Bundesregierung teile eine verbreitete Sorge: Putin könne „eskalieren“, eventuell sogar zu einem Atomschlag greifen. Dennoch dürfe die Ukraine nicht verlieren, Deutschland müsse liefern.

Scholz‘ Ukraine-Kurs in der Kritik: „Enormer Widerwillen“ – Historiker wundert sich über Kommunikation

„In den letzten vier bis sechs Monaten haben wir einen enormen Widerwillen, sowohl des Kanzleramtes als auch des Verteidigungsministeriums gesehen, proaktiv vorzugehen“, analysierte Experte Rafael Loss vom European Council on Foreign Relations bei CNBC. Auch er verwies auf Sorgen vor einer nuklearen Eskalation. Zumindest der ebenfalls geäußerte Hinweis auf zunächst zu liefernde Rüstungsgüter aus Sowjetbeständen habe aber ein Verfallsdatum: Früher oder später würden diese zur Neige gehen. Dann werde der Westen ohnehin auf Lieferungen westlicher Bauart zurückgreifen müssen.

Wohlwollender, aber dennoch kritisch äußerte sich der renommierte Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in einem Interview mit dem Portal t-online.de. Olaf Scholz handele durchaus besonnen, urteilte Tooze. In der aktuellen Lage müsse die Bundesregierung auf Sicht fahren. Über die Kommunikation dieser umsichtigen Politik muss man aber zum Teil wirklich staunen. Da gilt es viel energischer und entschlossener aufzutreten“, rügte der Brite. (PF/fn)

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