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Im Ukraine-Krieg stehen Frauen an vorderster Front – aber trotzdem nicht in den Schlagzeilen

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Von: Foreign Policy

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Ukraine-Krieg: Zwei weibliche Reporterinnen nehmen am Gedenken für getötete Journalisten in Lwiw teil.
Ukraine-Krieg: Zwei weibliche Reporterinnen nehmen am 31. März am Gedenken für getötete Journalisten in Lwiw teil. © IMAGO/Ty ONeil

Die ukrainischen Frauen stehen im Mittelpunkt des Krieges – aber zu oft am Rande der öffentlichen Wahrnehmung, meinen zwei Expertinnen.

Iryna Slavinska versteckt sich in der Ukraine* an einem Ort, den sie nicht nennen möchte. Ihre Stimme klingt ruhig; unbeeindruckt vom Heulen der Sirenen im Hintergrund. Als Produktionsleiterin bei Radio Kultur von Suspilne, der öffentlichen Rundfunkgesellschaft der Ukraine, ist sie normalerweise für ein Team von Reportern, Produzenten und Redakteuren verantwortlich. Jetzt, im Krieg, ist sie zur „gewöhnlichen Radiomoderatorin“ geworden.

Während ihrer Berichterstattung erfuhr Slavinska, dass ihre Kollegin Oleksandra Kuvshynova die Produktionsassistentin war, die zusammen mit dem Kameramann von Fox News, Pierre Zakrzewski, getötet wurde. „Leider ist das ein Schicksal, das ukrainische Journalistinnen im Krieg häufig erleiden“, so Slavinska. Die Reporterinnen vor Ort stehen vor der unmöglichen Wahl, entweder zu arbeiten oder mit ihren Kindern und Eltern zu fliehen, sagt sie. „Und dann ist da natürlich noch die Frage der Sicherheit, was sexuelle Gewalt betrifft.“

Frauen im Krieg: Nicht nur Opfer - sondern auch Front-Soldatinnen und Führungspersonen

Genauso wie Reporterinnen im Krieg mit Gefahren zu kämpfen haben, die ihre Sicherheit, ihre Arbeit und ihr Leben bedrohen, gilt dies auch für ukrainische Frauen – und doch erfahren wir nur selten etwas über sie. Laut unserer Analyse der GDELT-Datenbank zur Überwachung des Nachrichtengeschehens machen die Stimmen von Frauen weniger als ein Viertel (23 Prozent) aller Experten, Protagonisten oder Quellen aus, die in den globalen digitalen Nachrichten über den Krieg in der Ukraine zitiert werden. Obwohl ukrainische Frauen und Kinder nur in einem Bruchteil der Nachrichtenbeiträge vorkommen, sind diese Meldungen oft emotional fesselnd und daher einprägsamer, vor allem für Leser, die an Nachrichten gewöhnt sind, in denen unverhältnismäßig viele Männer vorkommen und berichten.

Die Berichterstattung über Frauen ist zudem oft von traditionellen Narrativen geprägt, die die Widerstandsfähigkeit und Führungsqualitäten von Frauen verschleiern. „Die Berichterstattung über Frauen und Mädchen ist unglücklich“, sagt die Journalistin und Medienexpertin Katya Gorchinskaya, die früher die unabhängige ukrainische Nachrichtenagentur Hromadske leitete. „Die meisten Bilder von Frauen, die wir sehen, sind die von Opfern, die natürlich unverhältnismäßig stark betroffen sind*, doch gibt es auch Beispiele für Frauen in Führungsrollen.“ Frauen machen 16 Prozent des gesamten Militärpersonals aus, viele von ihnen dienen an der Front. Andere Frauen seien Freiwillige oder Sanitäterinnen, die vor Ort und in den Städten helfen und deren Geschichten hauptsächlich über die sozialen Medien verbreitet werden, so Gorchinskaya.

Frauen höheren Alters im Ukraine-Krieg: „Diese Gruppe ist völlig unsichtbar“

Während eines Krieges treffen die politischen Verantwortungsträger schnell Entscheidungen, bei denen viel auf dem Spiel steht. Sie stützen sich dabei auf die ihnen zur Verfügung stehenden Informationen, wie etwa die kürzlich vom US-Kongress genehmigte militärische und humanitäre Hilfe für die Ukraine in Höhe von 14 Milliarden Dollar. Der Journalismus trägt dazu bei, dass solche Entscheidungen getroffen werden und die humanitäre Hilfe gezielt eingesetzt wird. Wenn die Berichterstattung von einer männlichen Perspektive geprägt ist, kann sie die Voreingenommenheit verstärken, die bereits in männlich dominierten Regierungen und multilateralen Institutionen vorherrscht.

Von den mehr als 3 Millionen Menschen, die bis Mitte März aus der Ukraine geflohen* waren, sind die meisten Frauen und Kinder. „Es gibt eine große Gruppe älterer Menschen, zumeist Frauen, die in den Städten und Dörfern geblieben sind. Diese Gruppe ist völlig unsichtbar und wird vom Staat, dem Nichtregierungssektor und den Nachrichten kaum beachtet. Das Gleiche ist diesen Menschen 2014 passiert“, sagt Gorchinskaja.

Frauen und Kinder sind oft die Leidtragenden des Krieges und tragen die Last des Wiederaufbaus in den Gemeinschaften. Frauen und Mädchen brauchen Schutz vor dem erhöhten Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt während des Krieges und vor Menschenhändlern, die gefährdete Bevölkerungsgruppen ausnutzen*. Sie haben auch Bedürfnisse im Hinblick auf ihre reproduktive Gesundheit, die eine geschlechtsspezifische und kultursensible Reaktion erfordern. „Sie benötigen dringend eine fachgerechte Versorgung – sexuelle, reproduktive, mütterliche und kindliche Gesundheitsfürsorge – sowie eine Behandlung von Traumata, Infektionskrankheiten und chronischen Erkrankungen“, so Anil Soni, CEO der WHO-Stiftung. An diesem Donnerstag sah sich der Spendenaufruf der WHO, bei dem über 57,5 Millionen Dollar eingefordert worden waren, einer großen Finanzierungslücke gegenüber; 8 Millionen Dollar waren erst zugesagt.

Putin ist eine Gefahr für die Frauen in der Ukraine - und die Medien im Land

Geschlechtsspezifische Minderheiten sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, wenn der russische Präsident Wladimir Putin* die politische Kontrolle über die Ukraine übernimmt. Autokraten wie Putin neigen dazu, Bewegungen für Geschlechtergerechtigkeit und andere Randgruppen zu untergraben, ganz zu schweigen von der Pressefreiheit: Nach Putins neuem Zensurgesetz kann die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine mit einer Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren geahndet werden.

Häusliche Gewalt wurde in Russland von einem Straftatbestand zu einem Verwaltungsdelikt umgestuft: Nach der neuen Gesetzgebung von 2018 können Täter unter einer Vielzahl von Umständen eine Haftstrafe vermeiden, indem sie eine geringe Geldstrafe zahlen. Letztes Jahr kündigte Russland einen Plan zur Halbierung der Abtreibungsraten an und stellte damit die Ziele des Bevölkerungswachstums über das Recht der Frauen auf freie Wahl.

Frauen in der Nachrichten-Welt: Wenig zu sehen - in Kriegszeiten vergrößert sich das Gefälle

Die Tatsache, dass überwiegend Männer über Nachrichten berichten und in ihnen vorkommen, gilt für alle Länder der Welt. Rund um den Globus ist nur einer von vier Menschen, die man liest, hört und sieht, eine Frau. Bei schwarzen und farbigen Frauen ist die Repräsentationslücke noch viel größer, und Menschen mit nicht-binären Identitäten werden in den Nachrichten oftmals nicht beachtet.

In Kriegs- und Krisenzeiten vergrößert sich das geschlechtsspezifische Gefälle in der Berichterstattung noch weiter. Nehmen Sie den Internationalen Frauentag am 8. März, dem 13. Tag der Invasion. In der Regel ist dies der wichtigste Tag des Jahres bei der Berichterstattung über Frauen, an dem die höchste Repräsentation von Frauen erreicht wird. In diesem Jahr sank die Berichterstattung über Frauen laut unserer Analyse der Daten aus der GDELT-Datenbank in den USA um 63 Prozent und weltweit um 36 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2017, dem ersten Jahr, in dem diese Daten erhoben wurden.

Während COVID-19 schrumpfte auch der Anteil von Frauen in der Krisenberichterstattung und -reaktion. In allen Ländern, in denen AKAS Untersuchungen durchgeführt hat, waren Männer in digitalen Nachrichten drei- bis sechsmal so stark vertreten wie Frauen. In den Vereinigten Staaten erschienen Männer viermal häufiger in digitalen Nachrichten als Frauen.

Ukraine-Krieg in den Medien: Frauen können einen wichtigen Blickwinkel vermitteln

In der ukrainischen Kriegsberichterstattung sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede noch ausgeprägter als in der weltweiten Berichterstattung. Unsere erste Analyse der GDELT-Daten ergab, dass nur 18 Prozent der zitierten Stimmen in den Nachrichtenmedien der Ukraine weiblichen Experten, Quellen oder Protagonisten zuzuordnen sind. Weltweit sind es 23 Prozent.

Seit dem Einmarsch Russlands in den Donbass und die Krim im Jahr 2014* waren Frauen bereits einer verstärkten geschlechtsspezifischen Diskriminierung ausgesetzt und wurden von der daraus resultierenden sozioökonomischen Krise unverhältnismäßig stark getroffen. Dennoch glauben 41 Prozent der in ukrainischen Nachrichtenmedien tätigen Personen, dass das Streben nach einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis in den Redaktionen eine unnötige Belastung darstelle. Mehr als die Hälfte der Journalistinnen in der Ukraine geben an, am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein.

Die differenzierten Geschichten von Frauen, die gegen die Invasion kämpfen, die fliehen, während ihre Familien getrennt werden, die sich um medizinische Versorgung und Pflege kümmern und vieles mehr, sind entscheidend für eine umfassende Darstellung des Krieges. Es ist noch nicht zu spät, mehr über ukrainische Frauen zu berichten – vor allem in Beiträgen von ukrainischen Frauen selbst –, damit die politischen Entscheidungsträger und wir alle besser informiert sind. „In der Konfliktberichterstattung stehen allzu oft die Männer im Mittelpunkt, die an der Front ihr Leben verlieren“, so Soni. „Wir müssen den besonderen Auswirkungen und Bedürfnissen von Frauen und ihren Kindern mehr Aufmerksamkeit widmen.“

Slavinska sinniert über die Fähigkeit ukrainischer Reporterinnen, den Krieg aus besonderen Blickwinkeln heraus zu beleuchten, indem sie unter die Oberfläche von Ereignissen vordringen und Menschlichkeit in den Mikroaspekten des Krieges finden. Gorchinskaja beleuchtet große, unerzählte Geschichten vom Mut der Frauen oder von den vernachlässigten Bedürfnissen großer Frauengruppen. Es gibt Hunderte von Aspekten des Krieges, die darauf warten, aufgedeckt und ausgesprochen zu werden, wenn nur Frauen das Mikrofon in die Hand bekämen.

Von Luba Kassova und Xanthe Scharff

Luba Kassova ist die Autorin von The Missing Perspectives of Women in News und Gründerin des Beratungsunternehmens Addy Kassova Audience Strategy.

Xanthe Scharff ist die Geschäftsführerin und Mitbegründerin des Fuller Project, einer gemeinnützigen Nachrichtenagentur, die sich der Berichterstattung über Themen widmet, die Frauen betreffen.

Dieser Artikel war zuerst am 20. März 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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