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Düsterer Talk: Ukrainer als „Fußsoldaten Europas“ - hilft nur noch das „Schlachtfeld“ gegen Putin?

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Alexander Graf Lambsdorff zu Gast bei „Hart aber fair“
Alexander Graf Lambsdorff zu Gast bei „Hart aber fair“ © © Screenshot: ARD / Hart aber fair

Frank Plasberg fragt in seinem ARD-Talk: „Was muss geschehen, damit die Ukraine siegen kann?“ Die Gäste fordern mehr militärisches Engagement von der Bundesregierung. 

Berlin - Die Bilder und die Berichte aus dem Ukraine-Krieg scheinen von Tag zu Tag erschütternder auszufallen. Doch das sei erst der Anfang, warnt FDP-Außenpolitiker und Fraktions-Vize Alexander Graf Lambsdorff. Der Abgeordnete sagt im ARD-Talk „Hart aber fair“ deutlich, welche Zielsetzung Russland seiner Ansicht nach verfolgt. Das Land plane „die gesamte europäische Friedensordnung vollständig zu ändern“.

Deutschland und der Ukraine-Krieg: „Die Ukrainer sind die Fußsoldaten Europas“

Der russische Außenminister Sergej Lawrow habe es wenige Stunden vor der Ausstrahlung des Politik-Talks noch einmal gesagt, betont Lambsdorff: Russland gehe es darum, „die USA aus Europa hinauszudrängen“ und den „amerikanischen Nuklearschirm über Europa durch einen russischen zu ersetzen“.

Doch, so warnt der FDP-Experte, „unter diesem Schirm gibt es keine Freiheit, keine Demokratie und keine Menschenrechte!“ Für Lambsdorff steht fest, der Krieg „muss auf dem Schlachtfeld entschieden werden“. Die „militärische Lösung“ werde die Lösung sein, um Russland zu stoppen. Doch derzeit müsse die Schlachten die Ukraine schlagen, der Westen müsse das Land unterstützen und ausrüsten. Der frühere Grünen-Politiker Ralf Fücks, der mit seiner Frau Marieluise Beck auf eigene Initiative zu Gesprächen mit ukrainischen Politikern nach Kiew gereist war, drückt es plakativ aus: „Die Ukrainer sind im Grunde die Fußsoldaten Europas.“

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Auch die Zeit-Journalistin Petra Pinzler findet die ukrainischen Forderungen nach schweren Waffen an Deutschland richtig. Wenn man „Putin nicht deutlich Stopp“ sage, so Pinzler, „legt er nach“. Doch sie warnt auch vor dem Risiko, das solche Lieferungen mit sich brächten - etwa, wenn es einen Raketenbeschuss von Lieferungen über Polen gebe, was den Nato-Bündnisfall auslösen könnte. Pinzler nannte diesen Umstand ein „trauriges Erwachen“: Die Zeit, dass wir uns erlauben konnten, ablehnend auf Kriege zu blicken, sei vorbei, so die Journalistin.

Deutschland hat bislang Waffen im Wert von 80 Millionen Euro an die Ukraine geliefert. Deutlich weniger als zum Beispiel die USA, deren Lieferungen einen Gegenwert in Milliardenhöhe haben. Darunter aktuell 5000 Panzerabwehr-Waffensysteme vom Hersteller Javelin, die von der Schulter abgefeuert werden und deren Zielsteuerung von der Rakete selber übernommen wird, wie Moderator Frank Plasberg ausführt. Deutschland hadert dagegen mit weiteren Lieferungen, unter anderem wurde die Lieferung von Mader-Panzern aus Beständen der Bundeswehr jüngst vom Verteidigungsministerium abgelehnt.

Ukraine-Krieg: Reporter schildert Kriegsverbrechen - Menschen „in Stücke geschnitten“

Druck auf die Ampel-Regierung erwächst alleine schon aus Schilderungen der Lage in der Ukraine. Spiegel-Journalist Christoph Reuter rückt aus Kiew zugeschaltet eine menschenverachtende Kriegsführung der russischen Militärführung in den Fokus. Es gebe eine Brutalität, so Reuter, die ihm von islamistischen Terrororganisationen wie dem „Islamischen Staat“ bekannt sei, die er aber nicht von einem europäischen Land erwartet habe.

Wartende Menschen am Bahnhof von Kramatorsk seien von Streubomben, die über ihren Köpfen zur Explosion gebracht worden waren, in „Stücke geschnitten worden“. Er habe Tote gesehen, die „buchstäblich ausgelaufen“ seien, berichtet der Kriegsreporter das Grauen. Zuvor sei die Zugstrecke nach Westen bombardiert worden, auch „um die Menge der Wartenden zu vergrößern“, so Reuter.

Auch der Journalist selbst schließt sich den Forderungen nach mehr und schnelleren Waffenlieferungen an und warnt: „Die Eroberung“ - aktuell im Südosten der Ukraine - „geht so schnell vor sich, wie ein Panzer fahren kann“. Fücks mahnt ebenfalls die „enorme Dringlichkeit zum Handeln“ an, warnt vor einem „Ausbluten der Ukraine“, einer Verarmung der Menschen. Ersparnisse neigten sich dem Ende zu. Fücks kritisiert Bundesregierung und EU-Kommission: „Es wird weiter diskutiert“, so der Publizist, doch es sei bereits jetzt fraglich, wie viel Zeit der Ukraine bliebe, sich gegen den Feind aus dem Osten überhaupt „noch zu behaupten“.

Russland-Embargo? Lambsdorff warnt vor einer „Welle der Arbeitslosigkeit“ in Deutschland

Im Gegensatz zu den Waffenlieferungen stehen die Zahlungen der EU an Russland. Seit Beginn des Krieges, führt Plasberg aus, seien enorme 35 Milliarden Euro für Energiekäufe an Russland transferiert worden. Lambsdorff sprach sich dennoch gegen ein sofortiges Embargo aus und begründet das vor allem mit einer verheerenden Welle der „Arbeitslosigkeit in Deutschland“, die dann das Land überrollen würde. Lambsdorff formuliert ein Dilemma in Bezug auf die Energie aus Russland: „Wir wollen sie nicht haben“, sagt er, man brauche sie derzeit aber noch.

Die entschiedene Frage, ergänzt Pinzler, sei dabei nicht nur, „wie lange kann die Ukraine noch durchhalten?“, sondern auch, „wie lange können wir uns das noch leisten, sie zu unterstützen?“ Bei einem sofortigen Stopp würden die Vorräte bis zum Sommer reichen, danach müsste auf dem Weltmarkt eingekauft werden, was die Preise weltweit hochtreiben und damit Wirtschafts- und Exportkrise verschärfen würde. Schon heute verbreite sich in afrikanischen Ländern die „irrsinnige“, aber hartnäckige „russische Propaganda“: „Wir müssen hungern, weil die Europäer in der Ukraine Unsinn bauen!“

Kein Embargo, zu wenig Waffen. Gibt es noch Raum für Verhandlungen im Ukraine-Krieg, will Plasberg wissen. Kriegsreporter Reuter warnt davor, „Putins militärisches Vordringen“ zu belohnen. Nach dem Motto: „Na, dann soll er halt behalten, was er erobert hat!“ Das würde den russischen Präsidenten nur anheizen. Auch Lambsdorff warnt vor Verhandlungen „über den Kopf der Ukraine“. Die Regierung von Wolodymyr Selenskyj habe sich inzwischen für eine Neutralität ausgesprochen, aber gegen „territoriale Abstriche“, die zudem „mit Gewalt“ herbeigeführt wurden.

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

Die „Hart aber fair“-Runde diskutiert das Ergebnis einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum: 83 Prozent der Russen stehen dieser zufolge hinter Putins Politik. Militärexpertin Klein ordnet das Ergebnis ein, es handele sich um „eine Mehrheit, die durch diese permanente mediale Befeuerung gar nicht anders kann“, schon allein, weil es „freie Medien“ in Russland nicht gebe.

Lambsdorff ergänzt, Grund sei das System Putins, das solche Umfrageergebnisse erzeuge: „Die gesamte russische Opposition ist tot, im Exil oder im Straflager“. Fücks ist da pessimistischer: „Die große Mehrheit der Gesellschaft in Russland“ habe sich „nicht vom Imperium verabschiedet“, warnt er. Und Journalistin Pinzler sieht das Problem noch einmal größer: „Die Hälfte der Weltbevölkerung steht nicht auf unsere Seite“, erinnert sie, sei im besten Fall „ambivalent“. Die These, dass es schon lange nicht mehr um die Ukraine geht, sondern um den Kampf um eine neue Machtordnung in der Welt, unterstreicht die Sendung. (Verena Schulemann) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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