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„Psychologisches Manöver“ im Ukraine-Krieg: Putin schürt Angst um Atomwaffen - Wie weit geht er?

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Von: Wolfgang Hauskrecht

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Russlands Präsident Wladimir Putin während einer TV-Ansprache.
Droht Russlands Präsident Wladimir Putin dem Westen mit einem Atomkrieg? © Alexei Nikolsky/dpa

Mit der Ankündigung, die russischen Atomstreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen, hat Präsident Putin den Ukraine-Konflikt weiter verschärft.

München – „Ich weise den Verteidigungsminister und den Generalstabschef an, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft zu versetzen.“ Am Sonntag sprach Wladimir Putin* diesen Satz live im Fernsehen und schürte damit die Angst, bald könnten im Krieg um die Ukraine* Atomwaffen zum Einsatz kommen. Experten deuten die Ankündigung mehr als psychologisches Manöver – mit einer bedeutenden Einschränkung: Niemand weiß, wie genau es um die Psyche des russischen Präsidenten bestellt ist.

Ukraine-Krieg: Putin mit dem Rücken zur Wand - wie weit wird er gehen?

Die Welt stehe nicht kurz vor einem nuklearen Schlagabtausch mit Russland, ist Carlo Masala, Professor für internationale Politik an der Bundeswehr-Universität Neubiberg, überzeugt. Für die strategischen Streitkräfte gebe es vier Eskalationsstufen. Im Moment habe Russland Stufe zwei erreicht. „Meine Interpretation ist, dass Putin den Westen davon abhalten will, weiterhin diese massive politische, ökonomische und vor allen Dingen militärische Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte zu leisten“, sagte er am Sonntag in den „Tagesthemen“. Putin stehe momentan mit dem Rücken zur Wand. Die Invasion laufe schlechter als geplant, dazu komme innenpolitischer Widerstand. Den Hinweis auf die Nuklearstreitkräfte sei ein „Versuch, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden“. Die Nato müsse darauf „in sehr sorgfältigen Worten eine richtige Antwort finden“.

Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, äußerte ebenfalls Zweifel an Russlands Willen zu einem Atomschlag. „Auch Putin weiß, dass eine Nuklearwaffe die Welt von einer Sekunde auf die andere verändert. Derjenige, der als erste Nuklearwaffen einsetzt, stirbt als zweiter“, sagte er dem NDR. Dazu komme: „Strategische Nuklearwaffen werden nicht in Alarmbereitschaft gesetzt, sie sind immer alarmbereit, weil sie innerhalb von Minuten reagieren müssen.“ Laut den Atomwaffen-Experten Hans Kristensen und Matt Korda hat Russland derzeit fast 1600 Atomsprengköpfe dauerhaft einsatzbereit.

Eine Grafik zeigt die Atommächte und die Anzahl der Nuklearwaffen in ihrem Besitz.
Ständige Bedrohung: Atomare Rüstung in der Welt © B. Schaller, F. Bökelmann/dpa

Ukraine-Konflikt: Atom-Drohungen gegen den Westen - Putin lässt „seine Muskeln spielen“

Die britische Regierung sah am Montag (28. Februar) kaum Bewegung bei den russischen Atomstreitkräften*. Die Atomwaffenpositionen seien überprüft worden, „es gibt keine signifikante Änderung“, sagte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace im LBC-Radio. Wallace warf Putin vor, „seine Muskeln spielen“ zu lassen, weil die Invasion ins Stocken geraten sein. Es handle sich um Rhetorik der Ablenkung. „Er will uns alle daran erinnern, dass er im Besitz atomarer Abschreckung ist.“ Das seien aber auch Großbritannien, Frankreich und die USA, sagte Wallace.

David Khalfa von der Stiftung Jean Jaurès in Paris sprach von einer „russischen Frustration“. Dem Kreml drohe ein langer Guerilla-Krieg. Belastbare Vorhersagen seien schwer. Präsident Putin sei isoliert und „gefangen in einer paranoiden Logik. Das ist beunruhigend, es ist eigentlich unmöglich, seine Strategie wirklich zu lesen.“

Ukraine-Konflikt: Gesichtswahrender Ausweg für Putin möglich?

US-Militärexperte James Acton sagte dem Spiegel, er glaube nicht an einen Atomwaffeneinsatz, aber das Risiko sei dennoch sehr ernst zu nehmen. „Wir müssen Putin eine gesichtswahrende Möglichkeit bieten, sich aus dieser Krise zu befreien.“ Deutschland komme dabei eine Schlüsselrolle zu.

Die USA haben auch in Europa Atomwaffen stationiert. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung handelt es sich um 150 bis 200 Bomben der Typen B-61-4 und B-61-3. Die Stützpunkte sind Kleine Brogel (Belgien), Büchel (Deutschland), Aviano und Ghedi Torre (Italien), Volkel (Niederlande) und Incirlik (Türkei). Die Nutzung ist in sogenannten Zweischlüssel-Abkommen geregelt. Demnach dürfen die Bomben nur in Abstimmung der USA mit dem jeweiligen Stationierungsland eingesetzt werden. (Wolfgang Hauskrecht) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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