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„Solange nicht westliche Länder...“: Droht Deutschland
ein Krieg mit Putins Cyberarmee?

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Von: Wolfgang Hauskrecht

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Wie real ist angesichts des Ukraine-Konflikts der Angriff russischer Hacker auf Deutschland?
Wie real ist angesichts des Ukraine-Konflikts der Angriff russischer Hacker auf Deutschland? © Jakub Porzycki/Imago

Der Ukraine-Konflikt ist nicht nur ein Krieg der Waffen, er wird auch online geführt. In Deutschland wächst die Besorgnis vor staatlichen russischen Cyberangriffen.

München – Schon am Freitag hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz eine dringende Warnung ausgesprochen und nun liegen dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) laut einem Spiegel-Bericht Informationen vor, dass ein Cyberangriff auf „Hochwertziele“ in Deutschland unmittelbar bevorstehen könnte. Treffen könnte es Politiker, Firmen, Privatpersonen, aber auch sensible Infrastruktur wie die Stromversorgung. Die Folgen könnten massiv sein.

Bereits kurz nach Beginn des Krieges in der Ukraine hatte die vom russischen Geheimdienst GRU kontrollierte Hackergruppe „Ghostwriter“ angeblich versucht, mit Phishing-Mails Zugang zu deutschen E-Mail-Konten zu bekommen. Der Verfassungsschutz warnte, Putins Hacker könnten Nachrichtenportale und Social-Media-Accounts von Journalisten kapern, um Falschinformationen über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten.

Falschinformationen sind das eine. Weitaus folgenreicher könnten Angriffe auf die Infrastruktur in Deutschland sein. Als eines der schlimmsten Szenarien gilt Experten ein flächendeckender Ausfall der Stromversorgung. Der Versicherungsverband GDV warnte jüngst davor, ein solcher Ausfall würde binnen 24 Stunden das Leben weitgehend zum Erliegen bringen. Deutschland, kritisiert der Verband weiter, sei für so einen Angriff nicht gewappnet.

Ukraine-Konflikt: Russland mit Cyber-Attacke? Experte warnt vor Eingriff des Westens

Ein Stromausfall würde weit mehr betreffen als unsere abendliche Beleuchtung. „Unsere Gesellschaft ist in nahezu allen Bereichen von einer sicheren und zuverlässigen Stromversorgung abhängig. Ein lang andauernder und großflächiger Stromausfall würde alle kritischen Infrastrukturen betreffen“, heißt es laut WDR beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Informations- und Telekommunikation, Wasser und Abwasser, Lebensmittelversorgung, Krankenversorgung, auch die Gefahrenabwehr wären massiv betroffen.

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung des Bundestags hatte bereits 2011 einen Bericht zu möglichen Folgen eines nationalen Stromausfalls verfasst. Der Bericht spricht von einer „Schadenslage besonderer Qualität“. Ein länger anhaltender Stromausfall käme einer nationalen Katastrophe gleich.

Professor Wolfgang Hommel vom Forschungsinstitut Cyber Defence und Smart Data der Universität der Bundeswehr in München glaubt allerdings nicht, dass ein solche Szenario droht. „Ich sehe die Gefahr von Angriffen auf staatlicher Ebene momentan als sehr gering an – solange nicht westliche Länder aktiv in den Konflikt eingreifen.“ Etwa mit dem Einrichten einer Flugverbotszone über der Ukraine. „Wenn Russland auf staatlicher Ebene westliche Länder angreift, wäre das eine Eskalation des Konflikts, die Russland im Moment nicht dienen würde.“

Hommel hält es für möglich, dass Kriminelle aus Russland aktiv werden, etwa um Gelder zu erpressen. Auch ein Konflikt der Hackergruppe „Anonymous“ mit russischen Hackern sei denkbar. Aber das sei die nicht-staatliche Ebene. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass militärische oder staatliche russische Stellen aktuell derartige Angriffe auf westliche Länder planen.“ Auch bei den militärischen Aktionen in der Ukraine passiere bisher wenig auf der Cyber-Ebene. Dass der Kreml private Accounts hacken lässt, um Falschinformationen zu verbreiten, sei ebenfalls eher fraglich. „Private Personen sind für staatliche Stellen relativ unattraktiv, weil jeder Angriff und die Verwertung der Daten wieder Ressourcen bindet.“

Ein weiterer Cyber-Sicherheitsexperte appelliert ebenfalls - es sei wichtig, nicht in Panik zu verfallen:

Cyberattacken wegen Ukraine-Krise: Wie gefährdet ist Deutschland? Hiesige Abwehr scheint löchrig

Bleibt die Frage, ob Deutschland für große Cyberangriffe gerüstet wäre. „Allein, weil wir uns diese Frage stellen müssen, fühlen wir uns noch nicht hinreichend vorbereitet“, sagt Hommel. Alle Maßnahmen, die es bisher gebe, seien auf Friedenszeiten ausgelegt. Ob die Abwehr auch bei gezielten staatlichen Angriffen halten würde, „da gibt es schlichtweg keine Präzedenzfälle, an denen man sich orientieren könnte“.

Derzeit scheint Deutschlands Abwehr eher löchrig zu sein. Bei Bundesbehörden ist jede sechste Stelle für IT-Sicherheit im Kampf gegen Cyberangriffe unbesetzt. Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion fehlen derzeit 600 Fachkräfte für die 3600 Stellen für IT-Sicherheit im Bereich der verschiedenen Bundesministerien. Beim Bundesinnenministerium, zu dem das BSI gehört, sei sogar jede fünfte Stelle unbesetzt.

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte an, die Cyberabwehr auszubauen. „Dabei müssen wir stärker über Gegenmaßnahmen bei Cyberangriffen nachdenken“, sagte Faeser. Es gehe um „gezielte Maßnahmen, um Täter und Tatstrukturen auch im Ausland zu identifizieren, ihre Verschleierungsmaßnahmen, hinter denen sie glauben sicher zu sein, aufzudecken und die Durchführung von Angriffen zu verhindern“.

Die letzte Bundesregierung hatte sich nicht darauf einigen können, wie offensiv die Maßnahmen zur Cyberabwehr ausfallen sollten. Umstritten war insbesondere, ob deutsche Behörden im Fall eines Angriffs in ausländische Server eindringen dürfen, um diese auszuschalten. Die Ampel hatte ein solches „Hackback“ im Koalitionsvertrag ausgeschlossen.

Deutsche Waffenlieferungen für Ukraine? Dann sieht Verfassungsschutz erhöhtes Risiko

Im Schatten des Ukraine-Konflikts (Chronologie) könnte die Debatte neu aufbranden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt, die Sanktionen und die deutschen Waffenlieferungen erhöhten das Risiko für Cyberangriffe. Die russischen Dienste verfügten über Fähigkeiten, kritische Infrastruktur, aber auch militärische Einrichtungen und den politischen Betrieb „erheblich und nachhaltig zu sabotieren“, wie der „Spiegel“ aus einem internen Papier zitiert.

Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach forderte, mit den 100 Milliarden Euro zur Aufrüstung der Bundeswehr auch die Cyberabwehr zu verbessern. „Wir sind den Gefahren des Cyberraums durchgehend ausgesetzt, in kriegerischen Auseinandersetzungen umso mehr.“ Deutschland müsse in der Lage sein, im Falle eines Hackerangriffs nicht nur passiv, sondern auch aktiv reagieren zu können.

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