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Ukraine-Krieg könnte sich ausweiten – Transnistrien neues Schlüssel-Ziel für Russland?

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Im Ukraine-Konflikt wird ein Überlaufen auf das pro-russische Transnistrien in Moldau befürchtet. Russland gab der Ukraine die Schuld an Explosionen.

München/Tiraspol - Im Ukraine-Konflikt greifen die Truppen von Russlands Machthaber Wladimir Putin ukrainisches Territorium immer gewaltsamer an. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Die Kämpfe laufen derzeit hauptsächlich im Osten des Landes, wo pro-russische Separatisten einen Großteil der Oblasts Donezk und Luhansk besetzten. Gemeinsam mit den Söldnern rückt die russische Armee nun vor und will die Gebiete gänzlich unter ihre Kontrolle bringen. Der Westen versucht, mit Waffenlieferungen für die Ukraine und Sanktionen gegen Russland dagegenzusteuern.

Das Hauptaugenmerk liegt zwar selbstverständlich auf der Ukraine - immerhin wird der Konflikt dort ausgetragen. Doch nun wird ein Überlaufen des Konflikts über die Grenzen der Ukraine hinaus befürchtet. Dabei geht es nicht etwa um einen möglichen russischen Angriff auf einen Nato-Staat wie zum Beispiel Polen oder die baltischen Länder, sondern um das abtrünnige pro-russische Gebiet Transnistrien in Moldau an der ukrainischen Grenze. Mehrere Explosionen und Aussagen der Behörden richteten die Aufmerksamkeit plötzlich auf diese Region.

Ukraine-Krieg: Transnistrien im Fokus nach Explosionen - pro-russisches Gebiet an ukrainischer Grenze

Bei Transnistrien handelt es sich um ein seit den 90er-Jahren pro-russische regiertes und international nicht anerkanntes Teilgebiet in Moldau, ein schmaler Streifen von gerade mal 4.100 Quadratkilometern. Die überwiegend russischsprachige Region zwischen dem Fluss Dnjestr und der ukrainischen Grenze spaltete sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von der Republik Moldau ab. 1992 lieferten sich die Separatisten mit Unterstützung der russischen Armee einen Krieg mit der prowestlichen Regierung Moldaus. Hunderte Menschen wurden getötet.

2006 sprachen sich 97,1 Prozent der Wähler bei einem international nicht anerkannten Referendum für den Anschluss Transnistriens an Russland aus. Die moldauische Präsidentin Maia Sandu lehnt die Abspaltung ab. Sie fordert den Abzug der russischen Truppen an der Grenze zwischen Transnistrien und Moldau. Stattdessen solle dort eine Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stationiert werden. Moskau lehnt diesen Vorschlag ab. Transnistrien, wo sowjetische Symbole wie Hammer und Sichel schon längst allgegenwärtig sind, beherbergt einen russischen Militärstützpunkt sowie mehrere große Munitions- und Waffenlager.

Ukraine-Krieg: Explosionen in Transnistrien - Ministerium, sowjetische Antennen und Munitionslager

Am Montag (25. April) kam es zu gewaltigen Explosionen vor dem Ministerium für Staatssicherheit in Tiraspol, der Hauptstadt des de-facto-Regimes. Der Bereich um das Gebiet wurde abgeriegelt und Untersuchungen eingeleitet. Russische Quellen veröffentlichten Aufnahmen von Raketenwerfern der Typen RPG-27 und RPG-22 auf dem Asphalt vor dem Ministeriumsgebäude. Die Angriffe seien mit diesen Werfern durchgeführt worden, hieß es. Am nächsten Tag folgten schließlich zwei weitere Explosionen im Dorf Mayak. Dabei seien zwei Radiotürme aus sowjetischer Zeit beschädigt und außer Betrieb gesetzt worden, teilte das Innenministerium der abtrünnigen Region mit.

Ein Blick auf das beschädigte Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit in Tiraspol. I
Ein Blick auf das beschädigte Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit in Tiraspol. © Uncredited/Ministry of Internal Affairs of Transnistria/AP/dpa

Für beide Vorfälle machten sowohl Russland als auch das pro-russische Regime die Ukraine verantwortlich. „Spuren dieser Angriffe führen in die Ukraine“, sagte der Präsident der De-facto-Republik, Wadim Nikolajewitsch Krasnoselski, und fügte hinzu: „Ich nehme an, diejenigen, die diese Angriffe durchgeführt haben, wollen Transnistrien im Ukraine-Krieg beteiligen.“ Der stellvertretende russische Außenminister Andrej Rudenko äußerte sich ebenfalls mit einer Aussage, die als eine Drohung mit einem militärischen Angriff, falls nötig, verstanden werden kann. „Die Russische Föderation möchte ein Szenario vermeiden, bei dem sie in den Konflikt in Transnistrien eingreifen muss.“ Rudenko bezeichnete die Situation in der Region als „sehr alarmierend“.

Heute (27. April) meldete sich das transnistrische Innenministerium erneut zu Wort und gab an, das Dorf Kolbasna, wo sich ein großes russisches Munitionslager mit rund 20.000 Tonnen Munition aus Sowjetzeiten befindet, sei unter Beschuss geraten. Das Lager wird von russischen Truppen bewacht. Nach Angaben des Innenministeriums gilt es als das größte Munitionsdepot in Europa. Zuvor habe man in der Nacht Drohnen aus der Ukraine über dem Dorf gesichtet, so das Ministerium. Tote oder Verletzte gab es demnach aber nicht.

Ukraine-Krieg: Kiew befürchtet „False-Flag-Operation“ von Moskau im abtrünnigen Transnistrien

Entgegen der russischen Beschuldigungen sieht die Ukraine bei den Vorfällen in Transnistrien erneut eindeutige Anzeichen einer Operation von Moskau „unter falscher Flagge“. Mykhailo Podolyak, ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, warf der Moskau vor, eine Destabilisierung der abtrünnigen Region anzustreben. „Wenn die Ukraine morgen fällt, dann werden russische Truppen in Chisinau auftauchen“, so Podolyak. Um das zu verhindern, müsse man zusammenarbeiten.

Nach den Vorfällen in Transnistrien und den russischen Aussagen wächst nun die Sorge um eine Ausbreitung des Krieges in der Ukraine. Immerhin machen russische Militäroffiziere kein Geheimnis aus ihren Absichten. So bestätigte etwa Generalmajor Rustam Minnekaev gegenüber der russischen Agentur Tass, man wolle das Donbass-Gebiet sowie den Süden der Ukraine vollständig kontrollieren und somit einen Zugang zu Transnistrien schaffen. Gleichzeitig behauptete er, die russischsprachige Bevölkerung in Moldau werde „unterdrückt“. Dies war eines der Argumente für Moskau, um die Invasion der Ukraine zu rechtfertigen. Dieselbe Rhetorik taucht nun im Zusammenhang mit Moldau auf.

Ukraine-Krieg schon bald auch in Moldau? - russischer Offizier offenbart Pläne für Transnistrien

Schon seit Beginn der Zusammenstöße läuft der Ukraine-Krieg für Russland nicht ganz so einfach, wie es sich der Kreml gewünscht hatte. Durch westliche Waffen gestärkte ukrainische Truppen konnten in Kiew die Stellung halten. Russland musste Militäreinheiten aus dem gesamten Norden des Landes zurückziehen und für einen erneuten Angriff auf die Ostukraine neu formieren. Nur nach wochenlangen Angriffen gelang es Putins Truppen, Fortschritte im Donbass zu erzielen und die südöstliche Hafenstadt Mariupol großteils einzunehmen. Selbst dort befinden sich nach unzähligen Angriffen aber immer noch ukrainische Soldaten im Asowstal-Stahlwerk - wenn auch belagert und unter schwierigen Bedingungen.

Eines der weiteren Ziele von Russland ist die Einnahme der Stadt Odessa am Schwarzen Meer. Hierfür könnte sich eine größere militärische Präsenz in Transnistrien als zentral für Moskau erweisen. Laut dem US-Sender CNN gehen Analysten davon aus, dass Russland die abtrünnige Region als ein Logistikstützpunkt für den Ukraine-Krieg nutzen will. Zudem dürfte auch die strategische Position von Transnistrien wichtig werden, da dies einen Angriff auf Odessa aus einer weiteren Front ermöglichen würde. Ein derartiger Schritt von Russland würde den Krieg in der Ukraine deutlich in die Länge ziehen und geografisch ausbreiten. (bb)

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