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Russisch-türkischer Getreide-Deal nimmt Formen an - Lawrow wirft mit „Geisel“-Vorwürfen um sich

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Der Ukraine-Krieg sorgt für Engpässe bei der globalen Getreideversorgung. Ein Deal zwischen Russland und der Türkei soll nun Abhilfe schaffen. Die Ukraine ist aber skeptisch.

Update vom 8. Juni, 15.35 Uhr: Italiens Außenminister Luigi Di Maio hat die Blockade ukrainischer Häfen durch die russische Marine scharf verurteilt. „Den Weizen zu blockieren bedeutet, Millionen von Kindern, Frauen und Männern als Geiseln zu nehmen und sie zum Tod zu verurteilen“, sagte Di Maio bei einer Konferenz zur Ernährungssicherheit als Folge des Ukraine-Krieges. An dem Online-Treffen nahm neben Anrainerstaaten des Mittelmeerraumes auch Deutschland als G7-Vorsitzender teil.

Di Maio äußerte die Hoffnung, dass unter der Vermittlung der Türkei ein Ende der Blockade im Schwarzen Meer ausgehandelt werden könne und viele Staaten, unter anderem in Afrika, wieder mit Weizen und anderem Getreide beliefert werden können. „Wir erwarten von Russland klare und konkrete Signale“, sagte der Minister bei einer Pressekonferenz in Rom zusammen mit Qu Dongyu, dem Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen.

Ukraine-Krieg: Ukraine gegen Räumung von Minen vor Odessa - „russische Flotte wird dort sein“

Update vom 8. Juni, 12.55 Uhr: Aus Angst vor russischen Angriffen ist die Ukraine nach eigenen Angaben nicht dazu bereit, den Hafen von Odessa von Minen zu befreien, um den Export von Getreide zu ermöglichen. „Sobald die Zufahrt zum Hafen von Odessa von Minen geräumt wird, wird die russische Flotte dort sein“, sagte der Sprecher der Regionalverwaltung von Odessa, Serhij Bratschuk, in einer Videobotschaft im Online-Dienst Telegram.

Russland werde nach einer Entfernung der Minen Odessa „angreifen wollen“, es „träume davon“, Soldaten dort per Fallschirm landen zu lassen. Bratschuk veröffentlichte seine Erklärung kurz vor dem Treffen zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu in Ankara, in dem es um Möglichkeiten für den Export von Getreide aus ukrainischen Häfen ging.

Ukraine-Krieg: Cavusoglu spricht von „echter Krise“ beim Getreideexport

Update vom 8. Juni, 11.35 Uhr: Im Gegensatz zu seinem russischen Amtskollegen Lawrow sieht der türkische Außenminister Cavusoglu eine „echte Krise“ mit Blick auf die Lebensmittelkrise. Man dürfe sich hier nicht allein auf die Ukraine konzentrieren, sondern müsse insgesamt auf den Export von Getreide und Dünger aus der Ukraine, aber auch aus Russland blicken. Der von den Vereinten Nationen vorgeschlagene „Mechanismus“ zur Kontrolle der Schiffe und zu sicheren Korridoren sei an dieser Stelle nützlich, erklärte Cavusoglu. Mit Bezug auf mögliche Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland führte er an, die Türkei sehe eine positivere Atmosphäre als bisher für die Rückkehr zu Gesprächen. Die Türkei wolle hier erneut eine Rolle übernehmen und sei auch bereit, als Gastgeber eines Treffens zwischen Putin und Selenskyj zu fungieren.

Ukraine-Krieg: Selenskyj-Putin-Treffen? - Lawrow geht auf ukrainischen Staatschef los

Update vom 8. Juni, 11.30 Uhr: Russland Außenminister Sergej Lawrow kommentierte in Ankara auch die Möglichkeit eines Treffens zwischen dem russischen Machthaber Wladimir Putin und dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident wolle „ein Treffen, nur um ein Treffen gehabt zu haben”. Selenskyjs Bedingung, dass für ein Treffen erstmal alle russischen Truppen abzogen werden müssten, sei kein „konstruktiver Ansatz”, sagte Lawrow. „Der Ball liegt seit zwei Monaten bei der ukrainischen Seite”, betonte der russische Außenminister und fügte hinzu, die Ukraine habe seit Mitte April mehrmals ihre Haltung geändert. Bislang habe die Ukraine zudem nicht auf die schriftlichen Forderungen Russlands geantwortet. „Die Welt kennt die Ziele unserer Spezialoperation und wir werden diese Ziele auf jeden Fall erreichen”, versicherte Lawrow.

Russian Foreign Minister Sergei Lavrov (L) speaks with Turkish Foreign Minister Mevlut Cavusoglu (R) as they meet in Ankara, on June 8, 2022. - Turkey‘s foreign minister called Russian demands for an end to sanctions to help grain onto the world market „legitimate“.
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu empfängt seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Ankara. © Adem Altan/AFP

Ukraine-Krieg: Lawrow mit neuen Vorwürfen gegen Westen und Ukraine - „sind kein Hindernis“

Update vom 8. Juni, 11.10 Uhr: In Ankara begründete der russische Außenminister Sergej Lawrow den Angriffskrieg gegen die Ukraine mit „Sicherheitsbedenken“. Russische Truppen würden versuchen, zivile Verluste so minimal wie möglich zu halten. Das Ziel von Moskau sei es, „Russen in den Volksrepubliken Luhansk und Donezk“ zu schützen. Er habe seinen türkischen Amtskollegen Cavusoglu über die „militärische Operation“ in der Ukraine informiert, so Lawrow.

Putins Außenminister warf dem Westen vor, Probleme beim Export von ukrainischem Getreide als eine „Katastrophe“ zeigen zu wollen. Doch der Anteil von ukrainischem Getreide im Weltmarkt liege in Wahrheit bei nur weniger als einem Prozent, behauptete Lawrow. Dies führe sicherlich nicht zu einer Lebensmittelkrise, führte er an. Dabei lobte Lawrow türkische Bestrebungen zur Ermöglichung des Getreideexports aus der Ukraine. Er beschuldigte die Ukraine, die Getreideschiffe in Häfen als „Geisel“ zu halten. Die russische Schwarzmeerflotte hingegen öffne Korridore und alle Schiffe seien frei, diese Korridore zu nutzen.

Einerseits erkläre die Ukraine, sie seien bereit zur Säuberung der Minen, anderseits würden sie aber Anti-Schiffsraketen vom Westen fordern. Dies zeige, was die Ukraine wirklich beabsichtige, bemerkte Lawrow. Russland sei bereit zur Säuberung der Minen im Schwarzen Meer, falls sich die Ukraine ebenfalls dazu bereiterklären würde, betonte der russische Außenminister und fügte hinzu: „Wir sind bereit, die Sicherheit von Schiffen zu gewährleisten, die die ukrainischen Häfen verlassen.“ Hierfür würden Gespräche mit militärischen Behörden der Türkei laufen, doch Russland sei keineswegs ein Hindernis für die Getreideschiffe.

Ukraine-Krieg: Türkei sieht „angemessenen“ UN-Plan für Getreideexport

Update vom 8. Juni, 11.05 Uhr: Der russische Außenminister Sergej Lawrow und der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hielten Gespräche in Ankara zum Ukraine-Krieg. Auf das Treffen der beiden Minister folgt eine gemeinsame Pressekonferenz, wobei auch auf das Problem von Getreideexporten eingegangen wird. Cavusoglu sprach von einem einem Plan der Vereinten Nationen zu einem „Mechanismus” zwischen der UN, Russland, der Ukraine und der Türkei. Die Türkei halte diesen Plan für „angemessen und durchführbar”, so Cavusoglu. Allerdings müsse auch die Ukraine einverstanden sein. Der türkische Außenminister stellte hierfür ein Treffen in Istanbul in Aussicht.

Die Türkei strebe nach einem „anhaltenden Frieden in der Ukraine“ und sei bereit, jede nötige Unterstützung zu leisten, so der türkische Außenminister. Die Forderungen Russlands nach einem Aufheben der Sanktionen im Gegenzug für eine Ermöglichung von Getreideexport bezeichnete Cavusoglu als „legitim“: „Wenn wir den Weltmarkt für ukrainisches Getreide öffnen müssen, dann sehen wir die Entfernung von Hindernissen für russische Exporte als legitime Forderung an.“

Ukraine-Krieg: Getreide-Export vor Lösung? - Putins Außenminister Lawrow in Ankara

Update vom 8. Juni, 10.35 Uhr: Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist zu Gesprächen über die Ausfuhr von derzeit in der Ukraine blockiertem Getreide in der Türkei eingetroffen. Lawrow landete am Flughafen von Ankara, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Heute soll der von einer militärischen Delegation begleitete Lawrow mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu zusammenkommen. Die Türkei hofft im Gegenzug für den Schutz ukrainischer Konvois auf billiges Getreide.

Sergej Lawrow
Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist in der Türkei für Gespräche zum Ukraine-Krieg. (Archivbild) © IMAGO/Russian Foreign Ministry/TASS

Bei den Verhandlungen in der Türkei soll es um Möglichkeiten zur Auflösung der Blockade ukrainischer Getreideexporte gehen. Medienberichte, wonach an den Gesprächen auch der ukrainische Botschafter Wassyl Bodnar teilnehmen soll, wurden von der ukrainischen Botschaft in Ankara dementiert. Die Türkei hat auf Bitten der Vereinten Nationen angeboten, trotz der teils auch nahe der türkischen Küste entdeckten Seeminen im Schwarzen Meer maritime Konvois aus ukrainischen Häfen zu eskortieren. Dafür könnte die Türkei eine finanzielle Gegenleistung bekommen.

Laut dem von mehreren Zeitungen zitierten türkischen Landwirtschaftsminister Vahit Kirisci hat Ankara eine Vereinbarung mit Kiew getroffen, wonach die Türkei Getreide für einem Rabatt von „25 Prozent unter“ dem Marktpreis bekommt. Das ukrainische Außenministerium erklärte, "die Bemühungen der Türkei zur Freigabe der ukrainischen Häfen zu schätzen". Es betonte jedoch, dass es "derzeit keine Vereinbarung zwischen der Ukraine, der Türkei und Russland zu diesem Thema" gebe.

Ukraine-Krieg: Getreide-Problem in der Ukraine - russische Angriffe verhindern Export

Erstmeldung vom 7. Juni: Odessa - Der eskalierte Ukraine-Konflikt dreht sich hauptsächlich um die militärischen Aspekte der Kämpfe zwischen ukrainischen und russischen Truppen, die derzeit vor allem im Osten der Ukraine ausgetragen werden. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Doch ein anderes Problem plagt die Welt genauso stark wie die Gefahr eines Krieges: Engpässe bei der Getreideversorgung.

Russische Blockaden im Schwarzen Meer sowie schwere Angriffe stellen ein ernstes Problem für den Export von Getreide aus der Ukraine dar. Verhandlungen zwischen Russland und der Türkei hierzu haben nun nach russischen Angaben offenbar Erfolge gebracht. Russische Medien schilderten einen gemeinsamen Plan mit Ankara, der den erneuten Getreideexport aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa ermöglichen soll.

Ukraine-Krieg: Russland und Türkei mit Vereinbarung für Getreideexport - türkische Marine soll nach Odessa

Die Details zu der Vereinbarung zwischen Russland und der Türkei veröffentlichte die russische Zeitung Izvestia unter Berufung auf einen hochrangigen russischen Beamten. Demnach soll die Ukraine ihre territorialen Gewässer vor der Hafenstadt Odessa für türkische Kriegsschiffe öffnen, die das Gebiet von möglichen Minen säubern werden. So sollen die mit Getreide vollgeladenen Schiffe die Stadt sicher verlassen können, erklärte der russische Beamte. Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist am Dienstag in Ankara eingetroffen.

Bis zu den neutralen Gewässern des Schwarzen Meers sollen die türkischen Kriegsschiffe die ukrainischen Getreideschiffe eskortieren. Ab dem Schwarzen Meer würden schließlich bis zum Bosporus russische Kriegsschiffe das Eskortieren übernehmen, „um Provokationen zu verhindern,“ so der russische Beamte gegenüber Izvestia.

Ukraine-Krieg: Ukraine skeptisch über Deal zwischen Russland und Türkei - Vorwurf gegen Moskau

Das Angebot, die Minen vor Odessa zu säubern, kam von der Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der Deal zwischen Moskau und Ankara hört sich zwar einwandfrei an, doch Kiew ist skeptisch. Die Ukraine fürchtet russische Angriffe auf den Hafen von Odessa, falls die Minen, die zur Verteidigung gelegt wurden, entfernt werden, wie die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete.

Demnach hofft die Türkei an dieser Stelle auf eine Unterstützung der Vereinten Nationen, um die Sicherheitsbedenken der ukrainischen Seite zu beseitigen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob dies gelingen wird, zumal die Ukraine selbst nicht an den Verhandlungen teilnahm. Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte am Dienstag allerdings an, dass auch Deutschland bei der Getreideversorgung in der Ukraine mit den Vereinten Nation zusammenarbeiten werde. „Es ist sehr wichtig, dass wir das Getreide aus der Ukraine zu exportieren“, sagte Scholz in Vilnius.

Der stellvertretende ukrainische Wirtschaftsminister Taras Kaschka warf Russland gegenüber Bloomberg vor, mit der Verkündung einer Abmachung die Verantwortung für Engpässe beim Getreideexport auf die Ukraine übertragen zu wollen. „Doch Tatsache bleibt, dass die Lebensmittelkrise künstlich durch Russland und nur durch Russland erschaffen wurde“, betonte Kaschka.

Ein Acker in Cherson, der von einem russischen Panzer befahren wird.
Nicht an Landwirtschaft zu denken: In der Ukraine sind viele Ackerflächen wie hier in Cherson Ende März unbrauchbar. © ITAR-TASS /Imago

Ukraine als „Kornkammer der Welt“ - großer Anteil am globalen Getreidemarkt

Die Ukraine wird oft als „Kornkammer der Welt“ charakterisiert. Tatsächlich spielt das Land bei der globalen Getreideversorgung ganz oben mit. In einem Bericht vor Wladimir Putins Angriffskrieg auf die Ukraine veröffentlichte die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf das US-Landwirtschaftsministerium Zahlen zu den erwarteten Anteilen von ukrainischen Getreideexporten am globalen Markt für 2021/2022.

Nach dem Beginn des Ukraine-Krieges erlebte der Getreideexport sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland einen Einbruch. Russischen Truppen wurde vorgeworfen, gezielt Angriffe auf Getreidedepots zu verüben und ukrainische Ernten sowie landwirtschaftliche Fahrzeuge zu stehlen. Satellitenfotos schienen dabei diesen Diebstahl zu bestätigen.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beschuldigten Kreml-Chef Putin, Hunger als Waffe zu benutzen. Moskau würde dabei auch eigene Exporte zurückhalten und somit die Welt „erpressen“, unterstrich von der Leyen. Ähnliche Vorwürfe von Erpressung und Diebstahl kamen auch von US-Außenminister Antony Blinken. Ob die russisch-türkische Initiative dieses Problem nun schlussendlich lösen wird, ist noch unklar. Für eine genaue Einschätzung ist sie noch zu frisch. Dazu kommt, dass der Plan ohne ukrainische Zustimmung nur schwer umsetzbar ist. Russland Außenminister Sergej Lawrow zeigte sich jedenfalls zuversichtlich über eine erfolgreiche Einigung. (bb)

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