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Lawrow wirft Westen neue Blockbildung vor und giftet: „Will Russland zerstören und zerstückeln“

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Von: Marcus Giebel

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Böser Blick gen Westen: Russlands Außenminister Sergej Lawrow gefällt sich auch bei der UN-Vollversammlung in der Opferrolle.
Böser Blick gen Westen: Russlands Außenminister Sergej Lawrow gefällt sich auch bei der UN-Vollversammlung in der Opferrolle. © IMAGO/Valery Sharifulin

Auch bei der UN-Vollversammlung überschattete der Ukraine-Krieg alle anderen Themen. Sergej Lawrow nutzte seinen Auftritt zu einer weiteren Abrechnung mit dem Westen.

München - Sergej Lawrow weiß, was von ihm erwartet wird, wenn er vor der Weltöffentlichkeit spricht. Es geht darum, die harte Linie seines Chefs Wladimir Putin gegen jegliche Kritik - und sei sie noch so rational vorgebracht - zu verteidigen. Und deshalb rechtfertigt der russische Außenminister den Ukraine-Krieg, der Zehntausende das Leben gekostet, Millionen in die Flucht geschlagen und in großen Teilen der Welt wahlweise eine Energie- oder eine Hungerkrise heraufbeschworen hat.

So war es auch keine Überraschung, dass der 72-Jährige die Generaldebatte der UN-Vollversammlung in New York City nutzte, um ganz im Sinne des Kreml-Chefs in die Offensive zu gehen und in der immer häufiger bemühten Konfrontation mit dem Westen weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Lawrow bei UN-Vollversammlung: Westen will laut russischem Außenminister „Konfrontation zwischen Blöcken“

„Unter dem Slogan einer regelbasierten Ordnung führt der Westen überall Trennlinien ein, die auf eine Konfrontation zwischen Blöcken hinauslaufen: Entweder bist du für uns oder gegen uns“, schimpfte Lawrow laut Übersetzung. Eine dritte Option sei nicht möglich, Kompromisse gebe es nicht.

Damit spielt der Putin-Vertraute auf den Schulterschluss, den die USA, Deutschland und die anderen Partner mit möglichst vielen Nationen suchen, um Russland wegen des Feldzugs in der Ukraine unter Druck zu setzen und in letzter Konsequenz zu isolieren, um den Kreml zum Einlenken zu bewegen. Gerade in der Frage der Sanktionen gegen Putin und seinen Machtapparat spricht die Welt noch lange nicht dieselbe Sprache.

Wahlzettel zum Referendum in Ukraine
Ein Haken ist Antwort genug: Mit solchen Zetteln werden die Referenden in den von Russland besetzten Gebieten in der Ukraine durchgeführt. © IMAGO / SNA

Lawrow und der Ukraine-Krieg: „Westen will Russland zerstören und zerstückeln“

Lawrow aber ging noch weiter, warf dem Westen vor, Russlands Ende herbeiführen zu wollen: „Es ist ihnen nicht mal mehr peinlich, offen zu erklären, dass es nicht nur die Absicht gibt, unserem Land eine militärische Niederlage zuzufügen, sondern Russland zu zerstören, zu zerstückeln.“ Harter Tobak. Zumindest bei Putin scheint der Stachel des Zerfalls der Sowjetunion noch tief zu sitzen.

Damit aber nicht genug, nahm sich Lawrow speziell die USA vor, die in seiner Lesart die Ukraine nur mit Militärhilfen unterstützen würde, um das Land als „Material im Kampf gegen Russland“ zu nutzen. Es ist der alte Vorwurf eines Stellvertreterkriegs, in dem sich eigentlich die beiden einstigen Großmächte wie zu Zeiten des Kalten Krieges gegenüber stehen - die eine mit ihren Truppen, die andere mit ihrem Kriegsgerät. Hoffnung auf ein baldiges Ende der Auseinandersetzungen kommt da nicht auf.

Video: Treffen zwischen Baerbock und Lawrow bei UN-Vollversammlung geplatzt

Eskalation im Ukraine-Krieg: Welche Folgen hätte ukrainischer Angriff auf annektierte Gebiete?

Die nächste Eskalationsstufe scheint der Kreml ohnehin bereits gezündet zu haben: Im Zuge einer Teilmobilmachung sollen 300.000 zusätzliche Soldaten auf ihren Einsatz an der Front vorbereitet werden. Zudem bemüht sich Russland darum, über Scheinreferenden die besetzten Gebiete Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja im Süden und im Osten der Ukraine in den eigenen Staat zu integrieren - mutmaßlich, um bei einem weiteren Vorrücken der ukrainischen Armee darauf pochen zu können, diese würde russisches Staatsgebiet angreifen.

Welche Antwort darauf folgen würde, weiß womöglich noch nicht einmal Putin selbst. Der immerhin seit Kriegsbeginn mit dem Einsatz von Nuklearwaffen kokettiert.

Viele Länder hatten bereits erklärt, eine Annexion der Süd- und der Ost-Ukraine durch Russland nicht anzuerkennen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres sprach sogar von einer Verletzung des Völkerrechts. Lawrows Reaktion? Er wischte die Kritik als „Wutausbruch“ des Westens weg und versicherte, die Bewohner der betroffenen Regionen nähmen nur „ihr Land mit, in dem ihre Vorfahren seit Hunderten von Jahren leben“.

Lawrow und Baerbock: Kein Gespräch in New York - Russland gibt EU die Schuld

Von Einsicht also weiter keiner Spur. Dazu passt, dass ein offenbar geplantes Treffen zwischen Lawrow und seiner deutschen Amtskollegin Annalena Baerbock platzte. Die russische Seite gab dafür der EU-Delegation die Schuld, die nach einem Terminvorschlag „vom Radar verschwunden“ sei.

Es sollte in dem Austausch anscheinend um das Atomkraftwerk Saporischschja gehen, das größte seiner Art in Europa. Das Gelände soll sich in den Händen der Russen befinden, Meldungen über dortige Kampfhandlungen schreckten nicht nur AKW-Gegner auf.

Auch hier bleibt nur: Abwarten und hoffen, dass irgendwann doch die Vernunft siegt. Lawrow jedenfalls hat das geliefert, was sich Putin von diesem Termin versprochen haben dürfte. Für die Ukraine ist das wieder einmal ein schlechtes Zeichen. (mg)

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