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Luhansk offenbar erobert: Putin hat nun mehrere Optionen als nächste Ziele - Experte sieht „Dilemma“

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Von: Marcus Giebel

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Russland erkauft sich seine Gebietsgewinne in der Ukraine teuer. Aus Sicht des Donbass scheint klar, wie der Krieg nun weitergeht. Experten sind sich da nicht so sicher.

München - Wohin wendet sich Wladimir Putin als Nächstes? Diese Frage stellen sich nicht nur die Ukrainer, die vom Kreml-Chef seit dem 24. Februar in einen erbarmungslosen Krieg verwickelt werden. Nach immensen Verlusten und zahlreichen Rückschlägen durfte Russlands Präsident mit der Eroberung der Region Luhansk jüngst einen ersten großen Punktsieg für sich verbuchen.

Damit haben die von Putin entsandten Truppen nach mehr als vier Monaten des Feldzugs einen Teil des Donbass eingenommen - zumindest laut eigenen Angaben. Will der mächtige Mann in Moskau die Region im Osten der Ukraine vollständig besetzen, müssten sich seine Soldaten nun Donezk widmen. Genau das befürchten offenbar die Einheimischen.

Putins Krieg in der Ukraine: „Donezk ein gefährlicher Hotspot auch für Zivilisten“

Pawlo Kyrylenko, Gouverneur des Oblast Donezk, warnt: „Russland hat das gesamte Gebiet von Donezk zu einem gefährlichen Hotspot auch für Zivilisten gemacht.“ Der Bevölkerung wird geraten, die Region zu verlassen. Denn was Städten und Dörfern blüht, auf die sich Putin einschießt, haben nicht nur die Monate des Ukraine-Kriegs demonstriert.

Entsprechend eindringlich wendet sich Wadym Ljach, Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt Slowjansk im Norden der Region, an die dortigen Einwohner: „Kein Risiko eingehen! Packt zusammen!“ Es ist die Aufforderung zur Flucht nach dem Motto: Rette sich, wer kann! Busse und Züge würden die Menschen in den Westen der Ukraine bringen.

Ein Mann steht in einem Krater
Spuren des Kriegs: Nahe Kramatorsk hat eine Rakete bereits vor einigen Tagen diesen Krater hinterlassen. © GENYA SAVILOV/afp

Putins nächste Ziele im Krieg: Weiter im Donbass oder doch Odessa erobern?

Doch nicht nur in Slowjansk dürften demnächst russische Raketen und Truppen einfallen. Die Armee des Kreml soll auch die Stadt Kramatorsk ins Visier genommen haben. Diese liegt etwas südlicher und beherbergt einige zehntausend Bürger mehr. Laut des ukrainischen Generalstabs seien rund um Kramatorsk und Bachmut, einer östlicher gelegenen Stadt, mehrere Siedlungen mit Artillerie beschossen worden.

Auch aus der Hafenstadt Odessa, der aktuell letzten in ukrainischer Hand befindlichen Stadt am Schwarzen Meer, wurden weitere Raketenangriffe gemeldet. Was einmal mehr verdeutlicht, dass Putin die Ukraine an mehreren Orten zugleich empfindlich treffen will. Um sie nicht zu erobern, sondern auch zu zermürben.

Putins Kampf um Odessa: Australischer Militär-Experte sieht „sehr große strategische Bedeutung“

Dem Seezugang misst auch Mick Ryan entscheidende Bedeutung zu - nicht zuletzt wegen der Exporte. Dem australischen Militär-Experten zufolge ist die Situation am Ufer des Schwarzen Meers alles andere als stabil. Er betont, der Krieg im Süden der Ukraine sowie die „Befreiung ukrainischer Häfen von russischem Einfluss“ seien von „sehr großer strategischer Bedeutung“.

So könnte sich Putin mit der Kontrolle der Küste ein zusammenhängendes Territorium mit der 2014 annektierten Krim sowie den Zugang zu ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer verschaffen. Ryan vermutet aber, dass Moskau sich letztlich für ein Ziel entscheiden müsste: „Die Gegenangriffe der Ukraine im Süden bedeuten für die Russen ein Dilemma. Erhalten sie die Offensive im Osten aufrecht oder stärken sie den Süden?“

Särge stehen nebeneinander auf der Erde
Einige der zahllosen Opfer des Kriegs: In diesen Särgen begraben die Ukrainer ihre unidentifizierbaren Kämpfer. © IMAGO / ITAR-TASS

Putins Truppen im Ukraine-Krieg: Historiker sieht Russland besonders nahe seiner Grenze stark

Mut macht den Verteidigern trotz der zunehmenden russischen Geländegewinne auch Pierre Razoux von der „Mittelmeerstiftung für Strategische Studien“. Der französische Schriftsteller und Historiker schließt aus dem bisherigen Kriegsverlauf, dass Putins Truppen nicht in der Lage sind, allzu weit gegen den Feind vorzurücken. Razoux schlussfolgert: Die russische „Dampfwalze funktioniert gut in der Nähe ihrer Grenzen, ihrer Logistikzentren und ihrer Luftstützpunkte. Je weiter sie sich von ihnen entfernen, desto komplizierter wird es.“

Der Wissenschaftler sieht aber auch in Charkiw, der unweit der russischen Grenze gelegenen, zweitgrößten ukrainischen Stadt, ein potenzielles nächstes Ziel von Putin. Konzentriert sich der Kreml-Herrscher auch auf die 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt, müssten sich die Ukrainer entscheiden, ob sie Charkiw verteidigen oder nach Süden in Richtung Cherson ausweichen. Bleiben die Verteidiger, erwartet Razoux eine zerstörerische Schlacht, eine Belagerung könnte ein Jahr dauern.

Beide Kriegsparteien könnten sich also gegenseitig für den weiteren Fortgang der Kämpfe wegweisende Entscheidungen aufzwingen. Der nächste Zug aber wird wohl einmal mehr von Putin ausgehen, der sich auf dem Vormarsch wähnt wie womöglich noch nie zuvor in diesem Konflikt. (mg)

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