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Mariupol vor dem Fall? Lebensmittel werden knapp - „Köche und sogar das Orchester“ kämpfen

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Von: Christina Denk

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Die militärische Lage in Mariupol ist prekär. Seit fast sieben Wochen kämpfen russische und ukrainische Soldaten um die Stadt. Nun soll es einen Giftangriff gegeben haben. Ein Überblick.

Mariupol - Die Lage um die ukrainische Hafenstadt Mariupol spitzt sich zu. An Tag 47 des eskalierten Ukraine-Konflikts (12. April) steht die strategisch wichtige Stadt weiterhin unter Beschuss. Das Militär meldete sich mit einem Hilferuf auf Facebook - offenbar werden Lebensmittel knapp. Die Ukraine sprach auch von möglichem Giftgas-Einsatz in der Stadt. Ein Überblick zur Lage in Mariupol:

Ukraine-Krieg: Gifteinsatz in Mariupol - Ukrainisches Militär berichtet von Vergiftungserscheinungen

Das ukrainische Asow-Regiment hatte am späten Montagabend (11.4) in Mariupol von einem angeblichen Angriff mit Giftgas berichtet. Eine unbekannte Substanz sei mit einer Drohne über der Stadt abgeworfen worden, erklärte das rechtsextreme Bataillon am Montagabend in seinem Telegram-Kanal. Der ehemalige Asow-Kommandeur Andryj Bilezkyj berichtete auf Telegram von drei Personen mit Vergiftungserscheinungen. Die Opfer litten den Angaben zufolge unter anderem Atembeschwerden und Bewegungsstörungen.

Am Dienstagmittag (12.4) meldete das Regiment, dass die getroffenen Personen sich in „relativ zufriedenstellendem Zustand“ befänden, so Kyiv Independent. Weiter hieß es, die Opfer hätten Bluthochdruck, Augenausschlag und Atemnot. Eine Bestätigung dafür aus anderen ukrainischen Militärquellen gab es zunächst nicht.

Die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Hanna Maljar sagte am Vormittag im ukrainischen Fernsehen: „Nach vorläufigen Angaben gibt es die Annahme, dass es wohl Phosphorkampfmittel waren.“ Endgültige Schlussfolgerungen könne es erst später geben. Auch Großbritannien und die USA untersuchen den mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz. Auch die grausamen Bilder aus Butscha, dem Vorort von Kiew, hatten internationale Reaktionen zur Folge.

Nach vorläufigen Angaben gibt es die Annahme, dass es wohl Phosphorkampfmittel waren.

Hanna Maljar, stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, zu Vorwürfen des Chemiewaffeneinsatzes gegen Russland.

Prorussische Separatisten haben den Vorwurf ukrainischer Kämpfer zurückgewiesen. Eduard Bassurin, ein Sprecher der Donezker Separatisten, sagte der russischen Agentur Interfax am Dienstag: „Die Streitkräfte der Donezker Volksrepublik haben in Mariupol keine chemischen Waffen eingesetzt.“

Hafen in Mariupol unter russischer Kontrolle? - Vorbereitungen auf „die letzte Schlacht“

Indes spitzt sich die Lage in Mariupol für die ukrainische Seite zu. Auch in der Nacht auf Dienstag soll es heftige Kämpfe gegeben haben. Westliche Militärexperten beobachten im Ukraine-Krieg Geländegewinne der russischen Truppen. Der Hafen soll unter russischer Kontrolle sein, berichteten die russischen Agenturen Ria und Interfax am Montag unter Berufung auf den Donezker Separatistenführer Denis Puschilin.

Die verbliebenen Soldaten in der Stadt erklärten am Montag, sie bereiteten sich auf die „letzte Schlacht“ vor. Die Vorräte gingen aus und die Hälfte der Soldaten sei verwundet, so ein öffentliches Statement der Brigade auf Facebook. „Die Infanterie wurde getötet, und jetzt kämpfen Artilleristen, Flugabwehrkanoniere, Fahrer, Köche und sogar das Orchester“, zitiert Kyiv Independent das Statement.

Bewohner gehen am 10. April 2022 in der Nähe von beschädigten Gebäuden in Mariupol.
Bewohner gehen am 10. April 2022 in der Nähe von beschädigten Gebäuden in Mariupol. © Victor/XinHua/dpa

Neben den Lebensmitteln soll auch die Munition knapp werden. Seit Beginn der Belagerung durch russische Truppen vor rund sechs Wochen seien keine Lieferungen mehr zu ihnen durchgekommen, sagt ein Soldat in einem am Dienstag (12. April) zuerst auf Facebook veröffentlichten Video. Der Mann stellt sich und seine Kameraden als Mitglieder der 36. Marineinfanteriebrigade aus Mariupol vor. Der Soldat betont, er und die anderen würden sich trotz der schwierigen Lage nicht ergeben. „Wir haben unsere Positionen nicht verlassen und bleiben (der Ukraine) immer treu.“

Ukraine-Krieg: Berichte über Fluchtversuche ukrainischer Soldaten aus der Stadt

Nach Angaben Russlands haben sich die verbliebenen, ukrainischen Kämpfer in Mariupol in einem Stahlwerk der Stadt verschanzt. Auch das ukrainische Statement auf Facebook sprach davon, dass ukrainisches Militär in einem Industriewerk eingeschlossen sei.

Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, sprach am Dienstag von einem Fluchtversuch. „Die auf dem Territorium des Werks „Iljitsch“ eingeschlossenen Reste der ukrainischen Streitkräfte haben einen erfolglosen Versuch gemacht, aus der Stadt auszubrechen“, sagte Konaschenkow. Seinen Angaben zufolge haben etwa 100 ukrainische Soldaten den Ausbruchsversuch unternommen, die Hälfte davon sei getötet worden. Diese Angaben waren zunächst nicht unabhängig überprüfbar.

Wenn wir Flugzeuge und genug schwere gepanzerte Fahrzeuge und die nötige Artillerie hätten, könnten wir es schaffen.

Wolodymyr Selenskyj (Präsident Ukraine)

Die ukrainischen Behörden gaben sich indessen kämpferisch. „Die Russen haben vorübergehend einen Teil der Stadt besetzt. Ukrainische Soldaten verteidigen weiterhin das Zentrum und den Süden der Stadt sowie die Industriegebiete“, sagte der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Sergej Orlow, der BBC. Der ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj bekräftigte am Montag, die Verbindung zu den Verteidigern Mariupols sei nicht abgerissen. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von fehlenden, schweren Waffen. „Wenn wir Flugzeuge und genug schwere gepanzerte Fahrzeuge und die nötige Artillerie hätten, könnten wir es schaffen“, sagte er in einer Videoansprache am späten Montagabend. 

Wolodymyr Selenskyj forderte erneut mehr Waffen. Nur so könne Mariupol verteidigt werden. Ein Standbild aus einer Videoansprache des ukrainischen Präsidenten.
Wolodymyr Selenskyj forderte erneut mehr Waffen. Nur so könne Mariupol verteidigt werden. Ein Standbild aus einer Videoansprache des ukrainischen Präsidenten. © Ukrainian Presidential Press Office/dpa

Ukraine-Krieg: Lage in Mariupol seit Beginn des Krieges - Ein Überblick

Immer wieder wird in Mariupol zudem versucht, die Zivilbevölkerung mithilfe von Fluchtkorridoren in Sicherheit zu bringen. Mariupol hatte vor Beginn des Krieges etwa 430.000 Einwohner. Alle aktuellen Entwicklungen zur militärischen Lage in der Ukraine gibt es im News-Ticker. (chd/dpa)

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