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Ukraine-Krieg: „Beängstigende“ Lebensmittelknappheit – UN-Experte warnt vor „Hölle auf Erden“

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Von: Bettina Menzel

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Ukraine Krieg Ein russischer Soldat geht außerhalb von Melitopol in der Region Saporischschja durch ein Weizenfeld
Ein russischer Soldat geht außerhalb von Melitopol in der Region Saporischschja durch ein Weizenfeld (Archivbild, 14. Juni 2022). © IMAGO/Alexey Maishev/ SNA

Der Ukraine-Krieg verschlimmert die Nahrungsmittelknappheit in der Welt. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen hervor.

Addis Abeba - Der eskalierte Ukraine-Konflikt hat weltweit steigende Lebensmittelpreise und Nahrungsmittelknappheit zur Folge. Am Donnerstag (16. Juni) warnte David Beasley, der Direktor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP), in einer Rede in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba vor Aufständen, Protesten und politischer Gewalt in dutzenden Ländern. Ein Blick nach Sri Lanka zeige, wie die Zukunft in anderen Ländern aussehen könnte.

Ukraine-Krieg: Vereinte Nationen warnen vor Aufständen wegen Lebensmittelknappheit

Die Ukraine und Russland gelten als die Kornkammern der Welt. Es lagern aktuell mehr als 20 Millionen Tonnen Weizen in der Ukraine, doch das Land kann das lebenswichtige Getreide aufgrund der russischen Seeblockade im Schwarzen Meer nicht verschiffen. Der Weizen droht zu verrotten – anderswo fehlt das dringend benötigte Nahrungsmittel. Rund zwölf Prozent des weltweit erzeugten Weizens kamen bislang aus der Ukraine. Die Vereinten Nationen (UN) sprechen von einer noch nie dagewesenen und „beängstigenden“ Lebensmittelknappheit.

David Beasley, der Leiter des UN-Welternährungsprogramms, warnte am Donnerstag vor Unruhen, politischer Gewalt und Protesten in dutzenden Ländern in diesem Jahr. „Schon vor der Ukraine-Krise waren wir aufgrund von Covid- und Kraftstoffpreiserhöhungen mit einer beispiellosen globalen Lebensmittelkrise konfrontiert“, sagte Beasley. „Damals dachten wir, es könnte nicht schlimmer kommen“, so Beasley, doch dieser Krieg sei verheerend gewesen.

Ukraine-Krieg: Diese Länder leiden besonders unter der Nahrungsmittelknappheit

Besonders arme Länder hängen von ukrainischen und russischen Getreideimporten ab. Die 54 Länder in Afrika etwa importieren nach Angaben der Vereinten Nationen insgesamt etwa die Hälfte ihres Weizens aus der Ukraine und Russland. Somalia bezieht seinen gesamten Weizen aus den beiden Ländern, Ägypten importiert von dort rund 80 Prozent seines Bedarfs. Doch selbst wenn Getreide vorhanden ist, sind Lebensmittel für arme Länder oft unbezahlbar teuer. Der Tschad rief wegen der steigenden Preise für Nahrungsmittel bereits den Notstand aus.

Russland ist aufgrund seiner hohen Erdgasvorkommen auch einer der wichtigsten Düngerlieferanten der Welt – der Wegfall des Exports von Düngemittel hat auch Einfluss auf zukünftige Ernten. Am Horn von Afrika herrscht zudem eine der schlimmsten Dürren seit 40 Jahren, besonders betroffen sind Äthiopien, Kenia, Sudan und Somalia. Weitere Schlüsselfaktoren sind die Preiserhöhungen bei Kraftstoffen und damit auch beim Transport von Lebensmitteln.

Aktuell leiden Angaben von WFP-Leiter Beasley zufolge 810 Millionen Menschen unter chronischem Hunger – vor fünf Jahren waren es noch 650 Millionen. Die Zahl der Menschen, die unter akutem Hunger litten, sei im gleichen Zeitraum von 80 auf 325 Millionen gestiegen. „Man marschiert dem Hungertod entgegen und weiß nicht, woher die nächste Mahlzeit kommt“, definiert Beasley diesen Zustand. Besonders schlimm ist die Lage laut UN-Bericht in Äthiopien, Nigeria, dem Südsudan und Jemen, wo die höchste Hunger-Warnstufe gilt, ebenso in Afghanistan und Somalia. 750.000 Menschen droht damit der Hungertod. Schlechte Prognosen sehen die UN etwa auch für die Demokratische Republik Kongo, Haiti, den Sudan und Syrien.

Ukraine-Krieg: Unruhen, Proteste und politische Gewalt in zahlreichen Ländern erwartet

Nach der Wirtschaftskrise von 2009 gab es laut dem WFP-Chef Unruhen in 48 Ländern dieser Erde. Doch die wirtschaftlichen Faktoren von heute seien viel schlimmer als vor 15 Jahren, so Beasley weiter. Wenn diese Krise nicht angegangen würde, könnte das zu „Hungersnot, Destabilisierung von Nationen und Massenmigration“ führen. „Wir sehen bereits Unruhen in Sri Lanka und Proteste in Tunesien, Pakistan und Peru, und wir haben Destabilisierungen an Orten wie Burkina Faso, Mali und Tschad erlebt“, sagte Beasley. „Das ist nur ein Vorzeichen davon, was uns in Zukunft erwartet.“

Eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Allianz Trade kommt zu einem ähnlichen Schluss. Elf Länder, die Nettoimporteure von Lebensmitteln sind oder auf Importe knapp gewordener Lebensmittel wie Getreide angewiesen sind, seien besonders gefährdet, so die am Dienstag veröffentlichte Allianz-Studie. Zu den besonders gefährdeten Ländern zählen demnach Algerien, Tunesien, Bosnien-Herzegowina, Ägypten, Jordanien, der Libanon, Nigeria, Pakistan, die Philippinen, die Türkei und Sri Lanka. „Wenn wir die Menschen nicht ernähren, nähren wir den Konflikt“, fasst Allianz Trade die Lage zusammen.

Ukraine-Krieg: UN-Experte warnt vor „Hölle auf Erden“

Ein Blick nach Sri Lanka zeigt, dass Unruhen und Proteste dort bereits Realität sind. Das Land sieht sich mit der schwersten Wirtschaftskrise seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1948 konfrontiert, es droht eine nationale Hungerkrise. Seit Wochen demonstrieren Menschen in Sri Lanka, da es kaum noch Treibstoff, wenig Strom und Medikamente gibt und Lebensmittel extrem teuer sind.

Wirtschaftskrise in Sri Lanka: Wegen der Kraftstoffknappheit warten zahlreiche Menschen vor Tankstellen in Colombo darauf, Benzin zu kaufen
Wirtschaftskrise in Sri Lanka: Nicht nur Lebensmittel sind teuer und knapp. Auch Kraftstoff ist im Land nur begrenzt verfügbar. Im Bild warten zahlreiche Menschen vor Tankstellen in Colombo darauf, Benzin zu kaufen (Archivbild, 13. Juni 2022). © IMAGO/Pradeep Dambarage/ NurPhoto

Der Chef des UN-Welternährungsprogramms forderte die reichsten Menschen der Welt auf, mehr von ihrem Vermögen für die Bekämpfung des globalen Hungers einzusetzen. Zudem solle Wladimir Putin den Hafen von Odessa öffnen, so Beasleys Aufruf.

„Es ist eine sehr, sehr beängstigende Zeit“, sagte der WFP-Chef zur weltweiten Lage. „Uns droht die Hölle auf Erden, wenn wir nicht sofort reagieren. Das Beste, was wir jetzt tun können, ist, diesen verdammten Krieg in Russland und der Ukraine zu beenden und den Hafen zu öffnen.“. Ein militärisches Einschreiten zur Befreiung des Hafens von Odessa halten Experten, wie etwa der US-Generalstabschef Mark Milley, allerdings für hochriskant. (bm mit Material von AFP/dpa).

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