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„Einige haben sich sofort widersetzt“ – Mutmaßlicher Offizier gibt Einblick in Putins Truppen

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Von: Janine Napirca

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In einem CNN-Interview hat ein russischer Offizier offenbar Insiderinfos aus Putins Armee preisgegeben. Er berichtet von Widerstand in den Truppen. Aktivisten bestätigen das.

Moskau – Zahlreiche russische Soldaten sollen dem ukrainischen Geheimdienst zufolge den Dienst verweigert haben. Auch Kriegsgegner und -gegnerinnen sowohl in Russland als auch in der Ukraine berichten, dass viele Berufssoldaten und Wehrpflichtige in Russland sich weigern, zu kämpfen. Mit einem von ihnen will CNN ein Interview geführt haben. Die Identität des mutmaßlichen russischen Offiziers gab der US-amerikanische Nachrichtensender nicht preis, nach eigenen Angaben um die Sicherheit des Soldaten zu gewährleisten und dessen Leben zu schützen.

Mutmaßlich russischer Offizier will nicht mehr für Putin kämpfen

Der Mann gab an, er sei bereits Teil der massiven Truppenaufstockung im Westen Russlands gewesen, die weltweit Ängste um die Ukraine auslöste. Am 22. Februar, stationiert in Krasnodar, Südrussland, sollen er und seine Kameraden dazu aufgefordert worden sein, die Handys abzugeben und weiße Streifen auf die Militärfahrzeuge zu malen.

Male den Buchstaben Z, wie in Zorro.

Mutmaßlicher russischer Offizier

Diese mussten sie jedoch wieder abwaschen. „Der Befehl hat sich geändert, male den Buchstaben Z, wie in Zorro“, berichtet der mutmaßliche Offizier. Der Buchstabe „Z“ ist im Ukraine-Krieg ein Leitsymbol der russischen Kampagne.

Anschließend sei es auf die Krim gegangen. „Um ehrlich zu sein, dachte ich, dass wir nicht in die Ukraine gehen würden. Ich hätte nicht gedacht, dass es so weit kommen würde", sagte CNNs Gesprächspartner. Ohne Handys und Kontakte zur Außenwelt will er zunächst nichts vom Einmarsch in die Ukraine und der Nazi-Rhetorik Putins mitbekommen haben. Weder die Propaganda, „die Ukraine müsse entnazifiziert werden“, noch das Ziel des Einsatzes seien zu ihm und seinen Männern durchgedrungen.

Als russische Soldaten in die Ukraine einmarschieren müssen, sollen viele den Dienst verweigert haben

Zwei Tage später wurde der Informant nach eigenen Angaben in die Ukraine beordert. „Einige weigerten sich rundheraus. Sie schrieben einen Bericht und gingen. Ich weiß nicht, was mit ihnen geschah. Ich blieb. Ich weiß nicht, warum. Am nächsten Tag gingen wir“, schilderte der Mann dem US-Sender. So habe er sich zwar angesichts des russischen Einmarschs in die Ukraine schuldig gefühlt, aber dennoch auf eine diplomatische Lösung gehofft – zudem kenne er sich mit Politik nicht gut aus.

Im Interview berichtet der mutmaßliche russische Soldat vom Einmarsch in die Ukraine. Seine Truppe soll nach Nordwesten, in Richtung Cherson, gefahren sein. Als sie sich einem Dorf näherten, sprang den Schilderungen des Soldaten zufolge ein Mann mit einer Peitsche vor den Konvoi und soll auf den Konvoi peitschend geschrien haben: „Ihr seid alle am Arsch!“ „Er kletterte fast in die Kabine, in der wir waren. Er hatte Tränen in den Augen, weil er weinte. Das hat einen starken Eindruck auf mich gemacht“, erzählt der mutmaßliche Offizier und ergänzt: „Als wir die Einheimischen sahen, waren wir im Allgemeinen angespannt. Einige von ihnen versteckten Waffen unter ihrer Kleidung, und als sie näher kamen, schossen sie.“

Auch russischer Soldat soll Angst um sein Leben im Ukraine-Krieg gehabt haben

„In der ersten Woche oder so war ich in einem Zustand des Nachbebens. Ich habe über nichts nachgedacht. Ich bin nur mit dem Gedanken ins Bett gegangen: 'Heute ist der 1. März. Morgen werde ich aufwachen, es wird der 2. März sein – die Hauptsache ist, einen weiteren Tag zu leben. Einige Male fielen die Granaten sehr nah. Es ist ein Wunder, dass keiner von uns gestorben ist."

Der mutmaßliche Offizier erzählt aber auch, dass einige russische Soldaten von Kampfprämien gelockt wurden: „Jemand reagierte: ‚Oh, noch 15 Tage hier und ich schließe den Kredit ab.‘“ Er selbst will allerdings nicht so gewesen sein: „Wir waren schmutzig und müde. Die Menschen um uns herum starben. Ich wollte mich nicht als Teil davon fühlen, aber ich war ein Teil davon.“

Ein paar Wochen später soll der mutmaßliche Offizier versetzt worden sein und so Zugang zu öffentlichen Nachrichten bekommen haben: „Wir hatten einen Radioempfänger und konnten uns die Nachrichten anhören. So erfuhr ich, dass in Russland Geschäfte geschlossen werden und die Wirtschaft zusammenbricht. Ich fühlte mich deswegen schuldig. Aber ich fühlte mich noch schuldiger, weil wir in die Ukraine gekommen waren.“ Dann entschloss er sich, das russische Militär zu verlassen: „Schließlich nahm ich meine Kräfte zusammen und ging zum Kommandant, um ein Rücktrittsschreiben zu verfassen.“

Russland: Menschenrechtsaktivistin bestätigt Fälle von Kampfverweigerung in Putins Armee

„Soldaten und Offiziere schrieben Rücktrittsberichte, dass sie nicht erfolgreich zurückkehren konnten“, äußerte sich die russische Menschenrechtsaktivistin Valentina Melnikowa gegenüber CNN. „Die Hauptgründe sind erstens der moralische und psychologische Zustand. Und der zweite Grund ist die moralische Überzeugung. Sie haben damals Berichte geschrieben und schreiben auch heute noch Berichte“, sagt die Mitbegründerin des „Komitees der Soldatenmütter Russlands“.

Auch wenn alle Truppen das Recht hätten, Berichte einzureichen, so gibt es Melnikowa zufolge dennoch einige Kommandanten, die diese ablehnen oder die Soldaten einzuschüchtern versuchen. Sie bestätigte im Interview, dass es viele Fälle von Soldaten in Russland gebe, die sich weigerten, in der Ukraine zu kämpfen.

Mehr als tausend russische Soldaten sollen wegen des Ukraine-Kriegs das Militär freiwillig verlassen haben

Auch Aleksei Tabalow, ein Menschenrechtsaktivist und Leiter einer Organisation, die russischen Wehrpflichtigen hilft, berichtete im Interview mit CNN von derartigen Fällen: „Es waren zwei von ihnen, die sich weigerten zu kämpfen und sich uns zuwandten, aber von der Brigade, die sie verließen, weigerten sich weitere 30 Personen zu kämpfen.“

Ich kann nicht sagen, dass es sich um ein Massenphänomen handelt, aber dieses Phänomen ist ziemlich stark. Wenn man alle Fälle aus anderen Organisationen plus indirekte Informationen zusammenzählt, kommt man auf über 1.000.

Aleksei Tabalov, Menschenrechtsaktivist

Als Grund haben die Soldaten laut Tabalow angegeben, sie hätten bei Unterzeichnung des Vertrags nicht zugestimmt, an einer Sonderoperation gegen die Ukraine teilzunehmen. „Ich kann nicht sagen, dass es sich um ein Massenphänomen handelt, aber dieses Phänomen ist ziemlich stark. Wenn man alle Fälle aus anderen Organisationen plus indirekte Informationen zusammenzählt, kommt man auf über 1.000“, meint der Menschenrechtsaktivist. Tabalow warnte zugleich, die Rekrutierung in Russland dauere immer noch an. Neue Soldaten kämen dabei oft aus ärmeren Regionen des Landes.

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