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Ukraine-Krieg: Öl- und Gas-Embargo gegen Russland? Warnrufe vor Risiken und Nebenwirkungen

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Von: Marcus Giebel

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Blick von oben auf den Chemiepark Leuna
Bezieht Gas aus Russland per Pipeline: Der Chemiepark im sachsen-anhaltinischen Leuna wäre enorm von einem Embargo betroffen. © Jan Woitas/dpa

Die Rufe nach einem deutschen Öl- und Gas-Embargo gegen Russland werden immer lauter. Aber was hätte dieser Schritt für Folgen für die Wirtschaft und die Bevölkerung?

München - Kein Öl mehr aus Russland. Kein Gas mehr aus Russland. Es sind Sätze, mit denen sich angesichts des Ukraine-Kriegs simpel punkten lässt. Denn der tägliche Blick auf die Toten und die Zerstörung, die seit dem Beginn der Invasion vor knapp einem Monat zu beklagen sind, drängt Deutschland* förmlich raus aus der Abhängigkeit von Wladimir Putin*.

Es ist kaum mehr zu ertragen, dass dem Kreml-Chef wegen des pausenlosen Imports von russischem Öl und Gas ununterbrochen Unsummen zufließen. Zu beenden wäre dieser Kreislauf nur durch ein Energie-Embargo*, wie es die USA* bereits beschlossen haben und Großbritannien* plant. Doch wie realistisch wäre ein solch einschneidender Schritt? Und wie sähen die Folgen aus?

Ukraine-Krieg: Deutschland bezieht ein Drittel seines Öls und die Hälfte seines Gases aus Russland

Russland* ist der mit Abstand wichtigste Öl- und Gaslieferant für Deutschland. Gut ein Drittel ihres Rohöls bezieht die Bundesrepublik von dort, beim Gas ist es sogar mehr als die Hälfte. Schon diese Zahlen lassen erahnen, wie immens der Effekt eines Einfuhrverbots dieser Rohstoffe aus dem Kriegsland wäre.

Daher warnt Oliver Zander davor, ein laut neuesten Umfragen populäres Energie-Embargo* zu verhängen, denn dieses hätte laut dem Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands Gesamtmetall zur Folge, „dass Prozesswärme für die Industrie und das produzierende Gewerbe nicht mehr zur Verfügung steht“. Er befürchtet: „Wir hätten innerhalb kürzester Zeit in vielen Bereichen Produktionsstopps.“

Putins Krieg in der Ukraine: IG Metall warnt vor „sofortigem Embargo für Gas, Steinkohle und Öl“

Im Handelsblatt hob auch Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, warnend den Finger: „Ein sofortiges Embargo für Gas, Steinkohle und Öl wäre kontraproduktiv und würde Wirtschaft und Verbrauchern in Deutschland viel mehr schaden als Russland.“

Nun ist es nicht verwunderlich, dass die Industrie sofort in Alarmbereitschaft verfällt. Zumal laut einer EU*-Verordnung selbst in einem Notfall, worunter eine „außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Gas, eine erhebliche Störung der Gasversorgung oder eine andere erhebliche Verschlechterung der Versorgungslage“ zu verstehen ist, die Versorgung „der geschützten Kunden“ - also der Privatpersonen - sicherzustellen sei. Auch wenn hierfür „zusätzlich nicht-marktbasierte Maßnahmen ergriffen werden müssen“. Heißt also: Kann die Gasnachfrage nicht befriedigt werden, müssten zunächst Unternehmen kürzertreten.

Robert Habeck steht vor einem Flugzeug und an Mikrofonen
Geht auf Reisen: Wirtschaftsminister Robert Habeck begibt sich auf die Suche nach neuen Öl- und Gaslieferanten für Deutschland. © Bernd Von Jutrczenka/dpa

Krieg in der Ukraine: Embargo gegen Russland würde vor allem Ostdeutschland treffen

Besonders gravierend wären die Folgen eines Embargos laut dem Manager Magazin im Osten Deutschlands zu spüren. Die in Brandenburg ansässige PCK Raffinerie und die Raffinerie Mitteldeutschland mit Sitz in Sachsen-Anhalt, die auch für Berlin, Sachsen und Thüringen den Großteil des Benzins, Diesels oder Heizöls liefern, bekommen das Rohöl über die Druschba-Pipeline aus Russland.

Würde der Rohstoff aus einer anderen Region als dem Ural importiert werden, müssten infolge der anderen Eigenschaften des Öls die Anlagen umgestellt werden, betont Andreas Goldthau vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam in dem Bericht. Dies würde mehrere Monate dauern und Kosten verursachen, die starken Einfluss auf die langfristige Wirtschaftlichkeit der Raffinerien nehme.

Russland und Ukraine im Krieg: Änderung der Transportwege würde Zeit kosten

Andere Transportwege hätten zudem einen geringeren Output zur Folge, moniert der Wirtschaftsverband Fuels & Energie (en2x) im selben Bericht. Aufgeben könnte Deutschland dagegen offenbar eher das russische Importöl, das über andere Wege angeliefert wird - allerdings würde auch hier eine Umstellung „einige Zeit in Anspruch“ nehmen.

Ein nicht näher benannter Mineralölhändler prognostiziert im Falle solcher Sanktionen gegen Russland „grobe Einschränkungen“ für Ostdeutschland. Er befürchtet neben Fahrverboten an Sonntagen auch lahmgelegte Industriezweige.

Ein weiteres Problem: Das russische Unternehmen Rosneft ist der größte Mineralölverarbeiter hierzulande und besitzt große Anteile an diversen Raffinerien - neben PCK auch Miro in Karlsruhe oder Bayernoil.

Video: Knapp die Hälfte laut Umfrage für autofreie Sonntage

Putins Ukraine-Krieg: Umstellung auf alternative Energien würde wohl fünf Jahre dauern

Die SZ zitiert den Berliner Thinktank „Agora Energiewende“, demzufolge sich über grüne Energie, effizientere Gebäude und alternative Technologien die Abhängigkeit verringern lasse. Doch dies würde den Berechnungen nach bis 2027 brauchen.

Derweil äußerte Niedersachsens Energieminister Olaf Lies im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur „ganz erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines solchen Embargos“. Der SPD-Politiker verweist darauf, eine solche Entscheidung würde dazu führen, „dass sich die Preisspirale noch schneller dreht“.

Der niedersächsische CDU-Chef und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann brachte bereits Unterstützung für die Wirtschaft ins Gespräch, sollte die gelieferte Gasmenge verringert werden: „Es braucht jetzt einen Schutz für diejenigen Unternehmen, deren Geschäftstätigkeit in hohem Maße durch den Ukraine-Krieg eingeschränkt ist. Das könnte auch Kompensationen für entstandene Schäden oder direkte Hilfen beinhalten.“

Ukraine-Krieg: Laut Habeck ist Gasversorgung für kommenden Winter nicht komplett gesichert

Als kurzfristige Alternative wird immer wieder Flüssiggas (LNG) ins Spiel gebracht. Zu dessen größten Exporteuren zählen die Vereinigten Arabischen Emirate, die Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck nach seinem Besuch in Katar an diesem Wochenende ansteuert, um die Möglichkeit von Lieferungen abzuklopfen.

Der ehemalige Grünen-Chef gab im Deutschlandfunk zu bedenken, dass die Gasversorgung für den kommenden Winter noch nicht komplett gesichert ist: „Das heißt, wenn wir zum nächsten Winter noch nicht mehr Gas bekommen und die Lieferverbindungen aus Russland würden gekappt werden oder abreißen, hätten wir nicht genug Gas, um alle Häuser warm und alle Industrie laufen zu lassen.“

Noch hat Russland und damit Putin Deutschland also fest in der Hand. Die Abhängigkeit von nur einem Lieferanten nennt Habeck mittlerweile „einfach dämlich“. (mg) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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