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Ukraine-Offensive eine Finte? Militär-Experte bewertet aktuelle Lage anders

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Von: Bettina Menzel

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Soldaten der ukrainischen Streitkräfte führen mit einem Mehrfachraketenwerfer BM-21 Grad offenbar einen Angriff auf russische Truppen durch (Archivbild, 12. August 2022). © IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy/ Ukrinform

Die Ukraine kündigte am Montag eine Großoffensive im Süden des Landes an. Ein Militärexperte hält das nur für eine Finte und erklärt, was Kiew damit bezwecken will.

Berlin - Die Ukraine kündigte zu Beginn der Woche eine Gegenoffensive in der südukrainischen Region Cherson an. Wie viel Erfolg sie damit hat, blieb zunächst unklar. Russland teilte indes am Mittwoch mit, den ukrainischen Truppen „schwere Verluste“ zugefügt zu haben. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden, die Ukraine selbst hielt sich unterdessen bewusst bedeckt. Ralph Thiele, Militärexperte und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft, hält die ukrainischen Gegenoffensiven im Ukraine-Krieg ohnehin nur für eine Finte.

Im Süden nichts Neues: Angekündigte Großoffensiven der Ukraine nur eine Finte?

Die Ukraine spreche schon lange von Großoffensiven mit bis zu einer Million Mann, sagte der Militärexperte und Oberst a.D. Ralph Thiele am Dienstag im Gespräch mit ntv. Aus seiner Sicht könnte es sich dabei aber um ein rein „informationstaktisches Manöver“ handeln, weniger um eine echte Offensive. „Wir haben davon in den vergangenen Tagen und Wochen wenig gesehen und ich rechne auch nicht damit“, so der Experte weiter. Wenn man eine Offensive durchführe, spreche man eigentlich nicht darüber, sondern man versuche den Gegner zu überraschen, so Thiele. „Ich würde anraten, ein paar Tage zu warten und zu schauen, was wirklich passiert ist.“

Aus Sicht des Experten gäbe es viele Gründe für eine absichtlich fehlleitende Kommunikation aus Kiew. Einerseits wolle die Ukraine die Motivation der eigenen Kräfte hochhalten. Zudem lebe das Land von der westlichen Unterstützung. Dafür sei es wichtig, immer Botschaften in die Nachrichten zu bringen, „damit die Politik den Medien folgend auch die Unterstützung aufrechterhält“, erklärte Thiele weiter. Durch die Ankündigung der Großoffensive habe man zudem eine teilweise Umlenkung russischer Kräfte in den Süden erreicht. Dies könnte auch dazu dienen, Druck aus dem Donbass zu nehmen, glaubt Thiele. Nicht zuletzt gehe es aus seiner Sicht auch darum, den Feind zu verwirren.

Die Ukraine versuche natürlich, ihre Situation im Süden rund um Cherson zu verbessern, damit Odessa nicht in Gefahr gerate. Im Großen und Ganzen ändere sich jedoch nichts, „denn die Russen haben ja weder im Donbass weitere große Erfolge und sie reißen auch im Süden nichts. Von daher ist die Lage für die Ukrainer relativ stabil“, sagte der Militärexperte Thiele im Interview mit ntv.

Wie wirkungsvoll ist die Gegenoffensive im Ukraine-Krieg wirklich? Während Kiew von Erfolgen spricht, erklärt Russland diese schon jetzt für gescheitert. Das Land spricht von einer „Illusion für den Westen“.

Lage im Süden der Ukraine: Zahlreiche Quellen melden Kämpfe

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Ukrainische Soldaten heben Schützengräben im Donbass aus. Manche Experten befürchten einen bevorstehenden Stellungskrieg. Doch die Ukraine kündigte nun eine Offensive an (Archivbild, 27. August 2022). © IMAGO/Madeleine Kelly / ZUMA Wire

Unterdessen vermelden Nachrichtenagenturen wie etwa AFP eine Zunahme der Kampfhandlungen im Süden der Ukraine. In der Nacht auf Mittwoch sei die von der Ukraine gehaltene Stadt Mykolajiw, die rund 80 Kilometer von Cherson entfernt liegt, „massiv bombardiert“ worden, hieß es von ukrainischer Seite, deren Angaben sich nicht unabhängig verifizieren ließen.

Die nun schwer umkämpfte Region Cherson grenzt an die von Russland annektierte Halbinsel Krim und ist daher auch aus strategischen Gründen bedeutsam. Die russischen Truppen hatten die Großstadt bereits kurz nach Kriegsbeginn im März eingenommen, am Montag hatte die Ukraine eigenen Angaben zufolge die Rückeroberung gestartet. Am Dienstag hatte das Büro von Präsident Wolodymyr Selenskyj schwere Kämpfe in „fast dem gesamten Gebiet“ gemeldet. In der Region wurden demnach mehrere russische Munitionsdepots und fast alle großen Brücken über den Fluss Dnipro zerstört. Im Ort Beresnehuwate, der etwa 70 Kilometer nördlich von Cherson nahe der Frontlinie liegt, hörten AFP-Reporter schweres Artilleriefeuer, während zahlreiche ukrainische Panzerfahrzeuge vorbeifuhren.

Die russische Armee bestätigte einerseits Vorstöße der ukrainischen Truppen, sprach aber andererseits davon, diese erfolgreich abgewehrt zu haben. Es seien bereits mehr als 1700 ukrainische Soldaten getötet worden, teilte das Verteidigungsministerium am Mittwoch in Moskau mit. Zudem haben die russischen Truppen laut Armeesprecher Igor Konaschenkow 63 Panzer, 48 gepanzerte Fahrzeuge und 4 Kampfflugzeuge zerstört. Diese Angaben ließen sich ebenfalls nicht unabhängig überprüfen.

Kriegsforscher der US-Denkfabrik Institute for the Study of War sehen Erfolge in ukrainischer Gegenoffensive

Die Kriegsforscher der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) erstellen täglich umfangreiche Analysen des Ukraine-Kriegs. Anders als der Militärexperte Ralph Thiele halten die ISW-Forscher die Gegenoffensive der Ukraine nicht nur für eine Finte. Zumindest stellten die Analysten in ihrem Bericht vom Dienstag nicht infrage, ob die Ukraine eine Offensive durchführe. Sie sprachen stattdessen etwa von teils erfolgreichen Angriffen auf russische Stellungen und Boote am Fluss Dnipro. Zudem hätten die ukrainischen Streitkräfte Gebietsgewinne erzielt.

Erst kürzlich hatten die ISW-Experten einen Wendepunkt im Krieg erkannt: Die Ukraine könnte erstmals seit der russischen Invasion am 24. Februar die strategische Initiative innehaben, hieß es. Russland sei gezwungen, zu reagieren. Diese Tendenz scheint sich fortzusetzen: Auch in ihrem aktuellen Bericht sahen die Kriegsforscher die russischen Truppen erneut, teils unter Zugzwang, ihre Position nachzujustieren und somit auf die ukrainische Gegenoffensive zu reagieren.

Zudem sagen die ISW-Kriegsanalysten die Reaktion Moskaus voraus. Die ukrainische Gegenoffensive werde einige Zeit in Anspruch nehmen. Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor bereits angekündigt, dass es von offizieller Seite keine Informationen zu der Offensive geben werde. Diesen Informationsstopp werde Moskau versuchen, für sich zu nutzten, glaubten die Experten der Denkfabrik in ihrem Bericht vom Dienstag. „Der Kreml wird wahrscheinlich den fehlenden sofortigen Sieg über Cherson oder das operative Schweigen der Ukraine über den Fortschritt der ukrainischen Gegenoffensive ausnutzen, um die ukrainischen Bemühungen als gescheitert darzustellen und das Vertrauen der Öffentlichkeit [in ihre Gewinnchancen] zu untergraben“, so die ISW-Analysten. Tatsächlich hatte der russische Armeesprecher Igor Konaschenkow die Offensive der Ukraine am Mittwoch bereits für gescheitert erklärt (AFP/dpa/bme).

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