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Der heimliche Panzer-Transport in den Ukraine-Krieg: Sicherheitsexperte erklärt „Herkulesaufgabe“

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Von: Marc Beyer

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Ein Schwertransport-Tieflader auf der A1 bei Manderscheid fährt eine Panzerhaubitze 2000.
Ein Schwertransport-Tieflader auf der A1 bei Manderscheid fährt eine Panzerhaubitze 2000. © Thomas Frey/dpa

Deutschland hat die ersten schweren Waffen an die Ukraine geliefert. Aber wie befördert man explosive Güter, in aller Öffentlichkeit und doch diskret? Der logistische Aufwand ist immens.

München – Im Ukraine-Konflikt gelten keine Fahrpläne. Niemand soll wissen, wann etwa eine Waffenlieferung eintrifft, schon gar nicht die Gegenseite. Entsprechend groß war die Irritation, als eine ukrainische Nachrichtenagentur die Ankunft deutscher Panzerhaubitzen rund um den 22. Juni ankündigte und sich dabei auf Andrij Melnyk berief, den Botschafter in Berlin.

„Was zum Himmel“, schäumte der Münchner Politikwissenschaftler Carlo Masala bei Twitter. „Wollen Sie sie auf dem Schlachtfeld oder dass sie vor der Ankunft zerstört werden?“ Am Ende blieb die Enthüllung dann folgenlos. Am Dienstag bestätigte Kiew das Eintreffen der ersten Haubitzen. Unbeschadet.

Ukraine-Krieg: Deutscher Sicherheitsexperte stuft Panzerlieferung als „gigantische Herausforderung“ ein

Seit Wochen prägt die Frage, ob und mit wie vielen schweren Waffen Deutschland der Ukraine helfen kann, die Debatte um den Ukraine-Krieg. Doch während einerseits rasche Lieferungen angemahnt werden, ist weitgehend unklar, wie diese im Detail ablaufen. Logistisch könnte es kaum eine größere Herausforderung geben als den Transport riesiger Rüstungsgüter, quer durch ein Kriegsgebiet, auf schwer beschädigter Infrastruktur – und unter den Augen des Gegners.

Von einer „gigantischen Herausforderung“ spricht Torben Schütz, Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der Anfang ist dabei noch das geringste Problem. Panzer, Haubitzen oder Mehrfachraketenwerfer aus den USA oder Deutschland Richtung Osten zu transportieren, ist militärlogistischer Alltag. Umso heikler ist die letzte Etappe, die an der polnisch-ukrainischen Grenze beginnt.

Ukraine-Konflikt: Deutschland liefert Panzer – Probleme wegen Schienenverkehr

Das fängt schon damit an, dass der Schienenverkehr von der westlichen Normalspur auf die Breitspur wechselt, die in den früheren Staaten der Sowjetunion noch heute üblich ist. Das Gerät muss umgeladen werden. Die Waffen auf Tiefladern zu transportieren, ist nur bedingt eine Alternative. Der Spritverbrauch in einem Land, wo Treibstoff knapp und kriegswichtig ist, spricht ebenso dagegen wie die Tatsache, dass die Waffen damit nur einzeln transportiert werden können.

Das Gleisnetz trotz russischer Angriffe intakt zu halten und stets Wege sowie Umwege zu bieten, sei eine „Herkulesaufgabe“, sagt Schütz. Wie geschickt die staatliche ukrainische Eisenbahngesellschaft agiert, belegen nicht allein die Besuche ausländischer Politiker. Russische Erfolgsmeldungen, wonach westliche Waffenlieferungen zerstört worden seien, halten sich bisher in Grenzen.

Nicht nur der Zustand der Gleise ist von Bedeutung. Längst nicht jede Brücke lässt sich nutzen, selbst wenn sie nicht von Bomben getroffen ist. Für manche Strecken ist die Ladung schlicht zu wuchtig. „Viele westliche Waffensysteme sind tendenziell schwerer als die russischen“, an denen sich die Ingenieure beim Bau orientierten, weiß Schütz. Die Panzerhaubitze 2000 mit ihren rund 55 Tonnen etwa reize die Grenzen der Belastbarkeit voll aus.

Verzögerung bei Panzer-Lieferungen: Nachschublinien für Munition müssen geplant werden

Sind auch diese Hindernisse überwunden, wird es erst recht gefährlich. 80 bis 100 Kilometer vor der Frontlinie geraten die Transporte in die Reichweite der russischen Raketenartillerie. Hier greift nun jene Logistik, die mit dafür verantwortlich ist, dass die Lieferungen sich so zogen.

Monatelang sind die Nachschublinien vorbereitet worden, damit Panzer und Raketenwerfer am Ziel auch mit Munition versorgt werden. 2,5 Tonnen wiegt eine Batterie mit sechs Raketen für einen Mehrfachraketenwerfer – nach wenigen Sekunden sind sie verschossen. Experten schätzen den täglichen Bedarf der ukrainischen Truppen auf mehr als 20.000 Tonnen. Die müssen verlässlich kommen. Und das alles auf der Basis eines Plans, der darauf beruht, keinem vorhersehbaren Plan zu folgen.

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