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Krieg unter Zeitdruck? Putin will „Erfolg“ bis Mai - und bräuchte ihn bis zu einem kritischen Datum unbedingt

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Von: Hannes Niemeyer

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Putin mangelt es an Erfolgen im Ukraine-Krieg. Bis zum Mai will er offenbar Ergebnisse sehen - das könnte mit einem besonderen Datum zusammenhängen.

Kiew/Moskau - Der Ukraine-Krieg hält die Welt seit deutlich über einem Monat in Atem. Was mittlerweile in über fünf Wochen voller blutiger Angriffe russischer Soldaten auf das Land mitten in Europa klar geworden ist: Wladimir Putin hat offenbar nicht damit gerechnet, bei seinem Einfall auf eine derartige Gegenwehr zu stoßen. Die Invasion läuft nicht wie geplant, wohl auch deshalb halten sich Gerüchte hartnäckig, Putin würde von seinen eigenen Vertrauten nicht korrekt über die Lage in der Ukraine informiert werden.

Hinzu kommen schwindende Moral in den russischen Einheiten und offenbar hohe Gefallenenzahlen in der Kreml-Armee. Die Erfolge bleiben aus. Sinnbild hierfür scheint Kiew zu sein. Der riesige Militär-Konvoi wurde noch vor der Hauptstadt gestoppt, ein Sturm auf das Gebiet blieb aus. Viel mehr folgte mittlerweile die Ankündigung, Russland werde seine Kriegsstrategie ändern. Und tatsächlich beobachten die Ukrainer einen zügigen Rückzug der Russland-Armee rund um Kiew. Demnach soll Putin den Süden und den Osten des Landes als neue Fokus-Gebiete ausgegeben haben.

Putin will schnellen „Erfolg“ im Ukraine-Krieg - wird der 9. Mai zum zentralen Knackpunkt?

Besonders der Osten des Landes, in dem der Donbass liegt, steht nun offenbar im Mittelpunkt. Wie US-Geheimdienstexperten gegenüber dem Sender CNN vermuteten, sterbt Putin dort einen „Erfolg“ bis spätestens Anfang Mai an. Und für seinen Angriffskrieg würde er diesen auch dringend gebrauchen, denn zu Beginn des Monats Mai steht für Russland und besonders für Putin ein kritisches Datum an.

Konkret geht es um den 9. Mai. Ein Montag, der durchaus eine wichtige Rolle dabei spielen könnte, dass Putin nun die Strategie wechselt und auf schnelle Erfolge setzt. An diesem Tag feiert Russland den „Tag des Sieges“. Er erinnert an die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin. Putin hat ihn in seiner Amtszeit als Kreml-Machthaber zu einem der wichtigsten, wenn nicht sogar dem wichtigsten Feiertag in Russland gemacht. Der Kyiv Independent berichtete bereits im März davon, dass Putins Armee ursprünglich den Auftrag hatte, den Krieg bis zu diesem Zeitpunkt zu gewinnen.

9. Mai im Ukraine-Krieg: Zwei Gründe, wieso das Datum für Putin kritisch werden könnte

Aus zwei Gründen droht der Tag allerdings in diesem Jahr für den Despoten besonders kritisch zu werden. Zum einen ist der „Tag des Sieges“ nämlich keineswegs ein Tag, an dem der Opfer der russischen Armee im Zweiten Weltkrieg gedacht wird. Viel mehr geht es darum, die Stärke der Armee zu symbolisieren - und das gleich doppelt. Auf der einen Seite feiert man die damalige Rote Armee für ihre Handlungen im zweiten Weltkrieg. Auf der anderen Seite stellt man bei den zugehörigen großen Militärparaden den Glanz und die Stärke der eigenen Truppen zur Schau.

Letzteres wird allerdings schwierig, wenn es keine beeindruckenden Erfolge aus dem Ukraine-Krieg zu vermelden gibt. Ein zurückgedrängtes Heer, Soldaten ohne Moral, die laut Berichten teils Befehle verweigern und ein augenscheinlich unterlegener Gegner, der es schafft die vermeintliche russische Übermacht immer wieder in Schach zu halten? Nicht gerade ein Ausdruck von beeindruckender Stärke.

Zum anderen könnte die ursprüngliche Bedeutung des „Tages des Sieges“ eine nicht ganz unerhebliche Rolle im Zeitplan der russischen Invasion spielen. Schließlich geht es bei den Feierlichkeiten um den großen Erfolg der Roten Armee gegen die nationalsozialistischen Feinde aus Deutschland. Und hinlänglich bekannt ist ja, dass Putin seinen Einfall in das Nachbarland Ende Februar mit einer Mission zur „Entmilitarisierung und Entnazifizierung“ der Ukraine begründete. Putin selber forderte, dass das Nachbarland von „Nazis“ gesäubert werden müsse. Zugegeben ein absolut hanebüchen klingender Vorwand, der auf einer langen russischen Propaganda beruht - den der Kreml-Despot seit Kriegsbeginn aber bereits des Öfteren wiederholte.

Und ein vermeintliches Ziel, dessen Umsetzung auch nicht gerade erfolgsversprechend läuft - und zugegeben allgemein schwierig ist, da die Ukraine mit ihrem jüdischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nicht gerade für ihren starken nationalsozialistischen Einfluss bekannt ist. Ein Zusammenhang zu Putins Kriegsstrategie ist dennoch denkbar. Man kann sicherlich durchaus davon ausgehen, dass Putin einen Sieg im Ukraine-Krieg im Sinne seiner Propaganda auch als erfolgreiche „Entnazifizierung“ betiteln würde. Und thematisch gäbe es wohl kaum passendere Tage, als am 9. Mai, dem Tag der Kapitulation des Nazi-Regimes gegenüber der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, die „Entnazifizierung“ des Feindes zu feiern.

Wladimir Putin bei der Parade am 9. Mai 2019 (Archivbild). Der sogenannte „Tag des Sieges“ könnte auch im Ukraine-Krieg kritisch werden.
Wladimir Putin bei der Parade am 9. Mai 2019 (Archivbild). Der sogenannte „Tag des Sieges“ könnte auch im Ukraine-Krieg kritisch werden. © Pavel Golovkin / dpa

Ukraine-Krieg: Viel Zeit bleibt Putin und seiner Armee nicht mehr bis zum „Tag des Sieges“

Die Lage in der Ukraine lässt aktuell allerdings keine Schlüsse auf einen derartigen Sieg Putins zu. Und viel Zeit bleibt der russischen Armee nicht mehr, um den Machthaber bis zum 9. Mai zufrieden zu stellen. Zumindest lässt sich daher darüber spekulieren, ob Putin deshalb seine Kriegsstrategie erneut wechselt, sich besonders auf den Donbass konzentriert. Ein Erfolg bis Mai dort, in den Gebieten mit etlichen pro-russischen Separatisten, scheint weitaus wahrscheinlicher. Und irgendetwas, was Putin bei seiner Militärparade als Erfolg verkaufen kann, braucht er schließlich bis dahin. Ob ihm das allerdings gelingt, bleibt abzuwarten.

Indes laufen die Gespräche zwischen den Unterhändlern aus Kiew und Moskau weiter. Immer wieder werden Annäherungen vermeldet, die Selenskyj-Seite sprach sogar von einer mündlichen Einigung - Moskau konterte die Ukraine-Verhandlungen allerdings scharf. (han)

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