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Ukraine-Krieg: Tod und Leid in der Ukraine

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Von: Astrid Theil

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Eine verwundete Frau vor einem Krankenhaus in der ukrainischen Stadt Tschuhujiw.
Eine verwundete Frau vor einem Krankenhaus in der ukrainischen Stadt Tschuhujiw. © ARIS MESSINIS/afp

Der Ukraine-Konflikt eskaliert. Russland hat in den frühen Morgenstunden angegriffen. Im Land herrscht Chaos. Einige Berichte geben Eindrücke über den Krieg vor Ort.

Kiew/Charkiw/München - Seit Donnerstagmorgen überschlagen sich die Nachrichten rund um den Ukraine-Konflikt. Russland hat einen Großangriff auf die Ukraine gestartet. Es herrscht Krieg. Die Realität, die damit konkret einhergeht, geht leicht in der Flut von Informationen und den internationalen Reaktionen unter. Der Redaktion liegen exklusive Informationen von Zivilisten aus verschiedenen Landesteilen der Ukraine vor, die ein Bild davon zeichnen, was in der Ukraine gerade geschieht. Zur Sicherheit der Personen wurden die Namen von der Redaktion geändert.

In der nahe der russischen Grenze gelegenen Stadt Charkiw sind die Menschen wie in vielen anderen Orten der Ukraine gegen fünf Uhr morgens mit dem Geräusch von Explosionen aufgewacht. Dort wurde der Militärflughafen Chugujew und Funktürme angegriffen. Menschen, die nicht bereits zuvor Lebensnotwendiges eingekauft und gelagert haben, sind zu Supermärkten und Tankstellen geströmt, um sich mit dem Notwendigsten einzudecken. Diese Karte zeigt die bereits eroberten Gebiete im Ukraine-Krieg.

„Stundenlang standen Menschen in Schlangen vor Lebensmittelgeschäften und versuchten in Panik Geld abzuheben“ berichtet Michail, ein gebürtiger Charkiwer, der in München lebt. Er hat den ganzen Tag lang versucht, Kontakt mit Verwandten aus seiner Geburtsstadt zu halten. Bargeld haben nur noch wenige Bewohner abheben können. Die ukrainische Zentralbank hat die Möglichkeiten zum Abheben von Bargeld beschränkt. Zusätzlich sei in den meisten Bankautomaten aufgrund der massenhaften Abhebungen in den Morgenstunden kein Bargeld mehr verfügbar gewesen.

Ukraine-Krieg: Russische Panzer fahren durch die Straßen

Wer konnte, hat sich mit Mehl, Nudeln, Wasser und anderen Lebensmitteln eingedeckt. „Meine Oma hat wie viele Nachbarn gekauftes Trinkwasser in die Badewanne geschüttet, um so einen Wasservorrat zu schaffen - das Leitungswasser ist ja kaum trinkbar“, berichtet Michail. Schulen und Apotheken haben ihre Türen gar nicht erst geöffnet. Im Laufe des Tages ändert sich die surreale Geräuschkulisse für die Menschen vor Ort: Man hört Panzerfäuste. Auf der östlichen Umgehungsstraße der Stadt Charkiw sollen russische Panzer auf dem Weg zum Militärstützpunkt Chugujew unterwegs gewesen sein.

Inmitten der Stadt herrscht eine Kombination aus Ausnahmezustand und Alltag: Menschen gehen in die Arbeit, Tram und Metro fahren. „Im Gegensatz zum gestrigen Tag ist die Metro jedoch kostenlos“, teilte der gebürtige Charkiwer mit. Der Hintergrund: Die Stationen fungieren als Bunker, Menschen können sich dort in Sicherheit bringen. In den Abendstunden quartieren sich viele Menschen für die Nacht nun dauerhaft in ihren Kellern oder öffentlichen Gebäuden wie Schulen ein.

Der Bürgermeister von Charkiw ruft die Menschen der zweitgrößten Stadt der Ukraine zur Ruhe auf und betont: „Wir Charkiwer stehen das schon durch.“ Von „Ukrainern“ ist nicht die Rede. Für Michail ein beunruhigendes Zeichen. In anderen Städten der Ukraine wie Sumy sollen, wie seine Verwandten berichten, derweil russische Panzer durch die Straßen gefahren sein. Die Richtung, in der sich die Panzer bewegt haben, führt unter anderem in die Hauptstadt Kiew.

Ukraine-Krise: Sirenen, Explosionen und panische Flucht

In Kiew hörten die Menschen Sirenen, die durch die ganze Stadt tönten. Sowohl am Morgen als auch nochmal am Nachmittag wurde wegen des russischen Angriffs Luftalarm ausgelöst. Menschen versuchen auch hier sich mit den notwendigsten Lebensmitteln einzudecken oder zu fliehen. Auf den Straßen, die aus der Stadt führen, stehen vollbepackte Autos im Stau. Aufsteigende Rauchwolken zeichnen teilweise das Stadtbild. Unsere Kontaktperson aus Kiew, Jewgenija, berichtet, dass sie und ihre Bekannten die Fenster ihrer Wohnungen und Häuser mit Klebeband fixieren, sodass sie bei nahen Explosionen nicht durch Glassplitter verletzt werden. Diese Karte veranschaulicht, wo der Ukraine-Krieg wütet.

Seit fünf Uhr morgens berichtet Jewgenija, Explosionen im Stadtgebiet zu hören. Die meisten Menschen versuchen in ihren Wohnungen zu bleiben. Helikopter und Militärflugzeuge fliegen über die Stadt und bei Explosionen flüchten die Menschen in ihre Keller oder in nahegelegene Metro-Stationen. Jewgenija musste am heutigen Tag schon mehrmals mit ihren Mitbewohnern in den Keller des Wohnhauses rennen. Sie berichtet außerdem von der großen Bereitschaft der Ukrainer, gegen die russischen Truppen zu kämpfen. Zahlreiche ihrer Bekannten haben sich bereits zum Militärdienst freiwillig gemeldet oder haben dies in den kommenden Tagen vor. Vor 30 Jahren fand die Ukraine-Krise mit Russland bereits ihren Beginn.

Nun sitzt Jewgenija in einem Auto und weiß nicht, wo sie hin soll. Die Entscheidung, Kiew zu verlassen, hat sie kurz davor getroffen. Ihre Freunde, die in der ukrainischen Nationalgarde kämpfen, haben sie wissen lassen, dass sie die Stadt innerhalb der nächsten eineinhalb Stunden verlassen soll. Sie gehen davon aus, dass Kiew bombardiert und bald in russischer Hand ist. Bis dahin könnten nur noch wenige Stunden vergehen. Sie schämt sich für ihre Entscheidung, sich in Sicherheit zu bringen.

Der Einmarsch russischer Truppen hat allerdings noch ganz andere Auswirkungen auf die Lebensrealität von vielen Ukrainern: Mihail berichtet, dass ukrainische Arbeitskräfte für US-amerikanische Unternehmen teils ihre Arbeitsstelle verloren haben. Ein IT-Unternehmen hat Arbeitsverträge an die Bedingung geknüpft, dass kein Krieg in der Ukraine herrscht. Personen, die in solchen Arbeitsverhältnissen tätig waren, haben auf einen Schlag in den Morgenstunden ihre Arbeitsstelle verloren. Ein Verwandter von ihm aus Charkiw ist genau in dieser Lage.

Ukraine-Krieg: Russische Truppen bewegen sich auf Hauptstadt Kiew zu

Russische Truppe bewegen sich zunehmend auf die Hauptstadt Kiew zu. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi hat bereits bekannt gegeben, dass der Militärflugplatz nahe Kiew von der russischen Armee eingenommen wurde. Antonina, eine gebürtige Kiewerin mit Wohnsitz in München, berichtet von ihrem Bruder beim Militär. Er sei in Vorbereitungen zur Verteidigung des Kiewer Hauptflughafens Kiew-Boryspil eingebunden. Aus Angst um ihre Familie in Kiew hat sie ihr Smartphone heute kaum aus der Hand legen können.

Seit dem Angriff russischer Truppen am Donnerstag hat die russische Armee in Form von Luftwaffe und Bodentruppen bereits zahlreiche Militärstützpunkte angegriffen. An vielen Orten kam es zu Kämpfen zwischen ukrainischen und russischen Truppen – auch in dem Gebiet um Tschernobyl. Laut Informationen der ukrainischen Regierung sollen nicht nur ukrainische Soldaten, sondern auch bereits Zivilisten dem russischen Angriff zum Opfer gefallen sein. Alle News zum Ukraine-Konflikt finden Sie in unserem Live-Ticker. (at)

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