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Ostukraine in Russlands Fadenkreuz: Darum will Putin unbedingt den Donbass erobern

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Von: Markus Hofstetter

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Nachdem im Ukraine-Krieg die Eroberung Kiews gescheitert ist, nimmt Putin den Donbass ins Visier. Warum ist die Region für den Kreml so wichtig?

Kiew - Im Ukraine-Konflikt ist der russische Angriff auf Kiew gescheitert, die Truppen des Kremls haben sich aus dem Westen des Landes zurückgezogen. Nun konzentriert sich das Geschehen auf den ukrainischen Osten. Aus Moskau hieß es am 25. März, die Armee werde den Fokus auf die „Befreiung“ der Donbass-Region setzen. Am Ostermontag (19. April) schließlich startete die russischen Armee ihre Großoffensive zur Eroberung der Ostukraine (hier finden Sie den Ticker zur aktuellen Lage im Kriegsgebiet).

Der Osten des Donbass befindet sich bereits seit 2014 in einem Krieg, der seitdem rund 14.000 Menschen das Leben kostete. Die international nicht anerkannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk, die rund ein Drittel der gesamten Donbass-Region ausmachen, kämpfen mit Unterstützung Russlands gegen die gewählte Regierung in Kiew.

Am 21. Februar erkannte Putin die beiden Volksrepubliken als unabhängige Staaten an, was als ein Eröffnungszug für den nur drei Tage später beginnenden Krieg gesehen werden kann. In einer Fernsehansprache am 24. Februar begründete der Kreml-Chef den Einmarsch seiner Truppen in das Nachbarland auch damit, dass die „Volksrepubliken“ des Donbass Russland um Hilfe gebeten haben.

Die Bedeutung des Donbass für den Ukraine-Krieg: Region war industrielles Kraftzentrum der Sowjetunion

Der Donbass mit den beiden Städten Donezk und Luhansk galt als ein industrielles Kraftzentrum der damaligen Sowjetunion, das mit einer Vielzahl von Industriebetrieben und Kohlebergwerken zum wirtschaftlichen Aufstieg des Landes einen wichtigen Beitrag leistete. Doch aufgrund der großen Bedeutung der Region war auch die Repression durch den Staat groß. „Der Terror war unter der sowjetischen Herrschaft sehr präsent“, sagte Markian Dobczansky vom Ukrainian Research Institute der Harvard University dem US-Sender CNN. „Repressionen gab es in der gesamtem Sowjetunion, aber im Donbass waren diese wesentlich ausgeprägter.“ Verdächtigungen, Verhaftungen und Schauprozesse waren weit verbreitet.

Kohlebergwerk im Donbass
Eine Kohlebergwerk im Donbass (Archivfoto von 2014) © YAY images/Imago

Der Zerfall der Sowjetunion ließ die wirtschaftliche Bedeutung der Region schrumpfen. „In den 1990ern gab es einen wirtschaftlichen Verfall“, sagte Rory Finnin, Professor an der Universität von Cambridge CNN. Ein sinkender Lebensstandard und eine sich ausbreitende Armut plagten die Region während des Übergangs weg vom Kommunismus. Die Jahrhundertwende änderte die Lage. Der Donbass sei wieder ein industrielles Kraftzentrum, das die agrarische Produktion im Rest der Ukraine ergänze.

Die Bedeutung des Donbass für den Ukraine-Krieg: Mehrheit der Bewohner will keinen Zusammenschluss mit Russland

Doch die Beziehungen des Donbass zum Nachbarn Russland sind stark geblieben. CNN berichtet, dass laut der einzigen Volkszählung der postsowjetischen Ära, die 2001 durchgeführt wurde, etwas über der Hälfte der Bevölkerung der Region Ukrainer sind und rund ein Drittel russischer Abstammung. Russisch ist, anders als im Westen der Ukraine, allerdings die dominante Sprache im Donbass.

„Es ist aber wichtig nicht dem Gedanken zu verfallen, dass der Donbass pro-russisch oder anti-ukrainisch ist“, so Finnin. Das zeigt auch eine Umfrage, der Sender kurz vor dem Ukraine-Krieg durchführen ließ. Demnach befürworteten nur knapp ein Fünftel der Einwohner der östlichen Regionen der Ukraine, wozu auch der Donbass gehört, die Idee, dass Ukraine und Russland zu einem Staat werden sollten. Immerhin 45 Prozent der Befragten in der Ostukraine erklärten allerdings, Russen und Ukrainer seien „ein Volk“.

Die Bedeutung des Donbass für den Ukraine-Krieg: Eroberung wäre ein Trostpreis für Putin

In der Psyche der russischen Führung unter Waldimir Putin jedoch hat der Donbass trotz seiner Zugehörigkeit zu der Ukraine eine große Bedeutung. Anna Makanju, Ex-Direktorin im Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten meinte laut CNN, dass Putin sich für einen Zar halte, der von Gott berufen sei, um die Macht und Glorie des russischen Reiches wiederherzustellen.

Ohne die Eroberung des Donbass ist ein solches Projekt jedoch zum Scheitern verurteilt. „Der Donbass belieferte die gesamte Sowjetunion mit Rohstoffen“, so Dobczansky. „In diesem Kontext hat Putin seine stockende Invasion auf eine Region neu fokussiert, in der vor acht Jahren der Krieg mit der Ukraine begann.“

Es wird auch darüber spekuliert, dass der Kreml-Herrscher bis zum 9. Mai, dem Tag des Sieges der Sowjetunion über Hitlerdeutschland im Zweiten Weltkrieg, einen Sieg vorweisen will. Dieser Meinung ist auch Samir Puri vom International Institute for Strategic Studies (IISS). „Es besteht die Möglichkeit, dass Putin die Ukraine nun in zwei Teile teilen will. Damit kann er innenpolitisch einen Sieg für sich beanspruchen und die Kritik abschwächen, dass die Invasion verpfuscht worden ist,“ sagte er CNN. Der Donbass wäre ein Trostpreis, da eine Eroberung Kiews nicht mehr möglich sei.

Eine Eroberung der Region, vor allem auch der hart umkämpften Hafenstadt Mariupol, hätte zudem einen taktischen Vorteil. Damit würde eine Landbrücke zur Krim geschaffen, was eine Versorgung der Halbinsel erleichtern würde.

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