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Verliert Putin die Russen? Bekannte Aktivistin prophezeit: „Die Stimmung wird sich ändern“

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Von: Florian Naumann

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Wladimir Putin am Sonntag bei einem Besuch im russischen Raumfahrtzentrum in Moskau.
Wladimir Putin am Sonntag bei einem Besuch im russischen Raumfahrtzentrum in Moskau. © Sergey Guneev/www.imago-images.de

Wladimir Putin bringt Leid über die Ukraine - und versetzt die Welt in Sorge. Doch hält die Stimmung in Russland? Eine bekannte Aktivistin ist sehr skeptisch.

Moskau/München - Seit Donnerstag tobt der Ukraine-Krieg mit unverminderter Härte - auch am Wochenende dominierten Nachrichten über Gefechte in der Ukraine die Nachrichten. Doch Russland scheint nicht mit dem erwarteten Tempo voranzukommen. Eine mögliche Hoffnung, auch in Deutschland, lautet: Wladimir Putin könnte sich verkalkuliert haben.

Eine wichtige Frage dabei: Behält der russische Präsident auch angesichts möglicher Verluste die Unterstützung der Politik und der Bevölkerung im eigenen Land? Die Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa von der mittlerweile in Russland verbotenen Organisation Memorial ist zumindest skeptisch. Sie sieht zugleich nicht zuletzt innenpolitische Motive hinter der Invasion Putins, wie sie der taz am Wochenende in einem Interview erklärte.

Ukraine-Krieg: Putin bald in Russland unter Druck - „Die Menschen werden begreifen“

Scherbakowa gab einen Einblick in die Stimmungslage in Moskau. Die meisten Menschen schienen angesichts galoppierender Preise, Inflation und der Corona-Pandemie „gleichgültig“, erklärte sie. Allerdings sei der 2014 nach der Krim-Annexion zu beobachtende Euphorie-Effekt ausgeblieben. Zugleich verorte der Großteil der Menschen auch aufgrund der medialen Lage in Russland die Verantwortung aufseiten der Ukraine. „Doch Umfragen wie, die des unabhängigen Levada-Zentrums zeigen, dass bei der Bevölkerung die Angst vor bewaffneten Konflikten hoch ist“, wandte Scherbakowa ein.

„Ich denke, dass sich die Stimmung noch ändern wird“, erklärte sie in dem Gespräch. Dazu gehöre auch, „dass die Menschen begreifen werden, dass es ein blutiger Krieg gegen ein Brudervolk ist“. In vielen Städten seien gerade junge Menschen bereits jetzt auf die Straßen gegangen - trotz der Gefahr einer Festnahme und physischer Gewalt. Auch die Sanktionen, etwa die Verbannung Russlands aus dem Swift-System, könnten bald spürbar werden.

Putins Ukraine-Inszenierung: „Ihre Angst war greifbar und jeder sollte sie fühlen“

Große Unterstützung für die Invasion unter russischen Spitzenpolitikern sah Scherbakowa ebenfalls nicht. Eine TV-Übertragung, in der die Mitglieder des russischen Sicherheitsrates Argumente für einen Einmarsch vorbrachten, äußerte sie klar als Inszenierung und Machtdemonstration Putins ein. „Ihre Angst war greifbar und jeder sollte sie fühlen“, sagte sie mit Blick auf die Vortragenden. Es habe sich um eine Warnung gehandelt „an alle, deren Loyalität plötzlich als unzureichend erscheinen sollte. Ein Signal an alle, die man im weiteren Sinne zur Elite zählen kann“.

Die russische Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa.
Die russische Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Irina Scherbakowa. © Mike Wolff/TSP/Imago

Die Menschenrechtlerin äußerte auch eine These zum Hintergrund Putins Handeln. „Die Zustimmung der Bevölkerung sucht man durch das Beschwören äußerer Feinde“ - auch, da die russische Regierung nicht in der Lage sei, „die reale Situation im Land zu verbessern“. In einem Interview mit Merkur.de hatte sich zuletzt auch ein Experte zu den Motiven Putins geäußert.

In den ARD- „Tagesthemen“ unterstrich Verteidigungsexperte Carlo Masala die These schwindender Unterstützung in Russland. Vor diesem Hintergrund sei auch die Ankündigung erhöhter Atomschlags-Bereitschaft Putins zu verstehen: Es handle sich um den „Versuch, das Blatt zu wenden“, sagte der Professor der Bundeswehr-Universität München. Auf dieses Signal müsse die Nato derzeit auch nicht eingehen.

Russland im Ukraine-Konflikt: Mehr als 2.000 Festnahmen bei Protesten in Moskau und St. Petersburg

Die Gefahren zivilgesellschaftlichen Einsatzes für die russische Bevölkerung zeigten sich auch am Wochenende. Bei regierungskritischen Protesten in Russland sind am Sonntag mehr als 2000 Menschen festgenommen worden. Die Menschen gingen in mehreren Städten sowohl gegen den Krieg in der Ukraine als auch in Erinnerung an den vor sieben Jahren ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow auf die Straßen. Das Bürgerrechtsportal Owd-Info zählte bis zum Abend alleine in der Hauptstadt Moskau 993 Festnahmen in Moskau und 632 weitere in St. Petersburg.

Der frühere Vizeregierungschef Nemzow war am 27. Februar 2015 in Kremlnähe erschossen worden. Der Mord an dem Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären.

Das Entsetzen über den Krieg des eigenen Landes gegen die Ukraine ist auch in Russland bei vielen Menschen groß. Allerdings gehen die russischen Sicherheitskräfte vielerorts brutal gegen Demonstranten vor. Die russischen Behörden warnen eindringlich vor einer Teilnahme an den nicht genehmigten Kundgebungen. Auch in Deutschland gab es am Sonntag Proteste. In Berlin gingen deutlich mehr als 100.000 Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straße. (fn mit Material von dpa)

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