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Ostukraine bald „menschenleer“? Selenskyj klagt an – doch Verwüstung könnte Teil von Putins Plan sein

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Von: Florian Naumann

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Wolodymyr Selenskyj am Sonntag in der Ostukraine. Droht eine „Entvölkerung“ in Teilen der Region?
Wolodymyr Selenskyj am Sonntag in der Ostukraine. Droht eine „Entvölkerung“ in Teilen der Region? © IMAGO/Ukraine Presidency

Die Ostukraine bald „menschenleer“? Wolodymyr Selenskyj warnt in bekannt eindringlichen Worten. Doch nicht nur in Kiew kursiert eine bittere These zur russischen Strategie.

Kiew/München – Wolodymyr Selenskyj selbst hat das Schreckensszenario schon beschrieben: „Die laufende Offensive der Besatzer im Donbass könnte die Region menschenleer machen“, sagte der ukrainische Präsident am Freitag (27. Mai). Städte würden durch die russischen Truppen zerstört, Menschen getötet oder verschleppt. Selenskyj rügte eine Politik des „Völkermords“.

Wie fast immer in den Tagen des Ukraine-Konflikts ist die Realität im Kriegsgebiet schwer von unabhängiger Warte zu überblicken. Doch viel spricht dafür, dass die russische Armee bei ihrer Donbass-Offensive tatsächlich äußerst rücksichtslos vorgeht. Über Verschleppungen war ebenfalls schon häufiger berichtet worden. Human Rights Watch sieht zumindest als gesichert an, dass das russische Militär Zivilisten keine Evakuierung in ukrainisches Gebiet anbietet, wie eine Vertreterin der NGO zuletzt Zeit Online schilderte.

Nicht nur in der Ukraine kursiert nun eine durchaus drastische These: Die Ostukraine zu entvölkern, könnte, so heißt es, durchaus im strategischen Interesse des Kreml liegen. Sogar Außenministerin Annalena Baerbock äußerte diese Befürchtung zuletzt.

Ukraine-Krieg: Ostukraine bewusst der Zerstörung preisgegeben? „Unterwerfung unrentabel“

Der russische Außenminister Sergej Lawrow wies der Einnahme des Donbass zuletzt „bedingungslose Priorität“ zu. Teilt man die Einschätzung des ukrainischen Mediums focus.ua, könnte die Aussage sehr wörtlich zu nehmen sein, insbesondere der Begriff „bedigungslos“. Das Portal hatte laut der taz-Osteuropa-Reporterin Barbara Oertel eine klare These zu den Hintergründen des aktuellen Kriegsgeschehens parat.

Sjewjerodonezk ist aktuell Schauplatz heftiger Kämpfe - und Verwüstungen.
Sjewjerodonezk ist aktuell Schauplatz heftiger Kämpfe - und Verwüstungen. © IMAGO/Alexander Reka

Russlands Hauptziel seien nicht Städte oder Menschen oder sondern Landgewinne, sei dort zu lesen gewesen: Die nun vielerorts zerstörte zivile Infrastruktur in der Ukraine sei für den Kreml ohnehin nutzlos gewesen, „denn in der Russischen Föderation herrscht eine demografische Krise, es gibt niemanden den man dort ansiedeln kann“. Der Versuch, eine illoyale Bevölkerung unterwerfen zu wollen, sei wiederum „unrentabel, weil es von Partisanen nur so wimmelt.“

Donbass im Ukraine-Krieg: Quellen berichten von Tschetschenien-Strategien - bis zum „kulturellen Genozid“

Auch der US-Sender CNN schrieb zuletzt von einer bewusst herbeigeführten „Entvölkerung“ von Teilen der Ostukraine; allerdings in einem etwas anderen Kontext. „Hunderttausende Ukraine“ seien durch „Filtrationslager“ geschleust und in teils entlegene Gebiete Russlands gebracht worden, hieß es dort unter Berufung auf „vier mit westlichen Geheimdiensterkenntnissen vertrauten Quellen“. Oftmals würden die Menschen ohne Mittel für eine Rückkehr regelrecht „ausgesetzt“.

Die Informanten des Senders führten diese Strategie ebenfalls auf einen Versuch der Kontrollausübung über eroberte Gebiete zurück. Das geschehe teils durch die „Eliminierung“ von Ukrainern mit mutmaßlichen Sympathien für die Regierung in Kiew, teils aber auch durch das Zurückdrängen ukrainischer Identität – etwa durch Entvölkerung oder auch „kulturellen Genozid“. Es handle sich um ein im Tschetschenien-Krieg entwickeltes System. So berichtete unter anderem NBC auch über eine Reihe von Luftschlägen auf Museen und Kulturstätten in der Ukraine, gezielt oder als „Kollateralschaden“.

Russische Strategien in der Ukraine: Lugansk und Cherson vor Referendum - im Osten droht aber auch Verwüstung

Insbesondere die Darstellung von focus.ua könnte zugespitzt sein, oder jedenfalls nicht auf den gesamten Donbass zutreffen. In den Separatistengebieten und Donezk und Lugansk ist bereits eine (pro-)russische Vorherrschaft über größere Städte etabliert. Ähnliches gilt für Cherson, das früh und ohne allzu große Zerstörungen an Russland fiel. Allerdings berichten etwa aus Lugansk Einwohner von einem heruntergefahrenen Leben in der Stadt – obwohl die Verwüstungen wohl nicht so groß sind wie in vielen anderen Teilen der Ukraine. Offizielle der „Volksrepubliken“ sprachen laut BBC von „Dutzenden“ - etwa durch ukrainischen Beschuss - getöteten Zivilisten.

Eine Frau schilderte dem britischen Sender, gerade Männer lebten teils „versteckt“. Grund sei eine Pflicht für Wehrfähige, sich den prorussischen Milizen anzuschließen. Die „Mobilisierung“ habe in der Stadt den Spitznamen „Mogilisierung“ erhalten, als Verweis auf das russische Wort für Grab, „Mogila“. Ein mögliches Referendum über einen Beitritt zu Russland werde resigniert zur Kenntnis genommen: „Es ist wie ein Zug, aus dem man nicht aussteigen kann.“ Ähnliche Pläne gibt es offenbar auch für Cherson, dort berichteten Einwohner auch über Repressionen. Verschiedene Strategien der Kontrollübernahme könnten also nebeneinander stehen.

Unterdessen gibt es von der Ukraine weitere Meldungen über verheerte Städte. Mittlerweile sei etwa im umkämpften Swjerodonezk die gesamte kritische Infrastruktur zerstört, sagte Selenskyj am Sonntagabend (29. Mai) nach seinem ersten Besuch in der Ostukraine seit Kriegsbeginn. (fn)

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