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Trumpf „zynische Brutalität“: Experten warnen vor Putins „unerschöpflicher Armee“ - und „inflationärem“ Sterben

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Von: Patrick Mayer

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Für den Austausch mit dem Gegner: Ukrainische Kämpfer transportieren Leichen mutmaßlich getöteter russischer Soldaten.
Für den Austausch mit dem Gegner: Ukrainische Kämpfer transportieren Leichen mutmaßlich getöteter russischer Soldaten. © IMAGO / Agencia EFE

Russlands Armee muss im Ukraine-Krieg erhebliche Verluste hinnehmen. Laut einem Bundeswehr-General und einem Historiker hat Moskau das aber einkalkuliert. Und damit nicht genug.

München/Moskau - Die Verluste sind riesig. Solcherlei Einschätzungen westlicher Geheimdienste zur Lage der russischen Armee dementiert der Kreml im Ukraine-Krieg nicht einmal mehr. Laut The Kyiv Independent wurden, Stand 18. Juli, mehr als 38.450 russische Soldaten getötet oder verwundet. Ferner seien mindestens 1687 Kampfpanzer zerstört oder erbeutet worden, so heißt es aus Kiew. Unabhängig überprüfen lässt sich das freilich nicht.

Ukraine-Krieg: Gehen Russlands Armee die Kräfte aus? Experten verneinen

Und das alles stecken die Truppen von Moskau-Machthaber Wladimir Putin personell einfach so weg? Verschiedene Experten meinen: Das Putin-Regime kümmert sich nicht sonderlich darum und plant die erheblichen Verluste an Mensch sowie Material bewusst mit ein. Ein Vertreter dieser These ist der Historiker Christian Osthold, der mit Schwerpunkt zu Russland und dem Nordkaukasus forscht. Er hat den Afghanistan-Krieg der Sowjetunion der Jahre 1979 - 1989 genau beleuchtet, und er hat den blutigen Tschetschenien-Krieg Russlands (militärische Kämpfe von Sommer 1999 bis Frühjahr 2000) unter dem seinerzeit recht neuen Regierungschef Putin wissenschaftlich untersucht.

Was das für die Ukrainer bedeutet? Die Geschichte russischer Kriege zeige, schreibt Osthold in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), dass „die russische Kriegsführung von zynischer Brutalität ist und sich noch nie groß um die Opfer in den fremden und den eigenen Reihen gekümmert hat.“ Jeder Krieg, den Russland im 20. Jahrhundert geführt habe, folge demselben Prinzip, erklärt der Historiker: „Menschliches Leben stellt eine unerschöpfliche Ressource dar, die inflationär einsetzbar ist. Die präzedenzlosen Verluste der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg legen Zeugnis davon ab.“

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg

Dies gelte aber nicht nur für den Vaterländischer Krieg, wie die Kämpfe gegen die deutsche Wehrmacht zwischen 1941 und 1945 genannt werden.

„Das zeigt auch der finnische Winterkrieg, den der Kreml am 30. November 1939 mit einem Großangriff begann. Fünf sowjetische Armeen sollten die Mannerheim-Linie durchbrechen und auf Helsinki vorstoßen. Insgesamt wurden 1,2 Millionen Soldaten, 1500 Panzer und 3000 Flugzeuge gegen 300.000 Finnen aufgeboten. Trotz dieser Überlegenheit kam es zu einem Fiasko“, schildert Osthold in seinem Beitrag für die NZZ: „Der von General K. A. Merezkow und seiner 7. Armee vorgetragene Hauptstoß scheiterte, und dies bei unerhörten Verlusten. Allein im Dezember 1939 fielen 69.986 Soldaten und Kommandeure. Das entspricht einer Tagesquote von 2187.“

Ich fürchte, neben Reservebrigaden und Millionen Reservisten können die Russen auch beim Material noch auf sehr große Bestände zurückgreifen. 

Militärexperte Wolfgang Richter bei ntv.de

Ukraine-Krieg: Hohe Verluste unter russischen Truppen - doch auch große Reserven

Auch Militärexperte Wolfgang Richter glaubt, dass die hohen Gefallenen-Zahlen aus der Ukraine Moskau nicht zum Einlenken bewegen werden. „Ich fürchte, neben Reservebrigaden und Millionen Reservisten, können die Russen auch beim Material noch auf sehr große Bestände zurückgreifen. Sie können immer noch mehr nachlegen als der Westen liefert“, erklärte Richter zuletzt im Gespräch mit dem Nachrichtenportal ntv.de: „Und auch, wenn das älteres, weniger modernes Material sein wird, entscheidet auf dem Gefechtsfeld irgendwann die pure Masse.“

Richter ist Oberst a.D. der Bundeswehr und forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik zur russischen Armee. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg meint er: „Sehr wahrscheinlich wird irgendwann ein Erschöpfungspunkt kommen, vermutlich zuerst bei den ukrainischen Truppen, aber noch lässt sich das nicht sicher vorhersagen. Wenn wir aber damit rechnen müssen, dass dieser Punkt kommen wird, ohne dass sich das große operative Bild wesentlich ändert, dann sollte man sich möglichst bald auf den nötigen Dialog besinnen, der einem Waffenstillstand vorangeht. Andernfalls wachsen die Verluste ins Unermessliche, ohne dass sich die Lage entscheidend ändert.“

Ukraine-Krieg: Bundeswehr-General warnt vor „unterschätzter“ russischer Armee

Davor, die russische Armee zu unterschätzen, warnt auch der Inspekteur des Heeres der deutschen Bundeswehr, Generalleutnant Alfons Mais. „Mit ihrer Artillerie-Überlegenheit arbeitet sich die russische Armee offenbar Kilometer für Kilometer nach vorne. Das ist ein Zermürbungs- und Abnutzungskrieg, der die Frage aufwerfen wird, wie lange die Ukraine das durchhalten kann“, sagt Mais im Interview mit dem Handelsblatt.

Die russische Armee werde aus den Erfahrungen heraus kampfstärker. „Und Russland hat Ressourcen, die nahezu unerschöpflich sind. In einem autokratischen System spielen die Verlustraten bei den eigenen Soldaten offenbar keine Rolle“, erklärt Mais: „Die Medien sind gleichgeschaltet, die Unterstützung in der Bevölkerung ist offenbar immer noch hoch. Bei uns wäre das vermutlich so nicht denkbar.“ (pm)

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