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Was, wenn Putin verliert? So schätzen Experten die Atomschlag-Gefahr ein

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Von: Andreas Schmid

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Hält sich Wladimir Putin im Ukraine-Krieg an das Atomtabu?
Hält sich Wladimir Putin im Ukraine-Krieg an das Atomtabu? © Russian Defence Ministry/afp/Bruckmann/Litzka (Montage)

Seit Beginn des Ukraine-Krieges schwelt die Sorge vor russischen Atomwaffen. Militärexperten zufolge droht ein Nuklear-Schlag derzeit eher nicht. Entwarnung geben aber nicht alle von ihnen.

Moskau – Noch ist unklar, ob die derzeit laufende ukrainische Gegenoffensive ein Wendepunkt im Krieg ist. Sie kann es aber sein, glauben Militärexperten. Seit Anfang September zogen sich russische Truppen in mehreren Gebieten der Ukraine zurück, vor allem im östlichen Charkiw. Ein Ende des Krieges ist damit freilich noch nicht in Sicht. Zu uneindeutig ist die militärische Lage und zu weit liegen die Positionen der Kriegsparteien für mögliche Verhandlungen auseinander.

Im Kreml scheint man dennoch unruhig zu werden. Auch wegen Waffenlieferungen aus dem Westen. Ein schneller Krieg ist längst passé, die Moral schwindet offenbar und selbst strikte Propaganda-Sprachregelungen Putins bröckeln. Wie reagiert Russland? Immer wieder ist im Falle einer weiteren Eskalation von Nuklear- oder Chemiewaffen die Rede. Dieses Szenario schürt der Kreml selbst – wird es nach aktuellem Stand aber eher nicht in die Realität umsetzen.

Ukraine-Krieg: Russland droht mit Atomwaffen

Am Donnerstag warnte Russland die USA davor, der Ukraine Raketen größerer Reichweiten zu liefern. Damit würde eine „rote Linie“ überschritten und die Vereinigten Staaten machten sich zur Konfliktpartei, sagte Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministers Sergej Lawrow. Die Atommacht Russland behalte sich in dem Fall das Recht vor, sich mit „allen möglichen Mitteln“ zu verteidigen. Schon kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs hatte Russland seine Atomwaffen in erhöhte Bereitschaft versetzt.

Im Laufe des Ukraine-Krieg drohte Russland es immer wieder mehr oder minder offen mit seinem Atomwaffenarsenal. Im russischen Fernsehen rechneten Talk-Gäste aus, wie lange eine Atomwaffe nach Berlin brauchen würde. Es sollen 106 Sekunden sein. Aber ist diese Bedrohung real? Experten geben Entwarnung.

Setzt Russland Atomwaffen ein? „Gegenwärtig sehr unwahrscheinlich“

Militärexperte Gustav Gressel sieht diese Gefahr derzeit nicht. „Das halte ich für relativ unwahrscheinlich“, sagt er im Interview mit unserer Redaktion. „Eine taktische Atomwaffe würde an der Front wenig ändern, schon weil das ukrainische Militär relativ dezentral organisiert ist.“ Die jüngste Charkiw-Offensive hätte Putin mit einer Atomwaffe nicht gestoppt, meint Gressel. „Dazu hätte es schon zehn oder zwanzig solcher Bomben gebraucht.“

Auch Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr befürchtet keinen Atomwaffenwaffeneinsatz.: „Natürlich gibt es im Hintergrund immer wieder diese theoretische Option des Einsatzes von chemischen oder atomaren Waffen“, sagte der Militärexperte dem Portal Business Insider. „Gegenwärtig halte ich das aber für sehr unwahrscheinlich.“

Laut Masala ist ein Atomwaffeneinsatz derzeit schon aus strategischen Gründen unvorstellbar. Die Kosten für Russland seien zu hoch. „Wo sollte Wladimir Putin diese Waffen denn einsetzen“, fragt Masala. „In Kiew, damit die Ukrainer sich ergeben? Das würden sie nicht tun, was wahrscheinlich sogar Putin inzwischen erkannt hat.“ An der Frontlinie ergebe der Einsatz ebenso keinen Sinn. „Hier würde er riskieren, seine eigenen Leute zu verseuchen.“

Atomwaffeneinsatz in der Ukraine? „Das wäre Putins Ende und das weiß er“

Peter Neumann von Londoner Kings College sieht das ähnlich. „Den Einsatz von Atomwaffen halte ich aktuell für ausgeschlossen.“ Das liege an der dann drohenden Reaktion des Westens, besonders der USA. „Putin ist bewusst, dass die USA in einem solchen Fall sofort aktiv in den Krieg eingreifen würden. Das wäre Putins Ende und das weiß er.” Ähnliches gelte für Chemiewaffen, meint Neumann. „Es ist schwer vorstellbar, dass die USA und Europa dabei zusehen würden, wie ukrainische Zivilisten mit Senf- oder Chlorgas verletzt und getötet werden. 

Der russische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Anatoli Antonow, erklärte Anfang Mai: „Es ist unser Land, das in den letzten Jahren den amerikanischen Kollegen immer wieder vorgeschlagen hat, zu bekräftigen, dass es in einem Atomkrieg keine Gewinner geben kann und dass er deshalb niemals stattfinden darf.“

Setzt Russland nächstes Jahr Atomwaffen ein? „Das müssen wir einkalkulieren“

Andere Experten bewerten die Situation allerdings etwas anders. Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck sagte zuletzt im ORF-Fernsehen, die Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen steige, wenn Russland nach Gebieten in Charkiw auch die Krim verlieren würde. Anfangs könnte es dabei eine Art Warnexplosion geben. Sollten die Ukrainer dann aber nicht einlenken, wäre seiner Ansicht nach auch ein taktischer Nuklearschlag auf die Ukraine möglich.

Auch für das Wall Street Journal ist die Gegenoffensive nicht nur „eine wichtige Wende im Krieg“, sondern auch eine „Gefahr“ in den Händen Putins. Die US-Zeitung schreibt: „Die westlichen Staats- und Regierungschefs müssen sich darauf einstellen, dass er Atomwaffen einsetzen oder versuchen wird, die Nato direkt in den Konflikt hineinzuziehen.“

Der britische Ex-General Sir Richard Barrons sagte in einem Interview mit Zeit Online, man müsse mit dem Einsatz russischer Nuklearwaffen rechnen, sollte sich der Krieg weiter zuspitzen. „Wenn sich im nächsten Jahr abzeichnen sollte, dass die Ukraine den Krieg gewinnt und Russland mit einer Niederlage konfrontiert wird, die vermeintlich die Sicherheit des Landes bedroht, würden nach der russischen Militärdoktrin kleine, taktische Nuklearwaffen eingesetzt. Das müssen wir einkalkulieren.“

Atomwaffen: Putin wäre bei Tabubruch international isoliert

Die Folgen eines Atomwaffeneinsatzes wären verheerend. Für die betroffenen Menschen, aber auch für Wladimir Putin. Der Atomwaffeneinsatz ist derzeit ein weltweites Tabu. Diesen Bruch müsste Putin wohl mit immer größerer internationaler Isolation bezahlen. Selbst russlandwohlgesonnene Staaten wie Brasilien, Indien oder China würden die Aktion wohl verurteilen, meint Masala. „Die Reaktionen wären verheerend“, meint Gressel.

Fazit: Nach Einschätzung von Experten ist der Einsatz von Atomwaffen derzeit keine akute Bedrohung. Dennoch ist das Risiko, dass Putin eine Atomwaffe einsetzt, nicht gleich Null. Je länger der Krieg andauert, desto größer könnte das Risiko werden. (as)

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