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Russlands Ex-Außenminister warnt vor Putin: „Wenn er mit diesem barbarischen Krieg durchkommt, ...“

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Von: Marcus Giebel

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Wladimir Putin sitzt zwischen Militärs
Ob ihm die Vergleiche mit Adolf Hitler schmeicheln? Russlands Präsident Wladimir Putin (M.) profitiert auch vom zögerlichen Verhalten des Westens. © MIKHAIL KLIMENTYEV/dpa

Wie muss der Westen Wladimir Putin entgegentreten? Für den ehemaligen russischen Außenminister Andrej Kosyrew geht es nur mit Entschlossenheit. Europa müsse aus der Vergangenheit lernen.

München - Es ist allerhöchste Zeit, aufzuwachen und den Ukraine-Krieg richtig einzuordnen. Für Deutschland. Für die EU. Für den Westen. Das fordert Andrej Kosyrew, der unter Boris Jelzin russischer Außenminister war. Im Interview mit der spanischen Zeitung El Pais warnt er davor, Wladimir Putin weiterhin zu unterschätzen.

Denn der Kreml-Chef besitze aufgrund seines Machtapparats diverse Trümpfe: „Er hat die absolute Kontrolle über die Propaganda-Maschinerie in Russland und kann in einer Sekunde eine völlig andere Geschichte erzählen. Das russische Volk, vor allem die Menschen, die sich nur über das Fernsehen informieren, haben keine Ahnung, was tatsächlich in der Ukraine passiert. Deshalb hat er auch keinerlei Probleme mit Erklärungen.“

Putins Angriff auf die Ukraine: „Kalter Krieg kann schnell zu wirklichem Krieg führen“

Hinzu komme, dass aus Sicht vieler einflussreicher Russen der Kalte Krieg nie geendet habe, weil für sie „die demokratische Revolution der 1990er Jahre“ einer „Niederlage gegen den Westen“ gleichgekommen sei. Kosyrew betont: „Es ist ein Kalter Krieg, der aber - wie man an der Ukraine sieht - auch für andere Nato-Länder sehr schnell zu einem wirklichen Krieg führen kann.“

Zwar würden die westeuropäischen Länder den Truppen aus Moskau nicht direkt gegenüberstehen, „aber auch sie werden von Russland attackiert oder bedroht“. Kosyrew schlägt sogar den Bogen zur Nazi-Zeit in Deutschland, als beinahe die ganze Welt ins Verderben gestürzt wäre: „Es geht noch nicht einmal um Nachgiebigkeit, sondern um eine Beschwichtigungspolitik, wie man sie schon (Adolf) Hitler gegenüber an den Tag legte, als dieser Polen und die Tschechoslowakei überfiel.“

Andrej Kosyrew steht vor einer russischen Flagge
Der erste Außenminister der Russischen Föderation: Andrej Kosyrew amtierte bis 1996 unter Präsident Boris Jelzin (Foto aus dem Jahr 1991). © IMAGO / sepp spiegl

Ukraine-Krieg: „Zu viele Menschen schenken jedem vermeintlich positiven Signal aus Moskau Glauben“

Ähnlich verhalte es sich nun mit der Taktik gegenüber Putins Russland. Ihn mache es „richtig krank, wenn ich all diese sogenannten Experten sagen höre, dass man Putin irgendeine Art von Sieg überlassen müsse, damit er sein Gesicht wahren kann. In Europa gibt es viel zu viele Menschen, die jedem vermeintlich positiven Signal aus Moskau Glauben schenken wollen. Das hat man ja bereits 2014 erlebt.“

Die Annexion der Krim sei im Westen rückblickend beinahe schulterzuckend zur Kenntnis genommen worden - mutmaßlich, um Putin nicht als vermeintlich Verbündeten zu verlieren. Aus diesen Fehlern müsse Europa lernen. „Wenn er jetzt, mit diesem barbarischen Krieg, wieder durchkommt und die Sanktionen schnell aufgehoben würden, dann wäre die nächste Station ein Nato-Land, eines der baltischen Länder oder vielleicht Polen“, befürchtet der in den USA lebende Kosyrew.

Video: Wie sich der Krieg zwischen Moskau und Kiew zuspitzte

Angriffskrieg in der Ukraine: „Putin ruiniert auch Russland in wirtschaftlicher wie moralischer Hinsicht“

Zugleich sieht der Vor-Vor-Vorgänger Sergej Lawrows in Putin auch eine Gefahr für die russische Zukunft: „Dieser Kerl ruiniert nicht nur die Ukraine, die unser Bruderland ist, sondern auch Russland, und zwar in wirtschaftlicher wie moralischer Hinsicht. Er ist dabei, eine neue, in sich geschlossene und autoritäre Gesellschaft zu erschaffen.“

Kosyrew hält es für falsch, „dass die Nato-Mitglieder dem ukrainischen Präsidenten (Wolodymyr) Selenskyj keine Militärflugzeuge zur Verfügung stellen, weil sie eine Eskalation fürchten. Das ist lächerlich.“

Russland im Ukraine-Krieg: „Warum hat nicht Putin Angst, sondern die Nato?

Dann legt er den Finger in eine offene Wunde: „Warum fürchtet sich Putin nicht vor der Nato? Warum ist es die Nato, die Angst hat? Angst ist ein schlechtes Gefühl, kontraproduktiv für rationales Denken. Wer Angst hat, der verhält sich wie ein Tier, und Angst ist nicht gut für politische Entscheidungen.“

In diesem Fall scheint das sehr menschliche Gefühl die Welt jedoch indirekt vor einem Rückgriff auf Nuklearwaffen bewahren zu können, wie Kosyrew andeutet: „Das Risiko, das so etwas passiert, wäre dann größer, wenn Putin glaubt, der Westen und die Nato hätten vor den Raketen mehr Angst als er selbst.“ (mg)

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