1. Startseite
  2. Politik

„Hier sind alle wie Zombies“: Besorgniserregende Stimmen aus dem belagerten Asowstal-Stahlwerk in Mariupol

Erstellt:

Von: Kathrin Reikowski

Kommentare

Das Stahlwerk des Konzerns Asow-Stahl, in dem die letzten ukrainischen Verteidiger von Mariupol ausharren.
Das Stahlwerk des Konzerns Asow-Stahl, in dem die letzten ukrainischen Verteidiger von Mariupol ausharren. © HANDOUT/AFP

Ukraine-Krieg: Seltene Berichte aus dem von Russland belagerten Stahlwerk Asovztal zeigen, wie Menschen Schutz gesucht hatten und in eine Falle gerieten.

Mariupol (Ukraine) - „Die ganze Welt hat uns gewarnt, dass Russland die Ukraine überfallen würde. Aber wir haben es nicht geglaubt. Wir dachten: Vielleicht gibt es Angriffe im Osten – aber ein echter Krieg? Selbst einen Tag vor der Invasion waren wir sicher, dass nichts passieren würde“, erzählt Jurij Ryzhenkow, CEO bei Metinvest, zu dem das Stahlwerk gehört, dem Spiegel in einem Videointerview. Und sagt: „Wir waren Narren.“

Wie viele Menschen sich genau in dem Stahlwerk aufhielten, sei unklar. „Wir zählen sie nicht“, berichtet Michael Werschinin, Leiter der Streifenpolizei, dem Spiegel. „Einen Zivilisten an einen Ort mitzunehmen, wo es Handyempfang gibt, ist extrem gefährlich, weil an sieben Tagen 24 Stunden lang bombardiert und geschossen wird“, sagt er.

Ukraine-Krieg/Mariupol: Das Stahlwerk galt als sicher - so gerieten die Zivilisten in die Falle

„Die Bedingungen sind schrecklich. Es gibt ein Krankenhaus auf dem Gelände, aber wir werden durchgehend bombardiert oder mit Artillerie beschossen. Die Ärzte operieren mit einer Taschenlampe, weil es keinen Strom gibt. Die Krankenschwestern und Sanitäter arbeiten rund um die Uhr“, berichtet

Virktor Otscheretin wollte seit Kindertagen im Stahlwerk arbeiten - und schaffte es bis zum Produktionsleiter. Dass so viele Zivilisten im Stahlwerk seien, läge daran, dass das Werk für seine Bunkeranlagen stadtweit bekannt war. „Als die Bombardierungen nach dem 28. Februar heftiger wurden, machten sich Massen auf den Weg. Sie gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Auto auf das Gelände, die Werktore waren geöffnet“, berichtet er. „Als am 17. März die Brücken über den Fluss bombardiert wurden, waren bereits 4000 Menschen in den Asow-Bunkern. Danach war es sehr schwierig, dort noch rauszukommen, vor allem für Leute mit kleinen Kindern.“ Es habe ununterbrochen Beschuss gegeben.

Olena, Sanitätssoldatin, ist seit sechs Wochen im Stahlwerk eingeschlossen. Sie schreibt dem Spiegel in einer kurzen Nachricht: „In unserem Bunker gibt es noch Licht, aber in anderen nicht mehr. Sie haben auch keine Lebensmittel mehr oder Medikamente. Es ist stickig und feucht, mir fehlt die Luft zum Atmen.“ Es gebe noch ein wenig Wasser, aber kaum mehr Nahrungsmittel.

Ukraine-Krieg: In Asowstal Eingekesselte hoffen auf die internationale Gemeinschaft

Ihre Tochter, Informatikerin Lesja - außerhalb von Asowstal - habe manchmal für Minuten über Internet Kontakt zu ihrer eingeschlossenen Mutter. „Mama fragt ständig, wann man sie retten wird. Oder ob es Pläne gebe, die Blockade des Stahlwerks zu durchbrechen. Sie sagt, im Moment werde das Stahlwerk ununterbrochen bombardiert, sie höre es deutlich.“ Um sie abzulenken, gebe sie ihr kleine Aufgaben, wie ein Bild zu machen. „Sie fürchtet sich auch vor Chemiewaffen. Sie hat Angst, dass man die Zivilisten evakuiert – und die anderen Militärangehörigen umbringt.“ Beim letzten Mal sei ihre Mutter besonders verzweifelt gewesen. „Sie schrieb: ‚Jeder hier ist wie ein Zombie, es ist schrecklich.‘“

„Was hier in Asow-Stahl passiert, im 21. Jahrhundert, in einem europäischen Land, ist Blasphemie gegenüber allen Prinzipien demokratischer Staaten“, sagt Werschinin, der Leiter der Streifenpolizei zum Ukraine-Konflikt in seiner Heimatstadt. „Es ist ein Verstoß gegen alle konstitutionellen Normen, alle moralischen Prinzipien. Wir stellen keine Forderungen, sondern bitten die Gemeinschaft, die Menschen hier rauszuholen – jetzt.“ Steht ein Sturm auf Asowstal bevor? Am Samstag konnten etwa 20 Zivilisten evakuiert werden - alle Entwicklungen im Newsticker zum Ukraine-Krieg. (kat)

Auch interessant

Kommentare