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Getreideabkommen: Koordinationszentrum in Istanbul eröffnet - doch die Ukraine hat bereits „Plan B“

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Von: Bettina Menzel

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Das von Russland und der Ukraine vereinbarte Kontrollzentrum zur Überwachung von ukrainischen Getreideexporten (JCC) ist in Istanbul offiziell eröffnet worden. Im Bild eine Delegation türkischer Militärs (27. Juli).
Das von Russland und der Ukraine vereinbarte Kontrollzentrum zur Überwachung von ukrainischen Getreideexporten (JCC) ist in Istanbul offiziell eröffnet worden. Im Bild eine Delegation türkischer Militärs (27. Juli). ©  OZAN KOSE / AFP)

Ein Abkommen zwischen der Ukraine und Russland soll nun ukrainische Getreide-Exporte ermöglichen. Doch falls der Getreide-Deal scheitert, hat die Ukraine offenbar einen „Plan B“.

Kiew - In der Ukraine lagern über 20 Millionen Tonnen Getreide und drohen wegen Russlands Seeblockade zu verrotten. Anderswo wird das Nahrungsmittel dringend gebraucht. Vergangenen Freitag unterzeichneten die Ukraine und Russland nun ein von der türkischen Regierung und den Vereinten Nationen vermitteltes Abkommen, das die Getreideexporte regeln soll. Am Mittwoch begann das Koordinationszentrum in Istanbul seine Arbeit. Doch die Ukraine bereitet bereits einen „Plan B“ vor - und das nicht ohne Grund.

Getreideexporte aus der Ukraine: Dieses Abkommen gilt nun zwischen den Kriegsparteien

Die Ukraine und Russland gelten als die „Kornkammern der Welt“. Die Getreideexporte brachen seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine ein und sorgten für einen Nahrungsmittelengpass in zahlreichen Ländern. Die Kriegsparteien geben sich gegenseitig die Schuld für den Stopp der Exporte. Doch nun gab es eine Annährung: Rund fünf Monate nach Beginn des Ukraine-Krieges konnten die türkische Regierung und die Vereinten Nationen (UNO) zwischen beiden Ländern vermitteln. Die Ukraine und Russland unterzeichneten am vergangenen Freitag ein Abkommen, das die Wiederaufnahme der Ausfuhr von Getreide über das Schwarze Meer regelt.

Darin verpflichten sich die beiden Länder, sichere Seekorridore für Getreidefrachter einzurichten und dort auf militärische Angriffe zu verzichten. Die Frachtschiffe sollen beim Aus- und Einlaufen aus den Häfen von ukrainischen Militärbooten begleitet und von Istanbul aus beobachtet werden. Doch schon einen Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens griff Russland den Hafen von Odessa an. Moskau berief sich darauf, dass die Armee „militärische Infrastruktur“ ins Visier genommen habe und plädierte dafür, dass das Abkommen weiter gültig sei und von russischer Sicht eingehalten werde. Das Abkommen selbst schließt den Beschuss militärischer Objekte juristisch zwar nicht explizit aus, doch Beobachter sahen in dem Angriff eine Machtdemonstration Russlands.

Soll Getreideexporte koordinieren: Kontrollzentrum in Istanbul eröffnet

Am Mittwoch fand in Istanbul die Eröffnungszeremonie des vereinbarten Kontrollzentrums zur Überwachung der ukrainischen Getreideexporte statt. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar gab sich weiterhin optimistisch. Er glaube, dass das Zentrum einen wesentlichen Beitrag zur Überwindung der Nahrungsmittelkrise leisten werde, sagte er am Mittwoch. 

Dass die Ukraine, Russland und die UN schon einen Tag nach Unterzeichnung Vertreter entsandten, wertete Akar als Zeichen der Entschlossenheit, das Abkommen umzusetzen. In dem Zentrum arbeiteten Zivilisten und Militärs - jeweils fünf Vertreter pro Partei. Es gehe um 25 Millionen Tonnen Getreide, die an drei ukrainischen Häfen auf den Export warten, so der Verteidigungsminister bei einer Pressekonferenz.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky hat sich erfreut über den Getreide-Deal mit Russland geäußert (Symbolfoto).
Mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide warten in der Ukraine auf ihre Ausfuhr. Das Land muss die Getreidesilos für die neue Ernte dieses Jahr freimachen. (Symbolfoto). © dpa

Getreideexporte: Deshalb bereitet die Ukraine einen Plan B vor

Dass Russland einen Tag nach der Einigung auf den Getreide-Deal den Hafen von Odessa mit Raketen angriff, macht die Ukraine offenbar skeptisch. Darauf weist jedenfalls eine Äußerung des ukrainischen Infrastruktur-Ministers Oleksandr Kubrakow hin. Wenn Russland die Hafeninfrastruktur weiter beschieße, werde die Ukraine „zu Plan B übergehen, den wir schon vorher genutzt haben. Das heißt, wir werden die Donauhäfen nutzen, wir werden die Eisenbahn nutzen und so viel [Getreide] wie möglich verladen“, sagte der Minister Informationen der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform zufolge. Die Eisenbahnexport würde durch Polen, die Slowakei und Ungarn führen. „Das heißt, wir werden alles nutzen, was verfügbar ist. Und wir werden auch Lastwagen einsetzen“, kündigte Kubrakow am Mittwoch an.

Demnach sieht der Plan B der Ukraine auch eine Zusammenarbeit mit den USA vor. Das bestätigte die Leiterin der US-Behörde für internationale Entwicklung, Samantha Power, gegenüber dem Nachrichtensender CNN. „US-amerikanische und ukrainische Beamte arbeiten an einem Notfallplan, um Getreideexporte aus dem Land zu bringen, falls das Abkommen mit Russland scheitert“, so Power. „Plan B umfasst den Straßen-, Schienen- und Flusstransport sowie die Entsendung von Lastkähnen und die Anpassung der Schienensysteme an die europäischen Systeme, damit die Exporte schneller erfolgen können“, erklärte die Leiterin der US-Behörde.

Was könnte Russland motivieren, das Abkommen einzuhalten? Politikbeobachter glauben: Nicht viel. Die Vorteile des Abkommens lägen demnach eher auf ukrainischer Seite. Doch Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist derzeit auf Afrika-Reise. Vom Nahrungsmittelengpass durch die Seeblockade des Schwarzen Meeres sind insbesondere afrikanische Länder betroffen. Das könnte zumindest eine Motivation für Russland sein. Am Mittwoch wurde indes bekannt, dass die drei ukrainischen Häfen Odessa, Tschornomorsk und Piwdennyj ihren Betrieb wieder aufgenommen hätten (bm mit Material von dpa).

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