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Ex-US-Außenminister Kissinger sieht drei Szenarien für das Ende des Ukraine-Kriegs

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Von: Bettina Menzel

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Der ehemalige US-amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat nun drei Szenarien geschildert, wie der Ukraine-Krieg enden könnte (Archivbild, 2014). © picture alliance / Britta Pedersen/dpa | Britta Pedersen

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger sieht drei mögliche Szenarien für ein Ende des Ukraine-Kriegs. Aus seiner Sicht ist nur eines davon ein „Erfolg für die Verbündeten“ der Ukraine.

London - Es gibt zahlreiche Theorien, wie der Ukraine-Krieg enden könnte. Nun hat sich ein Politik-Urgestein geäußert, das sich mit internationalen Krisen auskennt. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger erklärte am Samstag in einem Interview mit dem britischen Politik-Magazin The Spectator seine Sichtweise.

Europa solle seine Stabilität „nicht wegen ein paar Quadratkilometern im Donbass“ aufs Spiel zu setzen, hatte der US-Politiker noch beim Weltwirtschaftsforum in Davos gesagt. Kissinger führt nun aus, was er damit gemeint hat, schildert drei mögliche Szenarien eines Kriegsendes - und welches er für das richtige hält.

Realpolitiker Henry Kissinger eckt mit Ukraine-Äußerung in Davos an

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger prägte viele Meilensteine der Weltgeschichte. Dazu gehörten etwa die Rüstungsbegrenzung zwischen den USA und der Sowjetunion in den 70er Jahren, die Roadmap für Israel und die Palästinensergebiete oder der Friedensvertrag im Vietnamkrieg - für den er 1973 den Friedensnobelpreis erhielt. Der Harvard-Absolvent mit deutschen Wurzeln, der 1938 vor den Nazis fliehen musste, gilt jedoch auch als Realpolitiker ohne Skrupel.

Während des Weltwirtschaftsforums in Davos hatte der in Fürth geborene Politiker für einige Äußerungen Kritik geerntet. Er hatte der Ukraine geraten, Gebiete an Russland abzutreten, um ein Friedensabkommen möglich zu machen. Eine demütigende Niederlage Russland hingegen würde die Stabilität Europas langfristig in Gefahr bringen, warnte Kissinger. Die Ukraine reagierte erbost, insbesondere ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj. „Es ist gut, dass die Ukrainer in den Gräben keine Zeit haben, den ,Davoser Panikmachern‘ zuzuhören. Sie sind etwas damit beschäftigt, Freiheit und Demokratie zu verteidigen“, schrieb der Berater des ukrainischen Präsidenten Mykhailo Podolyak auf Twitter. Im Interview mit dem Magazin The Spectator nennt der Altvater der US-Politik nun Details - und will sogar einen Stimmungswandel bei Selenskyj erkannt haben.

Mögliches Ende des Ukraine-Kriegs: Russland verharrt an bisher eroberten Positionen

Drei Szenarien eines möglichen Kriegsendes gibt es aus Sicht von Henry Kissinger. In der ersten Option würde Russland die nun eroberten Gebiete halten. Damit hätte es 20 Prozent der Ukraine erobert und den größten Teil des Donbass, das in industrieller und landwirtschaftlicher Hinsicht wichtigste Gebiet des Landes. Zudem würde Russland auch ein Landstrich entlang des Schwarzen Meeres gehören. Wenn Russland bei dieser Position bliebe, wäre dies aus Kissingers Sicht ein Sieg für Putin - trotz der zahlreichen Rückschläge zu Beginn des Krieges. In diesem Szenario wäre die Rolle der Nato nicht so maßgebend, wie man bislang angenommen hätte.

Zweiter möglicher Kriegsausgang: Der Versuch, Russland von bislang eroberten Gebieten zu verdrängen

Russland hatte im Jahr 2014 die ukrainische Halbinsel Krim gewaltsam an sich gerissen und in sein Staatsgebiet eingegliedert. Diese völkerrechtswidrige Krim-Annexion gilt als Beginn des Russisch-Ukrainischen-Krieges, nicht erst das Jahr 2022. Kissinger schildert im zweiten Szenario was geschähe, wenn der Versuch unternommen würde, Russland aus den Gebieten zurückzudrängen, die es vor dem Ukraine-Krieg erobert hatte - einschließlich der Krim. In diesem Fall würde sich die Frage eines Krieges mit Russland selbst stellen, wenn der Krieg weiterginge, so Kissinger. Es ginge dann nicht mehr um die Freiheit der Ukraine, sondern um einen neuen Krieg mit Russland.

Drittes Szenario: Ukraine behält das Staatsgebiet wie nach 2014 bei

Das dritte Szenario habe er bereits in Davos geschildert, erinnert der ehemalige US-Außenminister und bezieht sich dabei auf seine vielkritisierten Äußerungen. „In seinen jüngsten Äußerungen hat er im Wesentlichen akzeptiert, was ich in Davos dargelegt habe“, sagt Kissinger über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. „Er gab der Financial Times [am 7. Juni] ein Interview, in dem er das Grundgerüst im wesentlichen akzeptierte“, zeigt sich der 99-Jährige vom Gesinnungswechsel Selenskyjs überzeugt.

Demnach solle die Grenze idealerweise wiederhergestellt werden, wie sie nach 2014 einmal war. Wenn man Russland an militärischen Eroberungen hindern könne „und wenn die Kampflinie in die Position zurückkehrt, in der der Krieg begann, dann ist der aktuelle Überfall besiegt“, beschreibt der ehemalige US-Außenminister dieses Szenario. Dann hätte die Ukraine das Staatsgebiet nach 2014, wäre wiederbewaffnet und eng mit der Nato verbunden - wenn nicht sogar ein Teil des Bündnisses.

Der US-Politiker räumt zwar ein, dass damit noch nicht alle Probleme geklärt wären. Dennoch skizziert er eine Zukunft, in der die verbleibenden Probleme in Verhandlungen geklärt werden könnten. Zwar wäre die Situation für eine Weile „eingefroren“, räumt Kissinger ein, doch wie man in der Wiedervereinigung von Europa gesehen habe, könne es im Laufe der Zeit eine Annährung geben, bleibt der Realpolitiker optimistisch.

Ukraine-Krieg: Dieses Kriegsende ist aus Sicht Kissingers ein „Erfolg für die Verbündeten“

Ein Urteil darüber, wie das Ergebnis der Verhandlungen auszusehen habe, wolle er nicht abgeben, so der Altpolitiker. Doch Kissinger betont auch, dass ein Wiederherstellen der Grenzen nach 2014 „als substanzieller Erfolg für die Verbündeten“ gewertet werden könnte. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht wie ein Gewinn des Westens aussieht. Denn die Nato wäre durch den Beitritt von Schweden und Finnland gestärkt und die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen geschützter. Die Ukraine hätte die größte konventionelle Bodentruppe in Europa, die mit der Nato verbunden ist oder sogar ein Mitglied des Verteidigungsbündnisses ist.

Russland hätte man gezeigt, dass die Angst vor einem russischen Einmarsch, die seit dem Zweiten Weltkrieg über Europa schwebte, durch ein Eingreifen der Nato verhindert werden kann. „Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte würde Russland mit der Notwendigkeit konfrontiert werden, mit ganz Europa zu koexistieren, statt mit der Atommacht USA als Verteidiger Europas“, so das Politik-Urgestein. Damit wären die geopolitischen Probleme allerdings noch nicht vom Tisch. Kissinger zufolge sollte man sich heute sogar mehr um China als um Russland sorgen.

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