1. Startseite
  2. Politik

„Brutale Verhöre“: Russland schickt angeblich zahlreiche Ukrainer in „Filtrationslager“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Bettina Menzel

Kommentare

Russische Soldaten stehen in der Ostukraine neben dem Bild einer ukrainischen Frau mit einer roten Flagge.
Russische Soldaten stehen in der Ostukraine neben dem Bild einer ukrainischen Frau mit einer roten Flagge. Moskau soll seit Beginn des Überfalls im Februar zehntausende Ukrainer gewaltsam verschleppt haben (Archivbild vom 30. April). © picture alliance/dpa/AP | Alexander Zemlianichenko

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs soll Moskau nach US-Angaben zehntausende Ukrainer gewaltsam verschleppt haben und „Filtrationslager“ betreiben.

Kiew - Die Ukraine hatte vor Beginn des russischen Angriffskriegs etwa 40 Millionen Einwohner. Seit Kriegsbeginn sind bereits mehr als sechs Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Das geht aus Angaben des UN-Flüchtlingswerk UNHCR vom Donnerstag (12. Mai) hervor. Doch nicht alle schafften es zu fliehen. Tausende Menschen starben - und zehntausende Ukrainer sollen US-Angaben zufolge nach Russland verschleppt worden sein, viele davon in sogenannte „Filtrationslager“.

USA und OSZE bestätigen: Zehntausende ukrainische Bürger seit Kriegsbeginn gewaltsam verschleppt

Schon Ende April wurden Vorwürfe von Seiten der Ukraine laut, dass Russland Menschen deportiere. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte speziell sogenannte „Filtrationslager“ kritisiert, die das russische Militär eingerichtet habe. In Kriegszeiten ist es oft schwierig, Informationen der Konfliktparteien unabhängig zu verifizieren. Doch nun greifen US-Angaben sowie Aussagen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Deportation zahlreicher Menschen wieder auf.

Demnach soll Moskau seit Beginn des russischen Angriffskriegs nach US-Angaben zehntausende Ukrainerinnen und Ukrainer gewaltsam verschleppt haben und Tausende in Filtrationslager verbracht haben. Allein aus der belagerten Hafenstadt Mariupol seien tausende Menschen nach Russland oder in russisch kontrolliertes Gebiet gebracht worden, sagte der US-Botschafter bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Michael Carpenter, am Donnerstag (12. Mai) in Wien. Mehrfach hatte die Ukraine bereits kritisiert, dass Fluchtkorridore - etwa aus der umkämpften Hafenstadt Mariupol - nur die Ausreise nach Russland erlaubten.

OSZE-Bericht über Ukraine-Krieg: Augenzeugen schildern Situation in „Filtrationslagern“

„Wie viele Augenzeugenberichte ausführlich beschrieben haben, unterzieht Russland viele Zivilisten brutalen Verhören in [...] ‚Filtrationslagern‘“, sagte der OSZE-US-Botschafter Michael Carpenter am Donnerstag in Wien. „Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Häftlingen die Handys weggenommen, Passwörter [...] erzwungen, soziale Medien und Nachrichten nach Anzeichen von Widerstand gegen Russlands barbarischen Krieg [...] durchsucht und in einigen Fällen Pässe beschlagnahmt wurden.“

Weitere Augenzeugenberichte würden auch von Schlägen und Folter handeln. Bei wem eine starke Anhängerschaft zum ukrainischen Staat festgestellt werde, werde den Berichten zufolge in die sogenannte „Volksrepublik Donezk“ überstellt, „wo ihnen ein dunkles Schicksal bevorsteht“, so Carpenter. „Wenn eine Person verdächtigt wurde, ein ‚ukrainischer Nazi‘ zu sein, brachten sie sie zur weiteren Untersuchung oder Ermordung nach Donezk“, soll ein Überlebender berichtet haben. „Alle hatten Angst, nach Donezk gebracht zu werden.“

Eine andere Überlebende habe von einem Gespräch erzählt, das sie zwischen zwei russischen Soldaten mitgehört hatte, als sie und ihre Familie außerhalb von Mariupol „filtriert“ wurden. „Was hast du mit Leuten gemacht, die die ‚Filtration‘ nicht bestanden haben?“ soll ein Soldat einen anderen gefragt haben. Die Antwort: „10 erschossen - und aufgehört zu zählen.“ Diese Vorgänge seien Kriegsverbrechen, sagte US-Botschafter Michael Carpenter vor dem Ständigen Rat der OSZE am Donnerstag in Wien.

Es ist nicht das erste Mal, dass Russland im Ukraine-Krieg Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Der UN-Menschenrechtsrat hatte am Donnerstag mit überwältigender Mehrheit für eine Untersuchung mutmaßlicher russischer Kriegsverbrechen in der Ukraine gestimmt.

Ukrainische Regierung geht von 1,2 Millionen Verschleppten aus - und spricht von „Konzentrationslagern“

Die Schätzungen der ukrainischen Regierung zur Anzahl der verschleppten Ukrainer liegt noch höher: Kiew geht davon aus, dass Russland seit Beginn des Angriffs am 24. Februar knapp 1,2 Millionen Einwohner deportierte. Nach Angaben der Ombudsfrau Lyudmyla Denisowa soll Moskau auch mindestens 200.000 Kinder verschleppt haben. Kiew geht ebenfalls davon aus, dass das russische Militär „Filtrationslager“ betreibt.

Russischen Angaben zufolge dienen die Lager dem Zweck, eventuelle Kämpfer Selenskyjs von Zivilisten zu trennen. Der ukrainische Präsident kritisiert diese Darstellung Russlands vehement. „Der ehrliche Name dafür ist ein anderer - das sind Konzentrationslager. So wie sie die Nazis seinerzeit gebaut haben“, sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache Ende April. „Unter anderem deportieren sie Kinder - in der Hoffnung, dass sie vergessen, wo sie herkommen, wo ihr Zuhause ist“, so Selenskyj weiter. Prüf- und Filtrationslager haben in Russland eine lange Geschichte: Die Sowjetunion unterhielt solche Lager während des Zweiten Weltkrieges und auch noch in der Nachkriegszeit, um „Staatsfeinde“ aufzuspüren. (bm mit Material der dpa und afp)

Auch interessant

Kommentare