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Kritik an Ukraine-Lage in Russland wächst – steckt „Putins Koch“ dahinter?

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Von: Nadja Zinsmeister

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Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin ist auch als „Putins Koch“ bekannt. Die Aufnahme zeigt ihn in Moskau. (Archivfoto) © imago stock & people / Imago Images

Die Veröffentlichung eines Beschwerdebriefs gegen russische Kriegs-Offiziere schlug in Russland hohe Wellen. Steckt ausgerechnet ein Vertrauter Putins dahinter?

München/Kiew/Moskau - Mehr als acht Monate lang dauert der Ukraine-Krieg nun an. Beide Seiten haben dabei zahlreiche Verluste verzeichnen müssen, doch seit einiger zeit nehmen die Zahlen der Toten insbesondere an der russischen Front zu. Die jüngste verlorene Schlacht in Pawliwka soll dabei hohe Wellen im eigenen Land geschlagen haben. Die Kritik an die russische Kriegsführung im eigenen Land wächst damit zunehmend - und übt Druck auf den Kreml aus.

Russische Milblogger veröffentlichten am 6. November einen Beschwerdebrief der 155. Marineeinfanterie-Brigade an ihren Gouverneur der Region Primorje, Oleg Koschemjako. Das Schreiben wurde auf dem Telegram-Kanal von „Grey Zone“ veröffentlicht. Darin heißt es, der russische General Muradov sowie sein Cousin Achmedov hätten die Brigade in eine laut ihnen „sorgfältig geplante“ Offensive gegen das südöstlich der Ukraine gelegene Dorf Pawliwka geschickt. Doch innerhalb von nur vier Tagen soll die Brigade bei dem Angriff bereits rund 300 Soldaten sowie die Hälfte der Ausrüstung verloren haben. Mit dem Brief will die Brigade Druck auf die Regierung ausüben, die Schuld für die hohen Verluste läge ausdrücklich bei den Befehlshabern Muradov und Achmedov. In dem Brief wird deshalb eine unabhängige Untersuchung der Offiziere gefordert.

Video: Analyse - Putin verliert Kontrolle über Söldner-Chefs

Ukraine-Krieg: Russische Verluste schlagen hohe Wellen im Land

Auf den Aufschrei durch den veröffentlichten Brief folgte am 7. November eine seltene Antwort des russischen Verteidigungsministeriums. Darüber berichtete das Institute for the Study of War (ISW). Das Ministerium behauptete, dass in den letzten zehn Tagen weniger als ein Prozent der Brigade getötet worden und hohe Verluste stattdessen auf ukrainischer Seite verzeichnet worden seien. Auch Koschemjako äußerte sich demnach persönlich und wies die Schilderungen der Brigade als übertrieben ab. Er ging sogar so weit, das Schreiben als Produkt ukrainischer Sonderdienste zu verdächtigen.

Fakt ist, dass sich das russische Verteidigungsministerium bislang kaum zu Kritiken von Milbloggern geäußert hat. Dass es nun öffentlich auf den Beschwerdebrief reagierte, zeigt den Druck, den die Blogger zunehmend ausüben. „Der Diskurs über das weit verbreitete Versagen des russischen Militärapparats ist über den Informationsraum der Milblogger hinaus gedrungen und färbt zunehmend die soziale Dynamik“, beschreibt das ISW die Situation in Russland. Seit der Teilmobilisierung Ende September habe das ISW mehrmals beobachtet, „dass die Ehefrauen und Mütter russischer Militärangehöriger sich für ihre im Militär dienenden Verwandten einsetzten, indem sie sich an lokale Beamte und prominente russische Milblogger wandten“. Die gesellschaftlichen Spannungen in Russland werden sich laut dem Institut voraussichtlich noch weiter verschärfen, da das Verteidigungsministerium die systematischen Probleme zu lange außer Acht gelassen habe.

Milblogger veröffentlichen Kritik an Russlands Kriegsführung: Steckt „Putins Koch“ dahinter?

Dem Telegram-Kanal „Grey Zone“, der den Brief der Brigade veröffentlicht hatte, werden dabei Verbindungen zur Söldner-Truppe Wagner nachgesagt. Deren Chef ist bekanntermaßen der 61-jährige Jewgeni Prigoschin. Er gilt eigentlich als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putins. Neben der Söldnertruppe machte sich Prigoschin vor allem auch mit einem Gastronomieunternehmen und einem Restaurant im Parlamentsgebäude in Moskau einen Namen. Daraus ergab sich der Spitzname „Putins Koch“. Die aktuellen Entwicklungen im Land lassen jedoch einen zunehmenden internen Machtkampf vermuten. So hatte das ISW zuvor „eingeschätzt, dass Prigoschin nach seinem Treffen mit Geschäftsleuten aus dem Gebiet Kursk (...) Anstrengungen unternimmt, seine unabhängige Machtbasis zu stärken“. Zuletzt überraschte der Chef der Söldner-Truppe außerdem mit lobenden Worten für den ukrainischen Staatsoberhaupt Selenskyj.

Prigoschin und Putin
Prigoschin und Putin gelten als Vertraute – doch hinter den Kulissen brodelt es offenbar. (Archivbild) © Alexey Druzhinin/AFP

Prigoschin kann sich das alles leisten. Da Putin auf Prischogins Soldaten in der Ukraine angewiesen ist, muss er das Machtstreben wohl oder über in Kauf nehmen. „Russische Journalisten fragen Prigoschin oft nach seinen Ambitionen als künftiger Kremlchef“, heißt es in dem neuen ISW-Bericht weiter. „Auch wenn Prigoschin solche Ambitionen regelmäßig zurückweist, zeigen die Fragen danach, dass er ein öffentliches Bild von sich als ‚kommendem Mann‘ erzeugt hat. Allein diese Debatte untergräbt das Bild des einzig denkbaren russischen Herrschers, das Wladimir Putin in den vergangenen Jahrzehnten von sich aufgebaut hat.“

Die Berichte der Milblogger decken sich unterdessen mit den Zuständen, die durch Berichte russischer Soldaten an der Front ans Licht kommen. So schilderte erst vor wenigen Tagen ein überlebender Soldat gegenüber dem Guardian seine Erlebnisse aus einer Schlacht in Makijiwka, die sich im gleichen ukrainischen Bezirk wie Pawliwka befindet. „Ich sah, wie die Männer vor meinen Augen auseinandergerissen wurden, der größte Teil unserer Einheit ist weg, zerstört. Es war die Hölle“, wird Aleksei Agafonov von der Zeitung zitiert. Die Kommandeure seiner Einheit hätten sie kurz vor Beginn des Beschusses durch die Ukraine im Stich gelassen. Laut seinen Einschätzungen hätten nur rund 130 der 570 Soldaten den ukrainischen Angriff überlebt. Sollten diese Angaben stimmen, würde ihn das zum tödlichsten Zwischenfall mit Wehrpflichtigen seit Beginn der Teilmobilisierung machen. (nz)

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