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Ein Land schert aus: Putin-Fanatiker mitten in Europa - „Ein schändlicher Moment in unserer Geschichte“

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Von: Andreas Schmid

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Pro-Russland-Demonstrationen in Belgrad. Zu sehen sind Russland-Fahnen, Putin-Bilder und das „Z“, das Symbol russischer Kriegsfahrzeuge.
Pro-Russland-Demonstrationen in Belgrad. Zu sehen sind Russland-Fahnen, Putin-Bilder und das „Z“, das Symbol russischer Kriegsfahrzeuge. © Pavel Bushuyev/Imago

Weltweit wird gegen Russland protestiert - in Serbien gibt es aber auch Pro-Putin-Demos. Aktuell ist die traditionelle Russlandnähe des Landes besonders spürbar.

Belgrad - Eineinhalb Wochen nach der Eskalation im Ukraine-Konflikt sind am Wochenende wieder Menschen in aller Welt für ein Ende der Gewalt auf die Straßen gegangen.

In Serbien gibt es derweil auch fanatische Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Am Freitag zogen rund tausend pro-russische Demonstranten durch die Straßen der serbischen Hauptstadt Belgrad. Mit russischen Flaggen und Bildern von Kreml-Chef Putin. Viele skandierten dabei Nato-feindliche Parolen.

Ukraine-Krieg: Russland-Demo in Serbien - und das Bild der „Entnazifizierung“

Die Demonstranten griffen wohl auch das von Russland verbreitete Nazi-Narrativ auf. „Die Ukraine wird derzeit von Neonazis befreit“, sagte der 22-jährige Demonstrant Nikola Babic der Nachrichtenagentur AFP. Putin fordert für ein Ende des Krieges unter anderem die „Entnazifizierung“ der Ukraine.

Schon seit 2014 und dem Sturz des russlandfreundlichen Ukraine-Präsidenten Viktor Janukowitsch behauptet Moskau, dass „Nazis“ in Kiew die Macht übernommen hätten. In der Tat gibt es rechtsradikale Freiwilligenbataillone, die mittlerweile zum Teil in die Armee integriert worden sind. Bei Wahlen erhielten rechtsextreme Kandidaten aber stets nur einen Bruchteil der Stimmen.

Putins Begründung halten viele Beobachter daher für einen Vorwand, um im Geiste des sowjetischen Widerstands gegen den Hitler-Faschismus viele Russen und russischsprachige Ukrainer hinter sich zu bringen. Demonstrant Babic meint: „Die Russen - unsere Brüder - befreien das Land und hoffentlich die Welt.“ Es gibt Berichte, wonach die Proteste in Belgrad serbische Rechtsextreme organisiert haben.

Video: Rechtspopulistische Demo in Belgrad 

Ukraine-Krieg: Russland-Unterstützer in Serbien - zwischen EU und Moskau

Nicht wenige Serben unterstützen Putin. Eine Reihe serbischer Medien verteidigte in den vergangenen Tagen den Angriff auf die Ukraine. Serbien scheint dabei insgesamt gespalten. Einerseits ist das Land EU-Beitrittskandidat. Und sollte damit eigentlich mehr auf einer Linie mit dem Westen als Moskau liegen. Andererseits pflegt es gute Beziehungen zu Russland, ist energiepolitisch stark abhängig vom Rohstoffgiganten.

In der UN-Vollversammlung stimmte Serbien zwar für eine UN-Resolution, die den Angriff Russlands verurteilt. Tat dies aber wohl nur, weil in dem Papier keine Rede von Sanktionen war. Wie Serbiens russlandfreundlicher Präsident Aleksandar Vucic sagte, wird sein Land nämlich keine Sanktionen gegen Russland aussprechen.

Ukraine-Krieg: Serbien-Präsident Vucic im Wahlkampf - nur wenig Kritik an Russland?

Vucic brauchte ganze 40 Stunden bis er Russlands Invasion das erste Mal kritisierte. Den Namen Wladimir Putin nahm der 52-Jährige dabei nicht in den Mund, sagte: „Wir halten es für einen schweren Fehler, die territoriale Unversehrtheit eines Landes wie der Ukraine zu verletzen.“ Insgesamt vermeidet er aber den harten Russland-Kurs vieler europäischer Länder - aus politischem Kalkül? Vucic befindet sich längst im Wahlkampfmodus.

In Serbien gibt es eine nicht kleine prorussische Wählerschaft. Sie könnte am 3. April entscheidend werden, denn dann findet die Präsidentschaftswahl statt. Vucic ist im Land nicht unbeliebt, steht aber wegen seiner Corona-Politik in der Kritik. Ohne das Parlament mit einzubeziehen, verhängte er den Notstand. Das schränkte die Freiheitsrechte der Bevölkerung stark ein - und könnte dem Mann, der bei der vergangenen Wahl einen klaren Sieg gefeiert hat, womöglich Wählerstimmen kosten.

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und Kreml-Chef Wladimir Putin bei einem Besuch im November 2021.
Verstehen sich gut: Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und Kreml-Chef Wladimir Putin bei einem Besuch im November 2021. © Mikhail Klimentyev/Imago

In Serbien gibt es freilich auch Menschen, die einen härteren Russland-Kurs inklusive Sanktionen fordern. Auch vereinzelte Demonstrationen gegen den Krieg finden statt. Diesen Russland-Kritikern sagte Vucic zuletzt: „Ich bin nur noch wenige Tage Präsident, in einem Monat sind Wahlen. Dann stimmt doch für diejenigen, die sofort Sanktionen gegen Russland einführen möchten.“ Er zeichnete ein düsteres Szenario, was im Falle russischer Sanktionen auf Serbien zukommen würde. „Ich frage Sie, wie wollen Sie dem Volk dann erklären, dass Russland dann drei Tage später sagt, dass sie die territoriale Integrität Serbiens im Uno-Sicherheitsrat nicht unterstützt?“

Ukraine-Krieg: Ex-Botschafter über Serbiens Russland-Bild - „schändlich“

Der frühere serbische Botschafter Ivo Viskovic kritisiert das Bild, das Serbien derzeit abzugeben scheint. „Ich denke, das ist ein nicht gerade ruhmreicher - oder um es offen zu sagen: ein schändlicher - Moment in unserer Geschichte“, sagte Viskovic der ARD.

„Denn weder das ukrainische Volk, noch die ukrainische Führung haben Serbien je etwas Schlechtes getan. Und von unserer Seite wird das leider im Moment mit einer ziemlich großen Gleichgültigkeit den Opfern gegenüber vergolten.“ Eine Gleichgültigkeit, die am Freitag in Belgrad in offene Putinverherrlichung münzte. Alle Informationen zum Ukraine-Krieg finden Sie im News-Ticker zu den Verhandlungen im Ukraine-Krieg und zur militärischen Lage im Ukraine-Krieg. (as mit Material der AFP)

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