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Gegenoffensive der Ukraine? Russland nennt sie gescheitert und „Illusion für den Westen“

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Von: Patrick Freiwah

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Wie viel ist die Gegenoffensive der ukrainischen Truppen gegen Russland wert?
Wie viel ist die Gegenoffensive der ukrainischen Truppen gegen Russland wert? © ZUMA Wire/Imago

Wie wirkungsvoll ist die Gegenoffensive im Ukraine-Krieg? Während Kiew von Erfolgen spricht, erklärt Russland diese schon jetzt für gescheitert. Ein Experte nimmt Stellung.

Moskau/Kiew - Die Gemengelage im Ukraine-Krieg ist weiter unklar: Russland und die Armee des Nachbarlandes liefern sich erbitterte Kämpfe in den Gebieten der Ostukraine sowie der Krim. Während die Truppen unter Befehligung von Kiew den russischen Angreifern Widerstand leisten, gibt es unterschiedliche Statements im Hinblick auf die Chancenverteilung.

Wie genau die militärischen Erfolgsaussichten der Ukraine aufgrund der vorgenommenen Gegenoffensive in den Gebieten um Cherson einzuschätzen sind, darüber kann hierzulande nur gerätselt werden. Eine Sprecherin des ukrainischen Südkommandos hatte jüngst erklärt, die Gegenangriffe hätten „den Feind zweifellos geschwächt“ und Truppen der Ukraine hätten russische Frontlinien im in dem Gebiet durchbrochen.

Ukraine und der Kampf um Cherson: Experte über Gegenoffensive und westliche Waffen

Auch der britische Geheimdienst teilt in seinen Lageberichten mit, dass die Ukrainer russische Streitkräfte stellenweise zurückdrängen und Schwachpunkte der russischen Verteidigungslinien ausnutzen können. Gegenüber n-tv.de gibt Sicherheitsexperte Joachim Weber jedoch zu bedenken, „dass das noch nicht viel heißen muss, da die russischen Truppen dort sicherlich etwas tiefer gestaffelt stehen“.

Der Politikwissenschaftler von der Uni Bonn erklärt in dem n-tv-Podcast, dass es aus seiner Sicht noch zu früh sei, um die Angriffe auf russische Stellungen bei Cherson als „große Gegenoffensive“ zu betiteln. Was Weber offenbar stutzig macht: „Generell gilt, wenn man eine große Offensive macht, spricht man nicht darüber, sondern versucht, seinen Gegner zu überraschen.“ Bereits seit Wochen habe die ukrainische Führung über die Pläne die Öffentlichkeit unterrichtet und von einer großen Befreiungsaktion gesprochen, führt der Sicherheitsexperte aus. „Für sie hängt politisch viel davon ab, dass diese Offensive gelingt“, bewertet Weber die Lage im Ukraine-Konflikt.

Nichtsdestotrotz hätten die vom Westen gelieferten Hightech-Waffensysteme eine positive Wirkung: „Die Ukraine hat es anscheinend sehr erfolgreich geschafft, russische Nachschublinien zu stören und Munitionsdepots teilweise zu zerstören.“ Ihm zufolge habe Russland derzeit Probleme mit materiellem Nachschub, dazu käme ein Mangel an „einigermaßen ausgebildetem Personal“.

Russland nimmt Stellung zu Gegenoffensive: „Feind erleidet hohe Verluste“

Die (öffentliche) Bewertung des Kriegsgegners der Ukraine lautet anders. Aus Sicht von Russlands Verteidigungsminister ist die von der Ukraine gestartete Gegenoffensive bereits weitgehend gescheitert: „Die ukrainischen Streitkräfte setzen den Versuch von Angriffen im Raum zwischen Mykolajiw und Krywyj Rih und in anderen Richtungen fort, der Feind erleidet hohe Verluste“, erklärte Sergej Schoigu bei einer Sitzung des Ministeriums, die auf Telegram veröffentlicht wurde.

Derweil gibt es Wirbel um den von Russland in der Region installierten Gouverneur: Kirill Stremousouw sendete per Video einen emotionalen Appell aufgrund der ukrainischen Offensive, hat selbst jedoch angeblich die Flucht ergriffen:

Geht es nach dem Kreml-Vertreter, sei es bei der Offensive Kiews einziges Ziel, „bei den westlichen Kuratoren die Illusion zu erzeugen, die ukrainische Armee sei zu Angriffen fähig.“ Bei der Umsetzung der jeweiligen Ziele gibt es wie so oft widersprüchliche Angaben: Ziel der Ukraine ist es angeblich, die westlich des Dnipro stehenden russischen Truppen in Cherson hinter den Fluss zurückzutreiben. Jedoch erklärte Schoigu dazu, die russischen Truppen seien an die Grenze zur benachbarten Region Mykolajiw vorgestoßen. Unabhängig prüfen lassen sich die Angaben aus deutscher Sicht nicht.

Ukraine-Krieg: Wirkungsvolle Gegenoffensive? Sicherheitsexperte mahnt zur Vorsicht

Das betrifft auch die angeblichen Erfolge des Landes von Wladimir Putin in der Ostukraine: Zuletzt sei von der Armee der Ort Pisky direkt vor Donezk eingenommen worden. Kreml-nahe Quellen hatten diese Einnahme jedoch bereits vor einem Monat vermeldet.

Egal ob aus der Ukraine oder auch aus Russland: Joachim Weber mahnt zur Vorsicht, wenn es um eine realistische Einschätzung der Situation in den umkämpften Gebieten geht: „Wir müssen wirklich an jeder Stelle und in beide Richtungen vorsichtig sein. Ich bin wenig geneigt, jetzt der einen oder der anderen Seite sehr viel zu glauben.“ Man werde eine Zeit lang mit Interpretationen auskommen müssen, welche die am Krieg beteiligten Länder von sich geben, so seine Bewertung. (PF)

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