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Ukraine-Krieg: Droht Kiew das „Grosny-Szenario“? Militär-Experte schildert mögliche Russland-Strategie

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Von: Andreas Schmid

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Ein Bild aufgenommen vor 22 Jahren: Eine Frau verlässt ihre zerbombte Heimat Grosny.
Ein Bild aufgenommen vor 22 Jahren: Eine Frau verlässt ihre zerbombte Heimat Grosny. © -/picture alliance/dpa

Grosny - eine Stadt in Trümmern, vom Krieg gezeichnet. Droht Kiew im Ukraine-Konflikt ein ähnliches Szenario?

Kiew/Grosny - Der Ukraine-Krieg läuft. Russische Truppen haben die Hauptstadt Kiew als eines ihrer Kernangriffsziele auserkoren. Ohnehin konzentriert sich Russland auf größere Städte. Nach der Einnahme der wichtigen Hafenstadt Cherson attackierten die russischen Streitkräfte am Donnerstag (3. März) unter anderem die Städte Tschernihiw im Norden und Mariupol im Süden.

In Kiew, wo es die letzten Tage mehrere Explosionen gegeben hatte, scheint die Lage weitgehend unter Kontrolle. Doch das könnte sich laut einem Militärexperten ändern - sofern sich Russland noch mehr auf die Hauptstadt fokussiert, wie es das schon vor gut 25 Jahren getan hat. Als unrühmliches Vorbild gilt die Stadt Grosny, die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien.

Ukraine-Krieg: Trümmerfeld Grosny - ein Szenario für Kiew?

Grosny wurde in den beiden Tschetschenienkriegen stark zerstört. Grund war der Konflikt zwischen der autonomen Republik Tschetschenien und Russland. Im ersten Tschetschenienkrieg (1994-96) konnten tschetschenische Kämpfer Russland besiegen. Tschetschenien war damit de facto unabhängig. Durch die beiden Kriege wurde allerdings ein Großteil von Grosny und dessen Infrastruktur zerstört. Der wochenlange Beschuss russischer Artillerie hinterließ seine Spuren. 2002 bezeichneten die Vereinten Nationen Grosny als die am schwersten zerstörte Stadt der Welt.

Zwischen 100.000 und 200.000 Menschen sind in beiden Kriegen gestorben. Laut dem Kaukasus-Experten Uwe Halbach „bildeten die Tschetschenienkriege die schlimmsten Gewaltereignisse im postsowjetischen Raum“, wie er der ARD sagte. Erst 2009 beendete Moskau den Militäreinsatz in der inzwischen vom Kreml-treuen Präsidenten Ramsan Kadyrow regierten Kaukasusrepublik.

Wichtige Informationen zum Hintergrund der Ukraine-Krise.

Bürger in Grosny gehen durch eine Trümmerlandschaft von zerbombten Häusern.
Menschen in Grosny gehen durch eine Trümmerlandschaft von zerbombten Häusern. Zum Zeitpunkt der Aufnahme lag der gewaltsame Einmarsch der russischen Truppen in das abtrünnige Tschetschenien nur einen Monat zurück. (Archivfoto) © epa Oleg Nikischin/picture alliance

Ukraine-Krieg: Experte über Russland-Strategie - „frontaler, brachialer Ansatz“ in Kiew?

Droht Kiew im Ukraine-Konflikt nun ein ähnliches Szenario? Ein Fokus auf die größte Stadt, um dort spürbaren Schaden anzurichten? „Die russischen Streitkräfte sind zuallererst eine Artillerie-Armee“, erklärt der Wiener Militärexperte Franz-Stefan Gady der ARD-„Tagesschau“. Das bedeutet: Die russische Armee setzt „auf Feuerkraft“, die gemeinsam mit Luftangriffen und großflächigen Bombardements die Bevölkerung einschüchtern und den eigenen Truppen den Weg freischaffen soll. Diesen „frontalen, brachialen Ansatz“ werde man auch in Kiew sehen, meint Gady.

Den russischen Truppen gehe es darum, eine längere Auseinandersetzung zu vermeiden. Gady zeichnet daher folgendes Szenario: Russland könnte um Kiew herum einen Belagerungsring bilden. Dann könnte die Bevölkerung mit gezielten Bombenangriffen und Artilleriebeschuss eingeschüchtert werden. Die am Donnerstag offiziell bestätigten humanitären Korridore könnten dafür sorgen, dass die Bewohner die Stadt lebend verlassen. Das würde einerseits dafür sorgen, dass die eher auf den ländlichen Raum spezialisierten Russland-Truppen durch jene Korridore leichter in der Stadt zurechtkommen und andererseits „die internationale Reputation Russlands nicht komplett zerstört“ werde, wie Gady meint. Zivilpersonen blieben verschont - die Stadt aber womöglich nicht. Der Ukraine-Krieg in Kiew: Die interaktive Karte zeigt eine Hauptstadt unter russischem Beschuss.

Die Russen wollen den Ukrainern glauben machen, was in Tschetschenien passiert ist, werde auch in der Ukraine geschehen.

Russland-Experte Jean-Francois Ratelle

Ukraine-Krieg: Russlands Spiel mit der Angst vor dem Grosny-Szenario?

Die aktuellen Bilder aus Kiew zeichnen teils bereits ein verwüstetes Bild, von einer Situation wie in Grosny ist die ukrainische Hauptstadt aber noch weit entfernt. Russland würde allerdings bereits Angst vor einem Grosny-Szenario schüren, sagt der französische Russland-Experte Jean-Francois Ratelle. Etwa indem es Gerüchte verbreitet, wonach tschetschenische Kämpfer ins russische Militär aufgenommen werden sollen. Die Tschetschenen gelten nach den beiden Kriegen als besonders skrupellos.

Ratelle hält solche Gerüchte allerdings für psychologische Kriegsführung. Ziel sei es, den Ukrainern „glauben zu machen, was in Tschetschenien passiert ist, werde auch in der Ukraine geschehen: dass sie in der Stadt Amok laufen werden, dass geplündert, vergewaltigt und getötet werde“, zitiert die Zeitschrift Foreign Policy den Experten. Das Grosny-Szenario bleibt insgesamt wohl eins von mehreren Szenarien im Ukraine-Krieg. Alle Informationen zum Ukraine-Konflikt finden Sie in unserem News-Ticker zu den Verhandlungen im Ukraine-Krieg sowie zur militärischen Lage im Ukraine-Krieg. (as)

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