Ukraine-Krieg: Human Rights Watch schildert russische Attacke auf Zivilisten - „wahllose Angriffe“

Ein russischer Angriff tötete offenbar fliehende Zivilisten. Der anhaltende Beschuss deutet laut Human Rights Watch auf eine Verletzung der Kriegsgesetze hin.
Kiew - Eine genaue Todeszahl im andauernden Ukraine-Krieg* gibt es nicht - bloß Schätzungen von verschiedenen Seiten, die sich alle nicht unabhängig überprüfen lassen. Die dramatischen Bilder und Ereignisse in der Ukraine zeigen aber: Es sind viele Opfer, die der Krieg schon verlangte. Ein Frieden scheint bislang noch in weiter Ferne.
Hitzig diskutiert wird auch, wie sehr Zivilisten im russischen Fokus stehen. Russland hatte das Nachbarland Ukraine am 24. Februar angegriffen. UN-Angaben (Stand: 8. März) zufolge wurden mehr als 400 Zivilisten getötet. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht.
Ukraine-Krieg: Nato hält Berichte über Angriffe auf Flüchtende für sehr glaubwürdig
Die Nato geht davon aus, dass Angaben über russische Angriffe auf flüchtende Menschen in der Ukraine der Wahrheit entsprechen. „Es gibt sehr glaubwürdige Berichte, dass Zivilisten bei der Evakuierung unter Beschuss geraten“, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit Lettlands Präsidenten Egils Levits in Riga. „Zivilisten ins Visier zu nehmen, ist ein Kriegsverbrechen, und es ist vollkommen inakzeptabel“, ergänzte der Norweger. Man brauche richtige humanitäre Korridore, die uneingeschränkt respektiert würden. Russland beteuert immer wieder, es nicht auf Zivilisten abgesehen zu haben.
Human Rights Watch berichtet über Angriff in der Ukraine auf Zivilisten
Doch ein Bericht der Organisation Human Rights Watch stellt einmal mehr schreckliche Szenen dar. So schrieb die international agierende Organisation, die sich für Menschenrechte einsetzt, am Dienstag: „Am 6. März 2022 bombardierten russische Streitkräfte mehrere Stunden lang eine Kreuzung an einer Straße, die Hunderte von Zivilisten nutzten, um vor dem Vormarsch der russischen Armee in der Nordukraine nach Kiew zu fliehen.“ Mindestens acht Zivilisten sind nach Regierungsangaben dabei getötet worden.
Human Rights Watch berichtet über Zeugenaussagen und mögliche Videos von dem Angriff in Irpin, nahe Kiew. Demnach seien zwar ukrainische Sicherheitskräfte und Militärfahrzeuge an der Kreuzung gewesen, sie seien aber der großen Zahl an fliehenden Zivilisten vor dem Krieg in der Ukraine* weit unterlegen gewesen. Alle zehn Minuten ist laut einem Zeugen ein Geschoss in dem Bereich oder der Umgebung eingeschlagen. „Die Menschen rannten in alle Richtungen, um dem Beschuss zu entkommen.“
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Ukraine-Krieg: „Anlass zur Sorge, dass die russischen Streitkräfte wahllose oder unverhältnismäßige Angriffe durchführen“
„Zahlreiche Zivilisten, die aus der Nordukraine vor dem russischen Beschuss und einer möglichen Besetzung geflohen waren, wurden Opfer eines weiteren russischen Angriffs“, sagte Richard Weir, Krisen- und Konfliktforscher bei Human Rights Watch. „Die stundenlange Bombardierung eines Ortes, an dem sich Zivilisten auf der Flucht befanden, gibt Anlass zur Sorge, dass die russischen Streitkräfte wahllose oder unverhältnismäßige Angriffe durchführen und nicht alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um zivile Opfer zu minimieren.“
Untersuchungen der Organisation würden darauf hindeuten, dass die verwendeten Geschosse bei dem Angriff möglicherweise beobachtete wurden - also dass russische Truppen verfolgten, wo sie landen.
Verhandlungen im Ukraine-Krieg: Humanitäre Korridore offenbar nicht eingehalten
Human Right Watch schreibt weiter: „Die Konfliktparteien sollten alle durchführbaren Maßnahmen ergreifen, um die Zivilbevölkerung aus der Nähe von Kampfhandlungen oder militärischen Objekten zu entfernen.“ Wer für vorsätzliche oder rücksichtslose Angriffe verantwortlich sei, die zivile Objekte schädigten, könne wegen Kriegsverbrechen belangt werden. Auch die ukrainischen Streitkräfte müssten beispielsweise dafür sorgen, dass Zivilisten nicht in Gebiete mit aktiven Feindseligkeiten gelangen.
Russland und die Ukraine hatten auch nach ihrer dritten Verhandlungsrunde die Absicht zur Schaffung humanitärer Korridore in den umkämpften Gebieten bekräftigt. Doch es gibt aus verschiedenen Orten immer wieder Meldungen über den Bruch der Waffenruhen. (cibo/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.