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Atomkraftwerk in Ukraine eingenommen: Internationale Behörde wegen neuer Russland-Befehle „extrem besorgt“

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Von: Bettina Menzel

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Ukraine-Konflikt Atomkraftwerk Saporischschja Russland
IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi spricht bei einer Pressekonferenz über die Situation im Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine in Wien (Archivbild, 4. März 2022). © picture alliance/dpa/AP | Lisa Leutner

Das größte Atomkraftwerk Europas ist nun in russischer Gewalt. Die internationale Atomenergiebehörde zeigt sich „extrem besorgt“ und sieht das Sicherheitskonzept verletzt.

Saporischschja/Ukraine - In der Nacht von Donnerstag (3. März) auf Freitag besetzten russische Truppen im Ukraine-Krieg das größte Atomkraftwerk Europas in der Nähe von Saporischschja. Der ukrainische Präsident warf Putin vor, gezielt mit Panzern auf die Reaktorblöcke gezielt zu haben – das wäre ein Novum in der Geschichte. Mittlerweile ist zwar der Brand in der Nuklearanlage gelöscht und auch die Strahlungswerte scheinen nicht erhöht. Doch die internationale Atomenergiebehörde schlägt Alarm, denn das Kernkraftwerk ist unter russischer Kontrolle und wichtige Sicherheitskonzepte nicht mehr in Kraft.

Erstmalig in der Geschichte: Atomkraftwerk womöglich gezielt beschossen

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, lautet ein geflügeltes Wort, das oft dem US-Politiker Hiram Johnson zugeschrieben wird. Viele Informationen, die aus dem Ukraine-Krieg bekannt werden, können oftmals zunächst nicht unabhängig überprüft werden. Das gilt etwa für die Mitteilung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, dass Russland mit Panzern gezielt auf Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Saporischschja feuerte.

Manches lässt sich aber eindeutig belegen. So ist beispielsweise auf den Überwachungskameras des Atomkraftwerkes zu erkennen, dass auf dem Gelände der Nuklearanlage von Donnerstag auf Freitag Gefechte stattfanden und ein Gebäude in Flammen aufging. Auch als es bereits brannte, feuerten die Geschosse weiter. Dadurch konnten die Löscharbeiten erst in den frühen Morgenstunden beginnen. Sofern sich der gezielte Beschuss der russischen Truppen bewahrheitet, wäre dies ein Novum in der Geschichte. Denn die Tschernobyl-Katastrophe hatte menschliches und technisches Versagen als Ursache, bei Fukushima war es eine Naturkatastrophe.

Größtes Atomkraftwerk Europas im Ukraine-Krieg unter russischem Befehl – was das bedeutet

Die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zeigt sich angesichts der Situation in Europas größtem Atomkraftwerk „extrem besorgt“. Die Ukraine teilte der IAEA am Sonntag mit, dass das Kernkraftwerk zwar weiterhin durch reguläres Personal betrieben werde. Die Werksleitung stehe jedoch nun unter dem Befehl eines Kommandeurs der russischen Streitkräfte, dessen Zustimmung auch für alle Maßnahmen im Zusammenhang mit dem technischen Betrieb der sechs Reaktorblöcke nötig sei. Dies widerspreche dem Sicherheitskonzept bei Atomkraftwerken, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi. Das Personal müsse ohne Druck seine Sicherheitsaufgaben erfüllen können.

Auch die Kommunikation ist ein wichtiges Sicherheitsmerkmal in Nuklearanlagen. Diese sei derzeit in Saporischschja stark eingeschränkt. Russische Kräfte hätten einige mobile Netzwerke sowie das Internet abgestellt. „Zuverlässige Kommunikation zwischen der Aufsichtsbehörde und dem Betreiber ist ein entscheidender Teil der gesamten nuklearen Sicherheit und Sicherung“, sagte Grossi weiter. Auch im von russischen Truppen übernommenen Unglücksreaktor Tschernobyl soll die Kommunikation eingeschränkt sein. Mit dem abgeschalteten Kernkraftwerk ließe sich derzeit nur per E-Mail kommunizieren, teilt die IAEA mit.

Ukraine-Konflikt IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi zeigt sich angesichts der Situation in Saporischschja „extrem besorgt“
IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi zeigt sich angesichts der Situation in Saporischschja „extrem besorgt“ (Archivbild, 4. März 2022). © picture alliance/dpa/AP | Lisa Leutner

Ukraine-Krieg: Internationale Gemeinschaft verurteilt Russlands Vorgehen

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich empört über das Vorgehen Russlands. Die USA warfen Moskau bei der UNO in New York eine Gefährdung von Zivilisten in ganz Europa vor. Der Generalsekretär der Nato Stoltenberg sagte, der Angriff auf das AKW zeige die „Rücksichtslosigkeit“ Russlands im Ukraine-Krieg. Die Außenminister der G7-Gruppe der führenden demokratischen Wirtschaftsmächte forderten Russland auf, seine Angriffe im unmittelbaren Umfeld der ukrainischen Kernkraftwerke einzustellen. „Jeder bewaffnete Angriff und jede Bedrohung gegen zu friedlichen Zwecken genutzte Atomkraftanlagen stellt einen Verstoß gegen die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen, gegen das Völkerrecht und gegen das Statut der (Internationalen Atomenergie-Organisation) IAEO dar“, heißt es in einer am Freitag (4. März) nach G7-Beratungen in Brüssel veröffentlichten Erklärung.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte den Angriff auf die Nuklearanlage scharf und sprach von „Nuklear-Terrorismus“. Er wandte sich in einer Rede direkt an die russische Bevölkerung. „Wir haben 1986 gemeinsam gegen die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe gekämpft. Geht auf die Straße und kämpft für eine Welt ohne radioaktive Verseuchung“, rief der ukrainische Präsident die Menschen in Russland auf und fügt hinzu: „Die Strahlung weiß nicht, wo Russland ist!“

„Die Strahlung weiß nicht, wo Russland ist!“

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Entwarnung gab es zumindest in einem Punkt: Angaben der internationalen Atomenergiebehörde zufolge konnten in der Umgebung Saporischschjas keine erhöhte radioaktive Strahlung gemessen werden. Die Welt schrammte demnach knapp an einem noch größeren Unheil vorbei. Aus russischer Sicht könnten zudem schon bald Gespräche mit der Ukraine und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zur Sicherheit der ukrainischen Nuklearanlagen beginnen. Moskau unterstütze den entsprechenden Vorschlag von IAEA-Chef Rafael Grossi, sagte der russische Botschafter Michail Uljanow am Montag in Wien (dpa/afp/bme).

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