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Putins humanitäre Korridore und Waffenruhe in der Ukraine – Experten befürchten perfide Taktik dahinter

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Von: Mark Stoffers

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Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte und von AP zur Verfügung gestellte Bild zeigt Wladimir Putin, Präsident von Russland, während er mit Vertretern des Flugpersonals russischer Fluggesellschaften bei seinem Besuch der Aeroflot-Luftfahrtschule außerhalb von Moskau spricht.
Menschliche Geste oder alles nur taktische Kalkül? Bereits im Syrien-Krieg hat Putin unter Beweis gestellt, wie er Waffenruhen zu seinem militärischen Vorteil nutzt. © Mikhail Klimentyev | picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP

Der Syrien-Krieg könnte Rückschluss auf Putins Pläne im Ukraine-Konflikt zulassen. Bietet Russland humanitäre Korridore und Waffenruhen mit Hintergedanken an?

Kiew/Moskau – Der Ukraine-Konflikt nimmt immer beunruhigendere Ausmaße an. Am Samstag war die angestrebte Feuerpause rund Mariupol gescheitert, am Sonntag folgte der nächste Anlauf, den Einwohnern eine sichere Flucht zu ermöglichen: Nach übereinstimmenden Medienberichten sollten die Menschen seit 11.00 Uhr in der Lage sein, die Großstadt über den bereits vereinbarten humanitären Korridor zu verlassen. Doch dieses Unterfangen als humanitäre Geste Wladimir Putins im Ukraine-Krieg einzustufen, wäre nach Einschätzung des Experten Michael Horowitz ein gravierender Fehler.

Der Analyst der Denkfabrik Le Beck vergleicht Russlands Invasion der Ukraine vielmehr mit Putins taktischem und strategischem Handeln in Syrien. Dabei erkennt er diverse Parallelen. Der Bild erklärte Horowitz, Putin bringe das Konzept der humanitären Korridore mit einem Hintergedanken zurück. „Wer sich mit dem Syrienkonflikt beschäftigt hat, kennt dieses Konzept leider“, sagte Horowitz. Denn was zunächst harmlos erscheine, folge einer tödlichen Logik.

Putins perfide Geste im Ukraine-Krieg: Einrichtung von humanitären Korridoren – „Auftakt zu massiven Bombardierungen“

Mit der Errichtung der Korridore stelle Putin sicher, dass er im Ukraine-Krieg im militärischen Sinne die Spreu vom Weizen trennt. Mit schrecklichen Folgen für jene Bewohner, die sich nicht für die Evakuierung aus den eingekesselten Städten wie beispielsweise Mariupol entscheiden. Diese könnten in der Folge nicht mehr als Zivilisten, sondern vielmehr als militärische Ziele eingestuft werden.

„Sobald diese ‚Korridore‘ eingerichtet sind – unabhängig davon, ob sie wirklich die Evakuierung von Zivilisten ermöglichen oder nicht –, wird jede verbleibende Person als legitimes Ziel angesehen“, gibt der Analyst von Le Beck eine deutliche Warnung ab. „Mit anderen Worten: Unter dem Deckmantel einen ‚humanitären‘ Geste sind sie in Wirklichkeit der Auftakt zu massiven Bombardierungen.“

Humanitäre Korridore im Ukraine-Krieg: Putin und der Kreml manipulierten Waffenstillstände und Deeskalations-Abkommen

Diese These zu humanitären Korridoren unterstützt auch Anna Borschewskaya, Expertin am Washington Institut für Nahost-Politik. Die Wissenschaftlerin führt in einer Analyse zu Putins Vorgeschichte in der Manipulation von Waffenstillständen und humanitären Beschlüssen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit an. Auch in Syrien habe sich Putins Taktik durch ein ähnliches Vorgehen ausgezeichnet.

Der Kreml habe in Syrien schon mehrere Deeskalations-Abkommen ausgehandelt und dann gebrochen, nur um seine Position vor Ort zu festigen. Auch eine Reihe gebrochener Waffenstillstände in Syrien unter russische Aufsicht spreche nicht für Putins Willen, Vereinbarungen einzuhalten, folgert Borschewskaya im weiteren Verlaufe ihrer Analyse.

Einen bitteren Vorgeschmack auf diese denkbare perfide Taktik könnte Putin auch im Ukraine-Krieg bereits geliefert haben. Schließlich intensivierten die russischen Truppen nach den ersten gescheiteren Russland-Ukraine-Verhandlungen ihren Beschuss auf Charkiw. Ebenso könnte die Einrichtung des humanitären Korridors in Mariupol Teil dieser Strategie sein. Derweil berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, die Evakuierung der eingekesselten Stadt sei abermals gescheitert. Beide Seiten schieben sich gegenseitig die Verantwortung dafür zu.

Putins Taktik im Ukraine-Krieg: Verhandlungen führen, Zeit gewinnen, Streitkräfte neu positionieren

Die Erfahrung aus Syrien liefere einen bitteren Vorgeschmack auf das Agieren des Kreml, konstatiert Borschewskaya in ihrer Analyse. Es sei eine klare russische Taktik, mit Verhandlungen Zeit zu gewinnen, operative Kräfte neu zu positionieren und größeren strategischen Einfluss zu gewinnen.

In diesem Fall könnte die geplante Evakuierung von Mariupol ein ähnliches Ablenkungsmanöver gewesen sein, um den Sturm auf Kiew weiter vorzubereiten. Aktivisten berichteten zuletzt von einen weiteren Militärkonvoi, der in Richtung der ukrainischen Hauptstadt unterwegs sei.

Humanitäre Korridore als Ablenkungsmanöver im Ukraine-Krieg: Britisches Ministerium zieht ähnliche Schlüsse über Putins Taktik

Das britische Verteidigungsministerium hat laut Information des Senders Sky aus dem Verhalten im Fall Mariupols ähnliche Schlüsse gezogen. Demnach sei die vereinbarte Feuerpause in Mariupol „wahrscheinlich ein Versuch“ seitens Russland gewesen, „von der internationalen Verurteilung abzulenken und gleichzeitig die Streitkräfte für neue Offensiv-Angriffe zu formieren“, zitiert der Sender das britische Ministerium. In der Folge hatten die Streitkräfte Wladimir Putins die Angriffe nach der vereinbarten Feuerpause wieder aufgenommen.

Ob ein ähnliches Vorgehen nach dem erneuten Scheitern der Evakuierung von Mariupol folgt, lässt sich noch nicht absehen. Doch das bisherige Handeln Putins, auch in Syrien, könnte darauf hindeuten. Selbst wenn Russlands Präsident zu einem weiteren Dialog mit der Ukraine bereit sein soll – aber unter zwei Bedingungen. (mst)

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