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Kreml will offenbar Putin aus der Schusslinie nehmen: Ist der „Sündenbock“ schon gefunden?

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Von: Fabian Müller

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Bei der Militärparade in Moskau im Mai 2022: Verteidigungsminister Sergei Schoigu (l.), Präsident Wladimir Putin (M.) und Premierminister Dmitry Medwedew.
Bei der Militärparade in Moskau im Mai 2022: Verteidigungsminister Sergei Schoigu (l.), Präsident Wladimir Putin (M.) und Premierminister Dmitry Medwedew. © IMAGO/ITAR-TASS

Nach Geländegewinnen der Ukraine brodelt es in Russland. Ein Verantwortlicher soll nun ausgemacht worden sein.

Moskau - In den vergangenen Wochen lief der Krieg in der Ukraine aus russischer Sicht alles andere als nach Plan. Zunächst griffen ukrainische Truppen im Süden an und konnten Gebiete zurückerobern. Seit einigen Tagen läuft nun auch im Nordosten des Landes, in der Region Charkiw, eine großangelegte Gegenoffensive des ukrainischen Militärs. Hier waren die militärischen Erfolge noch eindeutiger, russische Soldaten mussten in großer Zahl den Rückzug antreten, teils sogar über die Grenze zurück nach Russland fliehen.

Im Kreml sucht man nun offenbar nach einem Verantwortlichen für die militärischen Verluste. Davon geht die US-amerikanische Denkfabrik „Institute for the Study of War“ (ISW) aus. Im Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin werde daran gearbeitet, ihn „von jeglicher Verantwortung für die Niederlage zu befreien“ und stattdessen „unzureichend informierten Militärberatern“ die Schuld für die Gebiets-Verluste in der Region Charkiw zuzuschieben, schreibt das ISW.

Krieg in der Ukraine: Kreml bestätigt Rückzug russischer Truppen aus Teilen der Ukraine

Im russischen Fernsehen hatte beispielsweise Bogdan Bezpalko, ein Mitglied des Kreml-Rates für interethnische Beziehungen, gefordert, dass die verantwortlichen Militärs „ihren Kopf auf den Schreibtisch“ des russischen Präsidenten legen sollten. Putin selbst soll nach Informationen des ISW ein Treffen mit den militärischen Befehlshabern zunächst vermieden haben.

Der Kreml hatte unlängst bestätigt, dass sich russische Truppen aus einigen Gebieten in der Ukraine zurückziehen werden, erklärte dies aber mit einer Regruppierung der Soldaten. Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums hatte am Samstag in Moskau erklärt, russische Soldaten würden beispielsweise aus der strategisch wichtigen Stadt Isjum abgezogen werden. Auch aus der Stadt Balaklija rückten Truppen ab.

Dass überhaupt ukrainische Fortschritte vom Kreml bestätigt werden, wertet das ISW als Zeichen für einen Wandel in der Kommunikation: „Das Eingeständnis der Niederlage durch den Kreml ist Teil der Bemühungen, die Kritik an einem so verheerenden Scheitern vom russischen Präsidenten Wladimir Putin abzuschwächen und auf das russische Verteidigungsministerium und das uninformierte Militärkommando abzulenken“, so die Analyse des ISW.

Krieg in der Ukraine: Verteidigungsminister Schoigu soll für Charkiw-Debakel verantwortlich gemacht werden

Ein Verantwortlicher wurde derweil bereits ausgemacht. „Es ist jetzt sehr wahrscheinlich, dass Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu Putins Sündenbock wird“, zitiert der US-amerikanische Fernsehsender CNBC einen Analysten. Samuel Ramani, geopolitischer Analyst und Associate Fellow am Royal United Services Institute, sagte, ebenfalls bei CNBC: „Das ist eine peinliche Niederlage für die Russen.“ Er sehe derzeit aber noch keine Anzeichen dafür, dass Verteidigungsminister Schoigu um sein Amt bangen muss. „Putin wird Schoigu behalten, um die Kritik zu ertragen, während er weiterhin Kommandeure auf niedriger Ebene feuert.“ Zwei Kommandeure seien laut Ramani in den vergangenen Wochen alleine im westlichen Militärbezirk entlassen worden.

Beobachter des Kreml sehen zunehmend Anzeichen, dass es um Putin herum brodelt. Selbst der stets linientreue Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow sieht Fehler in der russischen Kriegsführung. „Wenn nicht heute oder morgen Änderungen an der Durchführung der militärischen Spezialoperation vorgenommen werden, bin ich gezwungen, zur Staatsführung zu gehen, um ihr die Lage vor Ort zu erklären“, erklärte Kadyrow zuletzt via Telegram. Das russische Verteidigungsministerium habe „Fehler gemacht“, zitierte die New York Times aus der Audionachricht. Die russischen Behörden hätten beispielsweise den Rückzug der Truppen der russischen Öffentlichkeit nicht ausreichend erklärt.

Video: Ukraine-Krieg: In Cherson wird die ukrainische Gegenoffensive fortgesetzt

Auch russische Politiker verschärfen den Tonfall: Die Abgeordnete Xenia Torstrem schrieb am Dienstagmorgen auf Twitter: „Wir finden, dass die Handlungen von Präsident W. W. Putin Russlands Zukunft und seinen Bürgern schaden.“ Sie veröffentlichte zudem eine Petition, die den Rücktritt des Präsidenten fordert. Die direkten Auswirkungen solcher Protestaktionen dürften äußerst gering sein, dennoch sind sie nicht ungefährlich. Denn sie machen deutlich: Die Stimmung im Land droht zu kippen. (fmü)

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