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Finnland hat es vorgemacht: So kann die Ukraine Russland abwehren

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Finnische Truppen in Schneeuniformen gehen im sogenannten Winterkrieg 1939/1940 an der Frontlinie in Stellung und greifen russische Positionen an.
Finnische Truppen in Schneeuniformen gehen im sogenannten Winterkrieg 1939/1940 an der Frontlinie in Stellung und greifen russische Positionen an. © dpa

Im Winterkrieg gelang es dem kleinen Finnland, sich erfolgreich gegen die scheinbar weit überlegene Sowjetunion zu wehren. Diese Parallelen dürften der Ukraine Hoffnung geben.

Helsinki/Köln – In Finnland ist Politik vor allem Sicherheitspolitik. Das Fünfeinhalb-Millionen-Einwohner-Land ist einer der wehrhaftesten Staaten Europas. Das hat einen Grund: Russland. Denn mit seinem riesigen Nachbarland teilt Finnland eine über 1.000 Kilometer lange Grenze. Und die Vergangenheit zeigt: Die vor 30 Jahren untergegangene Sowjetunion scheute einst nicht davor zurück, diese Grenze zu übertreten.

So geschehen im Winterkrieg 1939/1940, als die Rote Armee Finnland wegen angeblicher Sicherheitsbedenken überfiel. Mit einem ähnlichen Argument führt Russland seit dem 24. Februar den Ukraine-Krieg. „Finnland blickt auf eine lange Geschichte von Kriegen mit Russland zurück. Im Laufe der Zeit hat Russland Finnland, das bis 1808/1809 noch Teil Schwedens war, mindestens einmal im Jahrhundert angegriffen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Minna Ålander vom Finnish Institute of International Affairs dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. Und auch, wenn besagter Winterkrieg in einem Waffenstillstand endete und Finnland Gebiete an die Sowjetunion abtreten musste, „gelang es Finnland, das Wichtigste zu verteidigen: seine Souveränität“, twitterte Ålander am 13. März zum Jahrestag des Winterkrieges.

Ukraine-Krieg: Vergleich mit Finnland, das im Winterkrieg 1939/1940 die damalige Sowjetunion demütigte

Seit Beginn des russischen Überfalls kursieren daher viele Vergleiche zwischen Finnland und der Ukraine. Das liegt nahe, denn in beiden Fällen scheint es wie ein Kampf zwischen David und Goliath. Allen Erwartungen zum Trotz gelang es Moskau nicht, die eigentlich militärisch unterlegene Ukraine innerhalb weniger Monate einzunehmen. Stattdessen entwickelt sich der Ukraine-Krieg immer mehr in Richtung eines Abnutzungskrieges mit wenig bis kaum Bewegung an der Frontlinie.

Für einen möglichen Ausweg wandert der Blick in die Geschichtsbücher. Die Finninnen und Finnen fügten der Roten Armee im Winterkrieg eine empfindliche Niederlage zu – und verhinderten eine Besetzung durch das Nachbarland. „Wir Finnen haben es in unserer DNA, dass von Russland eine imperialistische Bedrohung ausgehen kann“, sagt dazu der finnische Europaabgeordnete (EVP) Petri Sarvamaa dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. Nicht verwunderlich also, dass Helsinki in die Nato drängt – notfalls auch ohne Schweden. Doch wie schaffte das kleine Finnland es einst, die übermächtige Sowjetunion erst zurückzuschlagen – und sie dann zehn weitere Wochen bis zu einem Waffenstillstand in Schach zu halten? Elizabeth Braw, Expertin für die Abwehr neuer Bedrohungen für die nationale Sicherheit, hat in einem Beitrag für das US-Magazin Foreign Policy genau das analysiert.

Sie sagt: „Die Befehlshaber der Roten Armee gingen davon aus, dass Tolvajärvi ein Kinderspiel sein würde, so wie der frühere sowjetische Führer Josef Stalin mutmaßte, dass die gesamte Invasion Finnlands ein Spaziergang sein würde.“ Ähnliches dürfte zu Beginn der russischen Invasion Kreml-Chef Wladimir Putin über die Ukraine gedacht haben. Beide irrten. Und so ergab sich die damalige Stärke der finnischen Armee im Kampf gegen die Rote Armee allein schon daraus, dass Stalin nicht auf einen solchen Widerstand vorbereitet war. Offiziellen Zahlen zufolge starben im Winterkrieg 70.000 Finnen, die Verluste der sowjetischen Armee wird auf ein vielfaches davon geschätzt. Brawn zufolge soll es sich gar um fünffach höhere Verluste handeln.

Finnlands Verteidigung gegen die Sowjetunion: Glaube an sich selbst und ihr Land

Grund für die Wehrhaftigkeit Finnlands: die Finninnen und Finnen selbst – und der Glaube an sich und ihr Land. In ihrer Analyse zitiert Elizabeth Brawn Generalmajor a.D. Pekka Toveri, den ehemaligen Leiter des finnischen Militärgeheimdienstes: „Die Opfer, die die Truppen gebracht haben, wären ohne die Unterstützung der Heimatfront nicht möglich gewesen. Die Soldaten wussten, wie sehr sie von der Gesellschaft geschätzt wurden, und sie wussten, dass sie für das Fortbestehen des Landes kämpften.“ Kurzum: Sämtliche Ressourcen des Landes wurden für die Verteidigung eingesetzt. „Dies war die Geburtsstunde der finnischen Politik der totalen Verteidigung, bei der jeder eine Rolle spielt, um das Land zu schützen“, schreibt Brawn. Eine Einigkeit, wie man sie auch in der Ukraine beobachten kann.

Weitere Parallelen: die finnische Kriegsführung, die auf kleine, schnelle Bodentruppen setzte, von den territorialen Begebenheiten ihrer Heimat profitierte und taktisch klug vorging. „Kleine finnische Gruppen näherten sich unseren Truppen auf Skiern von hinten an und unterbrachen unsere Nachschubwege“, zitiert Brawn die Schilderungen eines sowjetischen Soldaten. „Mitte Dezember waren unsere Panzer ohne Treibstoff, die Pferde, die die Artillerie zogen, ohne Hafer und die Soldaten ohne Essen.“ Zahlreiche Panzer seien zudem durch weiß gekleidete finnische Soldaten auf Skiern mit Molotowcocktails zerstört worden. Ähnlich geht auch die ukrainische Armee mittels gezielter Angriffe und wendiger Bodentruppen gegen Russland vor.

Die Sowjetunion wiederum versuchte, durch die schiere Masse an Körpern ihren Feind zu überrollen, was nichts anderes heißt, als dass die Soldaten als Kanonenfutter dienten. Abermals eine Parallele zum Ukraine-Krieg, in dem das oftmals schlecht ausgebildete und unkoordinierte russische Personal in Scharen verheizt wird. Aber selbstverständlich gibt es einen entscheidenden Unterschied. Finnland war nie Teil der einstigen Sowjetunion, während Wladimir Putin sich durch die Geschichte legitimiert sieht, sich die Ukraine einzuverleiben. Ein schnelles Ende, wie einst im Winter-Krieg, ist nicht in Aussicht. Denn für Putin ist ein Sieg über die Ukraine eine historische Mission.

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